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Frankfurter Anthologie : Wolf Biermann: „Berlin, du deutsche deutsche Frau“

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Bild: dpa

Die Balladendichtung ist heute so gut wie tot. Einer ihrer letzten, besten und wirkungsvollsten Vertreter ist Wolf Biermann, der am kommenden Dienstag quicklebendig achtzig Jahre alt wird.

          Es gibt Dichter, und es gibt Balladendichter. Letztere sind, bei aller Popularität, die ein Friedrich Schiller, ein Heinrich Heine, ein Bertolt Brecht in dem Genre erlangten, heutzutage vom Aussterben bedroht, und das ist eigentlich schade. Wolf Biermann, der höchst lebendige bald Achtzigjährige – am kommenden Dienstag hat er Geburtstag –, ist einer ihrer letzten Vertreter in deutscher Sprache. Und er ist einer, der dem Balladenvers zu vorerst letzten markanten Ausdruckshöhen verhalf – kein Zweifel, ein Champion in diesem komplexen Fach.

          Der Balladendichter ist ein Geschichtenerzähler. Er verfügt über den historischen Ausnahmezustand, im Idealfall stellt er ihn her und wird selbst zur Verkörperung von Geschichte. Kaum einer war darin, zu DDR-Zeiten und darüber hinaus, wirkungsmächtiger als Biermann, der kommunistisch gesinnte Pilot, der aus dem Westen hergeflogen kam, ein Hamburger Junge, den Erziehung und Abenteuerlust in den Osten verschlagen hatte und unter dramatischen Umständen dann wieder zurück in den Westen. Zumindest war er kein „Ossi“, er war ein gesamtdeutscher Linker mit echten Familienwurzeln im kommunistischen Milieu der Weimarer Republik. Aus seinem Fall lässt sich viel lernen über die deutsch-deutschen Affären. In einem Gruppenbild aller Beteiligten (Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Politiker) wird er immer im Mittelpunkt stehen. Um seine Figur sammelten sich die Beteiligten wie Eisenfeilspäne nach dem Muster, das der Magnet Staatsmacht in schöner Übersichtlichkeit anordnete. Historiker können für solche Erscheinungen, von denen es immer nur wenige in einer Lebenszeit gibt, dankbar sein.

          Städtebesingen ist keine Kleinigkeit

          Biermann hatte so gut wie alles, was es für die einmalige Rollenbesetzung brauchte. Er war der Sohn eines Hamburger Hafenarbeiters und Kommunisten, der so cool war, dass er sogar sein Judesein in höchster Not auf die leichte Schulter nahm und, gegen jeden Klassen- und Rassenstolz aufbegehrend, sich kühn in den Rachen der deutschen Vernichtungsmaschinerie warf. Die geliebte Großmutter (Oma Meume) überlebte, der Vater aber wurde in Auschwitz ermordet, weil er beim Gestapo-Verhör, wider alle Vorsicht, auf seine jüdische Herkunft pochte. Das alles prägte den Mann, dem die Sprachbegabung offenbar in die Wiege gelegt war wie der politische Orientierungssinn. Dieser Tage erst hat er seine Autobiographie veröffentlicht (der ich das alles entnehme). Ihr könnte, wie der von nur wenigen anderen, das Goethe-Motto voranstehen: „Wohl kamst du durch; so ging es allenfalls. / Mach’s einer nach und breche nicht den Hals.“

          Wolf Biermann war der Held meiner Jugend. Der Mann hat mir früh imponiert. An seinem Beispiel begriff ich, wie staatsgefährdend die richtigen Worte sein konnten. Ein ganzes System mitsamt Politbüro, Grenzregime, Volksarmee und Staatssicherheit konnte durch ein paar gesungene Verse, auf Tonträgern verbreitet, destabilisiert werden. Zum ersten Mal hörte ich sie in Dresden, im Haus des Vaters meiner ersten Schülerliebe – verbotene Mitschnitte eines seiner Konzerte (über den Kassettenrekorder war eine Decke gebreitet), und da war es um mich geschehen. Die freche Schnauze, diese Biermannsche Respektlosigkeit gegenüber Obrigkeiten war eine Lektion fürs Leben. Die Demontage der Macht durch ein paar Bonmots – Liedzeilen, die sich wie Schnupfen im ganzen Land verbreiteten –, das war seine Lehre. Biermanns Geschichtsunterricht war der beste, der damals für junge Menschen im Osten zu haben war. Vorausgesetzt, sie waren empfänglich für die Botschaft der Insubordination.

          Eine gewisse semantische Unbekümmertheit

          Heute würde ich sagen: Es geht nicht immer um diffizile Dichtung. Der Liedermacher, der Singer-Songwriter, wie man im Englischen sagt über Leute wie Bob Dylan oder Leonard Cohen, ist eine ganz eigene Klasse, Nobelpreis hin oder her. Das sind Sprachmagier, die im Zeilensprung Epochen klammern, Räume besetzen. Zum Beispiel Städte, über die sie ihre Flügel ausbreiten (der Preußische Ikarus an der Weidendammer Brücke über der Spree). Städtebesingen ist keine Kleinigkeit, es will gekonnt sein, und Biermann beherrschte sein Metier. Nicht umsonst hat man ihn zum Ehrenbürger Berlins ernannt. In einer seiner frühen Balladen von 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, besingt er die frisch geteilte Stadt. „Berlin, du deutsche deutsche Frau“ ist ein Lied, das in keiner Lyrik-Anthologie zum Thema Berlin fehlen darf.

