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Frankfurter Anthologie : Wislawa Szymborska: „Überraschendes Wiedersehen“

  • -Aktualisiert am

Bild: Wolfgang Eilmes

Zwei Menschen, die sich einst nah waren, begegnen sich wieder. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. In ihrer Seele aber läuft ein ganz anderer Film ab.

          Eine Alltagsszene: Zufällig begegnet sich ein ehemaliges Liebespaar (auf der Straße?, bei einem gesellschaftlichen Anlass?) und beginnt höflich eine Konversation. „Wie nett, sich nach Jahren wiederzusehen.“ (Gedichttext im Kasten unten)  Schon das Wort „nett“ signalisiert, dass sich die beiden denkbar weit von der einst geteilten Nähe entfernt haben. Was sie einander jetzt sagen werden, kann ausgespart bleiben. Jeder weiß, wie kultivierte Menschen in Momenten der Peinlichkeit lavieren. Doch das Gedicht bleibt unmittelbar in der Szene, es schreibt den unangenehmen Augenblick fort und entwickelt Momentaufnahmen der Begegnung in Raubtiermetaphern. Animalia der Anima, Tiere der Seele, entlarven das Daherreden und lassen gleichzeitig die verlorene Intensität der Beziehung aufscheinen.

          Vierfach (wie eine Inventur der Empfindungen) werden wilde Tiere als „unsere“ aufgerufen. Doch was ist das für eine lahme Menagerie! All die schönen Bestien haben ihre natürlichen Eigenschaften verloren. Die Tiger trinken Milch, statt Wasser zu saufen und lebendes Fleisch zu reißen; die Raubvögel steigen und stürzen nicht mehr in den Lüften, sondern gehen zu Fuß; die Haie ertrinken in ihrem Element, und die Wölfe heulen nicht länger vor Verlangen und Trennungsschmerz, sondern gähnen, und das auch noch am offenen Gitter. Die Tiere haben ihr Wildsein, ihren Freiheitsdrang auf der Erde, in Luft und Wasser verloren. Sie erscheinen als degenerierte oder nicht lebensfähige Mutanten ihrer einstigen Majestät.

          Vertrieben aus dem Paradies der Liebestiere

          Auch in der folgenden dritten Strophe ist von Tieren die Rede, aber sie sind kleiner und in ihrer Bildlichkeit komplizierter. Was von ihnen gesagt wird, liegt bereits in der Vergangenheit. Schlangen, Affen, Fledermäuse hängen noch schwach am nur einmal genannten Possessivpronomen, dafür verbindet sie das dynamische Verb „freischütteln“. Im Alten Testament gibt es die feurigen, blitzenden Wüstenschlangen, die „Seraphim“ heißen, was auch der Name von Engeln ist, die in der Liebe Gottes brennen. Die einst lebhaften, begabten Seelentiere haben das (Liebes)Feuer, die Funken von Kreativität und Schönheit aufgegeben. Zurück bleiben Animae ohne Glanz und Spiel, matte Schlangen, dumpfe Affen, verstümmelte Pfauen. Auch die dem Magischen nahestehenden Fledermäuse (im Chinesischen gelten sie als ein Symbol für Glück) sind aus den Haaren davongeflogen.

          Von allen guten Liebesgeistern verlassen verstummt das einstige Paar mitten im Satz. Den beiden bleibt nur noch ein hilfloses Lächeln, mit dem sie sich ihr Schicksal eingestehen. Dieses abrupte Schweigenmüssen ist ihre letzte aufrichtige Gemeinsamkeit. Resümierend nimmt „unsereiner“ nun zwar das „unser“ der Seelentiere auf, das Wort aber hat sich (wie die Tiere) verwandelt. „Unsereiner“, Menschen wie wir, meint das, haben sich nichts mehr zu sagen. Dieses Wort verbindet die beiden als Gefallene: vertrieben aus dem Paradies der herrlichen, wilden Liebestiere. Jetzt gehören sie einer anderen Gattung an. Als nicht mehr Liebende haben sie einen seraphischen Zustand des Menschseins aufgegeben.

          Das Gedicht ist erschienen in „Sol“ (1962); auf deutsch „Salz“ (1973), ein Gedichtband, der als ein Höhepunkt im Werk der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska (1923 bis 2012) gilt. Ihr kongenialer Übersetzer Karl Dedecius, der die Jahrhundertlyrikerin früh im deutschen Sprachraum bekannt machte, sagte von ihr einmal, sie kartographiere Augenblicke. Tatsächlich verdanken wir Szymborska einen Seelenatlas des Alltags. Kein Thema war ihr zu klein, keines zu groß. Sie schrieb über ein Mädchen, das die Decke vom gedeckten Tisch zieht, oder über das Springen der Verzweifelten von den Twin Towers des 11. September. Unser Dasein bestaunte sie als einen geschenkten Zufall. (Wie viel wahrscheinlicher wäre es doch, nicht zu existieren!) Und in ihren Versen verlieh sie vagen Menschenmomenten poetische Ewigkeit. Ihr dichterisches Hauptwort war „Ich weiß nicht“; ihr Schreiben ein Akt des Verstehenwollens und der Empathie. Was, wenn nicht dieses unwiederbringliche Jetzt, wäre kostbar? Eines ihrer letzten Gedichte beginnt so: „Eigentlich könnte jedes Gedicht ‚Augenblick‘ heißen.“

          Wislawa Szymborska: Überraschendes Wiedersehen / Niespodziane spotkanie

          Wir begegnen uns höflich,

          behaupten: Wie nett, sich nach Jahren wiederzusehen.

           

          Unsere Tiger trinken Milch.

          Unsere Habichte laufen zu Fuß.

          Unsere Haie ertrinken im Wasser.

          Unsere Wölfe gähnen vor dem offenen Käfig.

           

          Unsere Schlangen haben sich freigeschüttelt von Blitzen,

          Affen von Einfällen, Pfauen von Federn.

          Die Fledermäuse sind längst aus unseren Haaren geflüchtet.

           

          Wir verstummen mitten im Satz,

          rettungslos lächelnd.

          Unsereiner hat sich

          nichts mehr zu sagen.

           

          Aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedecius.

           

          ***

           

          Jesteśmy bardzo uprzejmi dla siebie,

          twierdzimy, że to miło spotkać się po latach.

           

          Nasze tygrysy pija mleko.

          Nasze jastrzębie chodza pieszo.

          Nasze rekiny toną w wodzie.

          Nasze wilki ziewają przed otwartą klatką.

           

          Nasze żmije otrząsneły się z błyskawic,

          małpy z natchnień, pawie z piór.

          Nietoperze jakże dawno uleciały z naszych włosów.

           

          Milkniemy w połowie zdania

          bez ratunku uśmiechnięci.

          Nasi ludzie

          Nie umieją mówić z sobą.

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