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Frankfurter Anthologie : William Carlos Williams: „Ich wollte nur sagen“

  • -Aktualisiert am

Bild: The LIFE Images Collection/Getty

Es ist eigentlich nur ein Zettel auf dem Küchentisch. Doch je länger man sich auf seine einfache Botschaft einlässt, desto weitläufiger werden die Zusammenhänge. Und am Ende sieht man eine fast perfekte Ehe vor sich.

          Dieser 1934 veröffentlichte Text (siehe Kasten unten) ist kein Gedicht, wie man es sich an einem meditativen Schreibort ausdenkt. Dies ist ein Zettel auf dem Küchentisch, ein objet trouvé. Wer ihn ohne diesen Zusammenhang liest, befindet sich in der Situation eines Detektivs, der das Fundstück, tastend und mutmaßend, als Zeichen weitläufiger Zusammenhänge entziffern muss. Und in der Tat werden die Zusammenhänge immer weitläufiger, je länger man hinsieht.

          Wer hat das geschrieben? Jemand, der sich mit jemand anderem einen Kühlschrank teilt. Der oder die andere ist abwesend; wenn die Notiz gelesen wird, bei einem leider pflaumenlosen Frühstück, ist wiederum der Schreiber abwesend, sonst müsste er ja nicht schreiben. (Benützen wir der Kürze halber die maskulinen Formen, obwohl wir über das Geschlecht der Beteiligten nichts wissen; Williams hat später angedeutet, er habe hier einen Zettel seiner Ehefrau verwendet, aber das ist nicht Teil des Gedichts.) Ort des Geschehens ist eine Wohnung in Amerika, wo die Kühlschränke früher „iceboxes“ hießen. Es ist Herbst, Pflaumenzeit. Und es ist vermutlich Nacht: Jemand ist wach, jemand anderes schläft und soll nicht geweckt werden; schon die bloße Existenz dieses Zettels ist ein Ausdruck der Rücksicht.

          Warum wir einander schreiben

          Daran hat es der Schreiber allerdings gerade fehlen lassen. Die Pflaumen, die am Morgen das Frühstück versüßen sollten, hat er bei Nacht verzehrt; das beichtet er auf diesem Zettel. Das ist alles, und es wäre trivial, wenn es nicht dargeboten würde wie eine Kostbarkeit, die man umsichtig entfalten muss, in den Versen eines Gedichts. Die graphisch gleichmäßigen Strophen ergeben einen halbwegs gleichmäßigen, jambisch-daktylischen Rhythmus. Doch die Überschrift, die bereits zum ersten Satz gehört, macht einen prosaischen Anfang, alltäglich wie dieser ganze Text. Und so poetisch, wie es der Alltag zweier Liebender unverhofft sein kann; „pflaumenleicht“, mit Mörikes Wort.

          Wer so schreibt, vertraut darauf, dass jemand dies freundlich lesen wird. Und dessen bedarf der Schreiber auch, denn er – oder sie – hat eine Regel verletzt: hat aufgegessen, was der Adressat aufbewahren wollte. Wie wichtig dieser Wunsch gewesen sein muss, zeigt das eine eigene Zeile füllende „saving“ an, das damit, und weil es „aufbewahren“ und „erretten“ heißen kann, unversehens an Gewicht gewinnt. Und so redensartlich die Wendung „Forgive me“ klingt, so ernsthaft wird auch sie hier: feierlich eröffnet mit dem einzigen Großbuchstaben des Gedichts (außer dem „I“ zu Beginn). Das Beiläufige der Redensart und die Feierlichkeit des großen Wortes halten einander die Waage. Auf saving und Vergebung aber folgt nur eine Skizze der Situation, in die sich der oder die Angeredete doch gewiss hineinversetzen kann: Die Süßigkeit und die köstliche Kälte waren den Augenblick verbotener Freude wert; zur Erklärung genügt das zweifache „so“, der Adressat weiß dann schon. Dass die Süßigkeit ein Genuss war, leuchtet ein; aber warum die Kälte? Der Schreiber muss erhitzt, die Abkühlung eine Wohltat gewesen sein. Das, sagt sein „so“, wirst du doch nachfühlen können.

          „This Is Just to Say“ ist ein sehr berühmtes Gedicht geworden, dank einer Ökonomie, die mit einem Minimum an Worten ein Maximum an Beziehungen eröffnet. Es macht sichtbar, was nicht eigens beredet werden muss; W. C. Williams hat das in seiner Maxime resümiert: „There are no ideas but in things.“ Das gefundene Objekt spricht in dem, was es sagt, und in dem Ungesagten, auf das es hindeutet. Es spricht von Poesie und Alltag, von einem Augenblick körperlichen und seelischen Glücks, allein und doch nicht allein. Es zeigt, warum wir einander schreiben; es zeigt in einem winzigen Ausschnitt eine Beziehung, die so einverständig bleibt, weil sie um Vergebung bitten und auf Vergebung vertrauen kann. Als ich das Gedicht mit Studenten gelesen hatte – wir verbrachten eine Doppelstunde mit diesen Worten, die alle auf Anhieb verstanden zu haben glaubten –, sagte jemand am Ende in die Stille: „So eine Ehe will ich auch mal führen.“

          William Carlos Williams: „Ich wollte nur sagen“ / „This Is Just To Say“

          Ich habe

          die Pflaumen

          im Eisschrank

          gegessen

           

          die du sicher

          aufheben

          wolltest

          fürs Frühstück

           

          Vergib mir

          sie waren köstlich

          so süß

          und so kalt

          Aus dem Amerikanischen übertragen von Heinrich Detering.

          ***

          I have eaten

          the plums

          that were in

          the icebox

           

          and which

          you were probably

          saving

          for breakfast

           

          Forgive me

          they were delicious

          so sweet

          and so cold

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