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Frankfurter Anthologie : Wilhelm Lehmanns „Auf sommerlichem Friedhof (1944) In memoriam Oskar Loerke“

  • -Aktualisiert am

Bild: Friedrich Schwarz / dpa

Lohnt es sich, an Oskar Loerke zu erinnern? Dieses Gedicht, das ihm gewidmet wurde, zählt zu den guten Gründen, es zu tun.

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          Als Wilhelm Lehmann im Juli 1944 am Grab seines Freundes Oskar Loerke steht, ist dieses noch lange kein Ehrengrab, dazu wird es erst 34 Jahre später. „Es könnte nirgend stiller sein“, ja, der Friedhof Frohnau liegt so abseits wie nur möglich, im äußersten, nördlichen Zipfel von Berlin, die Friedhofsmauer ist zugleich die Stadtgrenze, und in späteren Zeiten wird es die berühmte, berüchtigte „Mauer“ selber sein. Der gewohnte Lärm der Millionenstadt ist fern, der grüne Waldfriedhof lädt ein zum Spazieren, gerade im Sommer herrscht unter den dichten Bäumen überall ein kühler Schatten. In der Mitte steht heute ein Stein mit der Inschrift: „Den hier ruhenden Opfern des Krieges 1939 – 1945 zum Gedenken.“

          Im Juli 1944 ist dieser Krieg schon verloren, das weiß man auch damals. Dass er noch neun Monate dauern wird, weiß Wilhelm Lehmann noch nicht, die Kriegszeit, die vor ihm liegt, dehnt sich ohne sichtbares Ende, und jeder Monat mehr kann den Tod bedeuten. Oskar Loerke war im Februar 1941 gestorben, und Lehmann kennt Augenblicke, in denen er ihn darum beneidet. Auch vier Jahre nach seinem Tod bleibt der Freund dem nahezu Vereinsamten ein wichtigerer Gesprächspartner als die Lebenden, zumindest in Gedanken.

          Lehmann ist ein vom Krieg Traumatisierter. 1882 geboren, wird er 1917 eingezogen, doch er desertiert im September 1918, kommt in englische Kriegsgefangenschaft. Die Schrecken des Weltkriegs, der damals noch nicht der „Erste“ heißt, beschreibt er in „Der Überläufer“, aber die Zeit will nichts wissen von einem solchen Roman, und er kann erst Jahrzehnte später erscheinen, nach einem weiteren Weltkrieg.

          Eine Schande, die er sich nie verzeiht

          Lehmann wird Lehrer, lebt weitab vom Betrieb in Eckernförde an der Ostsee, macht sich langsam einen Namen als Lyriker, bekommt Preise, bleibt dennoch am Rand. Und dann schließt er Freundschaft mit Oskar Loerke, der auf ganz andere, aber verwandte Weise am Rande lebt. Auch Loerke ist ein geschätzter Lyriker, aber Lyrik bringt kaum großen Ruhm, und so ist er noch geschätzter mit seinen Brotberufen als Kritiker, Lektor im S. Fischer Verlag, als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste, Sektion für Dichtkunst.

          Das Jahr 1933 wird für beide zum Lebensbruch. Wo leben Loerke und Lehmann, wenn nicht in innerer Emigration? Beide sind viel zu unbekannt für einen Erfolg im Ausland, und keiner von ihnen steht unter der Morddrohung der Rassegesetze. Loerke arbeitet weiter, Verzweiflung und Ekel sind der Grundton seines privaten Tagebuchs; Lehmann arbeitet weiter, veröffentlicht 1935 noch einen Gedichtband: „Antwort des Schweigens.“

          Doch nicht einmal das Abseits ist ein sicherer Ort. Auch die inneren Emigranten bleiben verstrickt, und das hat die Nachwelt nicht vergessen. Lehmann tritt am 1. Mai 1933 der NSDAP bei, um seine Lehrerstelle nicht zu verlieren; zwei Tage später, angewidert von sich selbst, doch ohne den Mut zum Bekenntnis, schreibt er an seinen jüdischen, bald schon emigrierten Freund Werner Kraft: „Lieber Herr Kraft, ich grüsse Sie aus der Tiefe der Empfindungen und wünsche Ihnen & mir die Fähigkeit, sich aus der Bitterkeit der Bitternisse emporzusaugen. Ich gedenke Ihrer als Ihr Wilhelm Lehmann.“