          Darin wird die Stadt als Frau besungen, ein uralter Topos, gewiss. Aber dann die Details. Doppelt markiert ist sie, ein Wesen gesamtdeutscher Nation, es gibt sie nun zweimal, so wie es das Land in zweifacher Ausfertigung gab seit der parallelen Staatsgründung 1949 und der Teilung des Landes nach Walter Ulbrichts eigenmächtiger Entscheidung zum Mauerbau 1961. Paradox: Die Scheidung wird zur Hochzeit erklärt. Man ist nun getrennt in Eingesperrte und Zuschauer von außen. Die Freundschaftsgefühle des Dichters gelten denen da drinnen (denen gegenüber er die Gefühle eines Tierpflegers zu seinen Zooschützlingen hegt). Wichtig sind ihm die Frauen in dieser Lage – und man weiß, dass ihrer viele ihm zu Füßen lagen. Bizarr: Selbst Margot Honecker, die First Lady des Regimes (meine Volksbildungsministerin), hatte in ihm instinktsicher den verlorenen Sohn erkannt und bei einem Hausbesuch in der legendären Chaussestraße131, im Pelzmantel auf der Kante des Ledersessels sitzend wie Potiphars Weib, ihn zu verführen versucht. Also Frauen: Sie sind die einzigen, die den verstockten Möchtegern-Kommunisten wärmen konnten in der verfahrenen historischen Situation.

          So wird ihm die ganze Stadt zum Traum von der Frau, mit der es sich vielleicht leben lässt, wenn nur die Umstände solch erotisch-ideologischen Überschwang erlauben. Ein Gedicht in barocker Tradition: Personifikation einer Stadt wie bei Andreas Gryphius, Metaphern und Allusionen inklusive, selbst das Oxymoron fehlt nicht: Die Hüften sind schmal wie die Straßen breit. Der Himmel ist hunde-blau – und das ist surreal, hier will einer mit Vorstellungen spielen. Rauh ist der Nordwind – macht aber nichts, auch der Freier, der Stadtliebhaber, begegnet ihr denkbar lässig und kühl. Durch die Zeilen bewegt er sich wie durch lauter (marxistische) Widersprüche – auch den der Geschlechter. Natürlich war das ein Macho-Sound, aber so waren die Zeiten. Kein Berliner Jungautor dürfte heute Verse wie diese schreiben, man würde ihn durch die Frankfurter Allee Spießrutenlaufen lassen. Er hätte aber auch keine Leier mehr dabei (auch keine Gitarre, eher schon sein DJ-Equipment).

          Was also teilt uns heute ein scheinbar naives Zwei-Strophen-Gebilde wie dieses mit? Dass eine Stadt die Frau ist, die einen fesselt? Dass man nichts von ihr zurückbekommt, wenn man sie liebt (schale Küsse) und doch an ihr hängenbleibt – Auslieferung an einen Ort, den man zu erobern gedenkt? Das alles wirkt, aus heutiger Sicht, wie eine Ansammlung von lauter Klischees. So ist es, gerade darin liegt, wie beim Schlager, diese gewisse semantische Unbekümmertheit, seine Stärke. Der Schlager ist die Schwundstufe der Ballade, ein abgesunkenes Kulturgut, das an die Methoden der Klassiker anknüpft und erinnerungstechnisch perfekt funktioniert. Ein Gedicht – sagen die einen, zum Ohrwurm erst wird es als Lied, das einer vorträgt (mit Klampfe oder Mundharmonika). Die beiden letzten Verse der Achtzeiler-Strophen machen es, wiederholt, zum Refrain. Wolf Biermann hat, was er schrieb, nicht nur vorgelesen, sondern, mit seiner eindrucksvoll modulationsreichen Stimme auch zu singen gewagt – „and that has made all the difference“.

          Wolf Biermann: „Berlin, du deutsche deutsche Frau“

          Berlin, du deutsche deutsche Frau

          Ich bin dein Hochzeitsfreier

          Ach, deine Hände sind so rauh

          Von Kälte und von Feuer

          Ach, deine Hüften sind so schmal

          Wie deine breiten Straßen

          Ach, deine Küsse sind so schal

          – ich kann dich nimmer lassen

           

          Ich kann nicht weg mehr von dir gehn

          Im Westen steht die Mauer

          Im Osten meine Freunde stehn

          Der Nordwind ist ein rauher

          Berlin, du blonde blonde Frau

          Ich bin dein kühler Freier

          Dein Himmel ist so hunde-blau

          – darin hängt meine Leier

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