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Frankfurter Anthologie : Adam Zagajewski: „Wettbewerb“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Wie geht man mit dem eigenen Scheitern um? In diesen Versen versucht eine Mutter, den Beinahe-Gewinn eines vergangenen Wettbewerbs in einen echten zu verwandeln. Die Jury besteht aus den eigenen Kindern.

          In Adam Zagajewskis Gedichtsammlung „Asymmetrie“ finden sich mehrere Erinnerungen an eine verstorbene Mutter. Sie bilden kein eigenes Kapitel, sondern sind so über den Band verstreut, wie im Leben immer wieder einmal Gedanken an einen geliebten toten Menschen auftreten. Deshalb kann das Gedicht „Wettbewerb“ ganz unvermittelt mit der Wendung „Oder als“ beginnen, als Signal, dass es sich hier um eine der Szenen handelt, die mit der Mutter verbunden sind und von ihr bleiben.

          Was nun berichtet wird, gehört zu einer bekannten Kind-Eltern-Konstellation: Eltern erzählen Episoden aus ihrem Leben immer wieder, und die Kinder, die diese schon auswendig mit aufsagen könnten, stöhnen innerlich leise auf, wenn die Mutter oder der Vater beginnt: „Nicht das schon wieder“, denkt man, aber man ist höflich und hört zu und verzieht möglichst keine Miene.

          Im vorliegenden Fall geht es um das Jurastudium der Mutter, und dabei muss man bedenken, dass ein Frauenstudium nichts Selbstverständliches war, wenn man an die Generation der Mutter des 1945 geborenen Autors denkt. Im Gedicht wird dies auch angesprochen, denn die Konkurrenten der Mutter bei einem Redewettbewerb sind vor allem Männer, die später Karriere machen werden, und deshalb ist es umso bedeutsamer, dass sie als Frau „fast“ gewonnen hätte. Dieses „fast“ wird so oft wiederholt, wie die Mutter von dem Wettbewerb erzählt, und weil sie so knapp gescheitert, aber eben doch gescheitert ist, dreht sich hier alles auch um das Gelingen und Misslingen im Leben. Beides geht manchmal ineinander über, die Grenze wird durchlässig, so wie es das einfache und klare, aber gleichzeitig höchst kunstvolle Gedicht vorführt: „sie erwies sich als die Beste, fast die Beste, wenn auch formal/jemand anderes den ersten Preis bekam –“.

          Die bittersüßen Siege der Erinnerung

          Die Kinder hören sich dies alles an, und sie verstehen auch, was gespielt wird, dass nämlich der Redewettbewerb immer noch weitergeht und zudem symbolische Bedeutung bekommt, ein weit größerer Wettstreit stattfindet, den man „Ich gegen mein Scheitern“ nennen könnte. Behält die knappe Niederlage die Oberhand, oder schafft man es, sie, die schließlich „fast“ ein Sieg war, als solchen zu verstehen, sie zum Teil einer Lebensgeschichte geraten zu lassen, die insgesamt trotz solcher Niederlagen vielleicht doch ein Sieg war? Hat es gereicht, hat man genügt, hat man immerhin „fast“ genügt? Da man dies schwer allein entscheiden kann, sollen die Kinder helfen, die als Jury dienen und bestätigen sollen, dass Mutters Leben ein erfolgreiches und richtiges war. Aber Kinder sind in solchen Situationen oft grausam, wollen nicht funktionalisiert werden, hören spöttisch zu, denken sich ihr Teil so wie das Ich in diesem Gedicht – und schweigen. Bis es zu spät ist, bis die Mutter gestorben ist, und dann vermisst man den Redewettbewerb und Mutters ewige Geschichten darum. Jetzt erst kann der Sprecher ihr zubilligen, was er früher versäumt hat, dass die Arbeit an der Erinnerung und das Um- und Umwühlen der Vergangenheit erfolgreich waren: Sie hat, so das Schlusswort des Dichters als Juror, „wirklich gewonnen“.

          Adam Zagajewski hat mit „Wettbewerb“ ein Gedicht geschrieben, das seinen Rhythmus durch die vielen rhetorischen Anläufe der Mutter erhält, er hat psychologisch kundig erzählt und das Drama einer Lebensgeschichte verfasst. Damit gehört er zu den großen polnischen Dichtern des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, und besonders verwandt ist er Wisława Szymborska, mit der er auch die Bindung an die Stadt Krakau teilt. Wie sie nimmt Zagajewski seinen Stoff aus kleinen Erlebnissen und klopft diese so lange und geduldig ab, bis darin ganze Existenzen erscheinen. Seine lyrische Form ist meistens frei, folgt aber sehr genau den Lebensbewegungen, die er beschreibt, schmiegt sich an diese geradezu an. Wie die Mutter nimmt auch Zagajewski an einem unsichtbaren Wettbewerb teil, in dem er in unermüdlicher Arbeit seinem Leben in Gedichten Bedeutung zu verschaffen versucht.

          Adam Zagajewski: „Wettbewerb“ / „Konkurs“

          Oder als sie uns, wohl zum zehnten Mal,
          von dem Redewettbewerb erzählte, den sie, damals noch
          eine junge Jurastudentin, gewann, fast gewonnen hätte, obwohl
          sie starke Gegner hatte, und wie überrascht
          alle waren, dass eine Frau gesiegt hatte, fast gesiegt hätte,
          und kein Mann, kein zukünftiger Rechtsanwalt oder Richter;
          sie erwies sich als die Beste, fast die Beste, wenn auch formal
          jemand anderes den ersten Preis bekam –
          das war ihr größter Erfolg,
          und wir hörten ihr zu, später, wesentlich später,
          spöttisch, etwas gelangweilt, und dachten: „Auch jetzt
          nimmst du an einem Wettbewerb teil, einem unsichtbaren,
          wie die meisten dieser Wettkämpfe,
          und möchtest von uns die Lorbeeren erhalten,
          die man dir damals versagte.“
          Wie gern würde ich jetzt wieder
          Mutters Erzählung hören
          von dem Wettbewerb, bei dem sie fast gesiegt hätte
          und den sie, so scheint mir, nach Jahrzehnten
          unermüdlicher Erinnerungsarbeit
          wirklich gewonnen hat.

          Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.

          ***

          Albo kiedy nam opowiadała, chyba po raz dziesiąty,
          o konkursie krasomówczym, który, wtedy jeszcze
          młoda studentka prawa, wygrała, prawie wygrała, mimo że
          miała poważnych przeciwników, i jak wszyscy
          byli zaskoczeni, że to kobieta zwyciężyła, prawie zwyciężyła,
          a nie mężczyzna, przyszły adwokat czy sędzia;
          okazała się najlepsza, prawie najlepsza, chociaż formalnie
          komuś innemu przyznano pierwszą nagrodę -­‐
          i to był jej największy sukces,
          i jak my słuchaliśmy jej relacji, później, dużo później,
          ironicznie, lekko znudzeni, myśląc: „także i teraz
          bierzesz udział w konkursie, tylko niewidzialnym,
          jak większość tego rodzaju zawodów,
          i chciałabyś od nas otrzymać laur,
          którego wówczas ci odmówiono“,
          i jak teraz chciałbym znowu
          usłyszeć opowiadanie mamy
          o konkursie, w który prawie zwyciężyła,
          i który, wydaje mi się, po dziesięcioleciach
          niestrudzonej pracy jej pamięci,
          wygrała naprawdę.

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