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Frankfurter Anthologie : John Donne: „Sein Bildnis“

  • -Aktualisiert am

Bild: Reuters

Da sieht der jugendfrische Liebhaber plötzlich alt aus: Kleines Abschiedsdrama zweier Liebender aus Anlass einer großen Kaperfahrt der englischen Flotte gegen Spanien.

          2 Min.

          Ein junger Mann drängt hinaus ins wahre Leben, will sich auf abenteuerlicher Fahrt bewähren. Seine Freundin darf da nicht mit. Beim Abschied steckt er ihr sein Bild mit ein paar zärtlichen Zeilen zu. Gemeinsam ver­sichert man sich bleibender Zuneigung und hofft auf ein glückliches Wiedersehen. So weit, so alltäglich.

          Doch nicht, wenn die Zeilen von John Donne stammen, dem großen Liebesdichter der Shakespeare-Zeit, und der Aufbruch des vierundzwanzigjährigen Autors im Juni 1596 einer Kaperfahrt der englischen Flotte gilt. Unter dem Kommando der aristokratischen Draufgänger Essex und Raleigh hat man es auf die spanische Hafenstadt Cádiz abgesehen, die dann tatsächlich in einem verwegenen Handstreich erobert und geplündert wird. Das Risiko für Leib und Leben der Teilnehmer bei einer solchen Unternehmung ist groß.

          Die Gewaltsamkeit dieser biographischen Zäsur wird in Donnes Gedicht gleichsam dem Bildnis selbst in den Mund gelegt (bei solchem Anlass damals oft eine Miniatur, körpernah in einem Medaillon zu tragen) und zu einer Kampfansage des Eros an die Zeit dramatisiert. Ein abrupter Auftakt versetzt uns in die Abschiedssituation, die hier wie in so manchen anderen Donne-Gedichten als Herausforderung einer wechselseitigen Liebe durch die feindliche Außenwelt erlebt wird. Dabei fasst der Sprecher mit Blick auf das eigene Porträt die beiden Optionen seiner Zukunft ins Auge: Tod oder Rückkehr.

          Vorausschauender Blick in den Abgrund

          Zwei Satzbögen, wie sie unterschied­licher nicht sein könnten, bestimmen bei dieser Vorschau in den Abgrund den Mehrwert, der dem unveränderlichen Bild im Vergleich zu seinem bald stark veränderten Original zuwachsen wird, und dies para­doxerweise, gerade weil es ja nur ein Schatten des Porträtierten ist. Ein lakonisches Verspaar und eine metaphorische Ironie genügen für die Visualisierung des eigenen Todes. Dann, beim Selbstporträt des Kriegsheimkehrers, greift der Satz gewaltig und gewalttätig aus, um das krasse Gegenbild eines begehrenswerten Liebhabers zu entwerfen. Hier zeigt sich Donne, von dem es hieß, er habe in jungen Jahren nicht nur die Damenwelt, sondern auch das Theater eifrig frequentiert, als Zeitgenosse von Shakespeare und Ben Jonson: Sechs zu­nehmend drastische Verse lassen das eben noch jugendfrische Ich plötzlich alt aus­sehen und seinen Kurswert als Liebhaber scheinbar ins Bodenlose fallen.

          Dann ein Sprecherwechsel in ganz anderer Tonart: Die Peripetie dieses imaginierten Liebesdramas geht von der Geliebten aus. Doch es ist eine männliche Dialektik, die hier triumphiert. Sie eignet sich die Stimme der in ihren erotischen Rechten eingeschränkten Frau an, um körperlichen Verlust als emotionalen Gewinn zu verbuchen. So wird die Geliebte zu einer Dramenfigur unter der Regie des Liebenden, und in ihrer schönsten Eloquenz des Herzens mit einer poetischen Überzeugungskraft „entmündigt“, der man lesend nur schwer wider­stehen kann.

          Das Ende dieses Mono-Dialogs (so nennt Donne diese Form einmal: dia­logue of one) gibt dem gängigen petrarkistischen Bild vom Anblick des geliebten Menschen als „Nahrung“ der Liebe eine krass unlyrische Wendung: „To feed on that, which to disused tastes seems tough“, so sagt es das Original. Der rhythmische Stolperstein einer zusätzlichen Silbe verwandelt die zuvor beschworenen Strapazen des Ausreisenden in einer metrischen Pointe. Hier hat der Übersetzer der finalen Kompaktheit zuliebe etwas geglättet – darf er das?

          Übrigens: Die Anführer der Kaperfahrt, Essex und Raleigh, beschlossen ihre Laufbahn – der erste nach einem Putschversuch, der zweite nach einem gescheiterten Kolonialabenteuer – auf dem Schafott, John Donne die seine als wortmächtiger Kanzelredner und geistlicher Dichter.

          John Donne: „Sein Bildnis“

          Hier, nimm mein Bild, lebwohl, der Aufbruch drängt
          (deins hab ich seelentief ins Herz versenkt).
          Noch gleicht es mir: trifft mich der Tod, so steigt
          durch unser beider Schattentum sein Preis;
          und kehr ich heim, sonnengedunkelt, derb
          die Hand vom rauhen Ruder, sturmgegerbt,
          Gesicht und Brust ein Haarwald, und das Haupt
          vom jähen Leidens-Rauhreif übergraut,
          mein Leib ein Sack voll Knochen, schlecht vertäut,
          die Haut mit Pulverflecken blau bestreut, -
          reizt, was du liebst, dann der Rivalen Spott,
          ein Mann, der ich dann schein, so wüst und grob,
          so sagt dies, was ich war; und du sagst dann:
          Trifft mich sein Mangel? Schmält er meinen Rang?
          Und trübt er ihm das Auge, dass er heut,
          was er am liebsten sah, zu sehen scheut?
          Was einst an ihm gefällig war und fein,
          war Milch, die Liebe in der Kinderzeit
          zu stillen, doch sie wuchs und ist erstarkt:
          Was sie jetzt nährt, scheint schwachem Biss zu hart.

          Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels

          His Picture

          Here take my picture; though I bid farewell,
          Thine, in my heart, where my soul dwells, shall dwell.
          'Tis like me now, but I dead, 'twill be more
          When we are shadows both, than 'twas before.
          When weather-beaten I come back, my hand
          Perhaps with rude oars torn or sun-beams tanned,
          My face and breast of haircloth, and my head
          With care's rash sudden hoariness o'erspread,
          My body a sack of bones, broken within,
          And powder's blue stains scattered on my skin:
          If rival fools tax thee to have loved a man,
          So foul, and coarse, as Oh, I may seem then,
          This shall say what I was, and thou shalt say,
          Do his hurts reach me?  Doth my worth decay?
          Or do they reach his judging mind, that he
          Should now love less, what he did love to see?
          That which in him was fair and delicate,
          Was but the milk, which in love's childish state
          Did nurse it, who now is grown strong enough
          To feed on that, which to disused tastes seems tough.

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