          Loerke unterschreibt im Oktober als Sekretär der Preußischen Akademie das Treuegelöbnis an den gehassten „Führer“ – auf Bitten des jüdischen Verlegers Samuel Fischer, der so seinen Verlag zu retten hofft. Diese Unterschrift, eine Schande, die er sich nie verzeiht, quält Loerke durch die bleibenden, bitteren Lebensjahre; Lehmann schickt 1945, gleich als der Postverkehr wieder möglich wird, eine Suchanzeige nach Jeru­salem: „My dear Mr. Kraft, are you still alive?“ Ihre Freundschaft überlebt, es folgen noch Hunderte von Briefen.

          Die Gegenwart eines Dichters

          Von alldem spricht Wilhelm Lehmanns verkapptes Sonett nicht – und spricht dennoch von nichts anderem. Die geschichtsferne Unschuld der Naturlyrik ist ein Missverständnis, und Lehmann unterläuft es schon durch die unpoetische Klammer mit der Jahreszahl im Titel, denn wer wüsste nicht, was „1944“ heißt? Die Sommeridylle weckt Sehnsucht nach einer freundschaftlichen Gemeinsamkeit, die längst in ein anderes Zeitalter gehört, und während der Dichter noch für einen Moment den Ver­storbenen zu beschwören meint, bricht die Gegenwart brutaler ein als wohl je in ein deutsches Naturgedicht: „Sirene heult, Geschützmaul bellt. / Sie morden sich: es ist die Welt.“ Was klingt wie das ferne Echo jener expressionistischen Lyrik, der man gerade Loerke oft zuordnet, ist krasse Wirklichkeit. Der Bombenkrieg hat Berlin im Frühjahr 1944 mit voller Wucht erreicht, und als Lehmann sein Manuskript auf den 25. Juli datiert, weiß schon jeder von dem gescheiterten Attentat in der „Wolfsschanze“.

          Wilhelm Lehmann steht am Grab seines Freundes, und das ist nicht mehr als ein kurzes Innehalten: „Der Tag ist süß und ladet ein“, heißt es, doch der Widerspruch dreht ihm die Worte im Munde um: „Der Erdentag lädt nicht mehr ein.“ Im weltgeschichtlichen Erdentag lässt sich der eigene, geschichtsferne Tag nur für einen Augenblick erleben, nicht mehr. Lehmann widerruft seinen Wunsch, der tote Freund möge erscheinen: „Komm nicht! Laß mich allein ...“ Lehmann stirbt erst im November 1968, und obwohl ihn noch eine Art Ruhm einholen wird, bleibt er seiner Gegenwart fremd. Heute, so sagt man, ist er vergessen wie sein Freund Oskar Loerke in Frohnau. Aber stimmt das wirklich? Was ist die Gegenwart eines Dichters? Die Lektüre eines Gedichts, die Erinnerung an die Erfahrungen, die darin eingeschrieben sind. Wilhelm Lehmann hat mit seiner in der Mitte durchgerissenen Idylle auf dem sommerlichen Friedhof dem Freund und sich selbst ein unvergessliches Denkmal gesetzt, dauerhafter als der Stein, auf dem der Fliegenschnäpper hüpft.

          Wilhelm Lehmann: „Auf sommerlichem Friedhof (1944) In memoriam Oskar Loerke“

          Der Fliegenschnäpper steinauf, steinab.
          Der Rosenduft begräbt dein Grab.
          Es könnte nirgend stiller sein.
          Der darin liegt, erschein, erschein!

          Der Eisenhut blitzt blaues Licht.
          Komm, wisch den Schweiß mir vom Gesicht.
          Der Tag ist süß und ladet ein,
          Noch einmal säßen wir zu zwein.

          Sirene heult, Geschützmaul bellt.
          Sie morden sich: es ist die Welt.
          Komm nicht! Komm nicht! Laß mich allein,
          Der Erdentag lädt nicht mehr ein.
          Ins Qualenlose flohest du,
          O Grab, halt deine Tür fest zu!

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