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Frankfurter Anthologie : „Wie immer“ von Robert Walser

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Bild: F.A.Z., Picture-Alliance

Kein Sturm, kein Beben und auch kein Krieg - und doch muss überprüft werden, ob noch alles am richtigen Platz ist: „Wie immer“ von Robert Walser in der Frankfurter Anthologie.

          Wer ein Geschäft besitzt, einen Schreibwarenhandel beispielsweise, der weiß, dass einmal pro Jahr eine Inventur fällig ist. Dann muss alles gezählt werden, was sich im Laden befindet. Jeder Bleistift, jeder Radiergummi, jede Feder und jedes Lineal. Was eine mühevolle Angelegenheit ist und wofür der Ladenbesitzer hoffentlich einen, mit Walser zu sprechen, „Gehülfen“ oder „Commis“ hat, dem er diese Arbeit überlassen kann.

          Robert Walser kannte sich damit aus, sowohl mit den kleinen Dingen des Lebens, den Bleistiften, Radiergummis, Federn und allen möglichen Papiersorten, die ihm als Schreibunterlage dienten, als auch mit dem Leben der kleinen Angestellten, die sich besagten kleinen Dingen widmen. Und er selbst besaß ja – im übertragenen Sinne – auch so etwas wie einen Schreibwarenhandel. Sein „Prosastückligeschäft“ hat er diesen Handel genannt. Walser freilich hatte keinen Kommiss, er war sein eigener Angestellter, und er hat dieses Geschäft unermüdlich und nicht ohne Wirkung vorangetrieben. Bis hin zur großen Erschöpfung sozusagen, die ihn erst als Schriftsteller verstummen ließ und ihn schließlich für mehr als zwei Jahrzehnte in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau geführt hat, wo er im Jahr 1956 gestorben ist.

          Walsers Gedicht „Wie immer“ ist 1909 in einem bibliophilen Bändchen mit dem Titel „Gedichte“ erschienen. Von der Machart her ließe es sich der Gattung der Inventurgedichte zurechnen, dessen bekanntestes Beispiel in der deutschen Literatur wohl Günter Eichs 1947 erstmals publiziertes Gedicht „Inventur“ ist, in dem heißt es: „Dies ist meine Mütze,/dies ist mein Mantel,/hier mein Rasierzeug,/im Beutel aus Leinen“. Eich hat das Gedicht unmittelbar nach dem Krieg in amerikanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben, und es demonstriert, wie sich jemand nach überstandener Katastrophe anhand der wenigen Dinge, die um ihn sind, seiner Existenz versichert.

          Eine bittere Bilanz

          Auch Walsers Gedicht hat diesen katastrophischen beziehungsweise nachkatastrophischen Klang, als sei ein Sturm durch das Zimmer des Poeten gefahren, als habe ein Beben das Haus erschüttert, und als müsse er sich nun vergewissern, ob alles noch an seinem Platz ist, einschließlich seiner selbst: „Die Lampe ist noch da, der Tisch ist auch da,/und ich bin im Zimmer“.

          Aber es gab keinen Sturm, kein Beben und auch keinen Krieg. Es ist vielmehr der ganz gewöhnliche Alltag, der gleichwohl für Walser beunruhigend genug ist, um sich zu fragen, ob all das, was gleichsam die Elementarausstattung seines Lebens ausmacht, noch vorhanden ist. Er beantwortet sich diese Frage mit einem Ja, das freilich von höchster Ambivalenz ist: denn da ist neben der Lampe und dem Tisch noch einiges mehr, was offenbar ebenfalls zur Grundausstattung seines alltäglichen Lebens gehört: die „Sehnsucht“, die „Feigheit“, die „Lüge“ und das „Unglück“. „Wenn die Irrtümer verbraucht sind“, heißt es bei Bertolt Brecht, „Sitzt als letzter Gesellschafter/Uns das Nichts gegenüber.“ Aus der Perspektive Robert Walsers ließe sich ergänzen: Mit der Sehnsucht, der Feigheit, der Lüge und dem Unglück haben wir schon immer Tisch und Bett geteilt.

          In der Handelsschule kann man lernen, dass die Inventur die Voraussetzung einer ordnungsgemäßen Bilanz ist. Walsers Bilanz ist dementsprechend bitter. Diese Bitterkeit wird hier nicht, wie in vielen von Walsers Texten, durch Spiel, Ironie, Kindlichkeit oder gar Albernheit gemildert. Oft genug ist der Schriftsteller Walser zum Lachen. Und vermag seine Traurigkeit durch Humor erträglicher und vielleicht überhaupt erst sagbar und verstehbar zu machen. In diesem eher kunstlosen, aber durchaus wirkungsvollen Gedicht, lacht niemand. Nicht der Autor und nicht der Leser. Aber auch Letzterer weiß auf Anhieb, was gemeint und wovon die Rede ist.

          Wie immer

          Die Lampe ist noch da,
          der Tisch ist auch noch da,
          und ich bin noch im Zimmer,
          und meine Sehnsucht, ah,
          seufzt noch wie immer.

          Feigheit, bist du noch da?
          und, Lüge, auch du?
          Ich hör’ ein dunkles Ja:
          das Unglück ist noch da,
          und ich bin noch im Zimmer
          wie immer.

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