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Frankfurter Anthologie : Robert Walser: „Welt (I)“

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Bild: FAZ.NET

Die Verse in diesem Gedicht des 21 Jahre alten Robert Walser zeigen einen beschwingten Blick auf die Welt – und stehen damit im Gegensatz zu seiner späteren Resignation.

          Die Überschrift des Gedichts klingt hoch gegriffen, und die ersten Verse würden in der Tat ein wenig pathetisch wirken, wenn nicht das Lachen am Anfang stünde. Das Gelächter aber ist nicht das des Einzelnen, der sich gegen die Welt stemmt, sondern das der Welt selbst, sogar vieler, tiefer Welten, die entstehen und vergehen. Der alte Vergänglichkeitstopos des Irdischen wird ins Universale erweitert. Zwar gibt es die Annahme von Parallelwelten in der Philosophie seit der Antike, doch Robert Walser konnte zur Zeit der Entstehung des Gedichts nichts wissen von der Expansion des Universums und schon gar nichts von der Theorie der Multiversen. Gleichwohl lösen die Verse heute solche Assoziationen aus.

          Die verschiedenen Welten, seien es kosmische oder auch gesellschaftliche, von denen Walser hier spricht, sind nicht fest und unveränderlich, sie „wandern“. Möglicherweise liegt ihre Wahrheit gerade in der Veränderung, im Wandel, der Freiheit verheißt. Von Kafka ist der Satz überliefert: „Die Vorstellung von der unendlichen Weite und Fülle des Kosmos ist das Ergebnis der zum Äußersten getriebenen Mischung von mühevoller Schöpfung und freier Selbstbesinnung.“ Erst in der evolutionären Bewegung, so legen die folgenden Sätze des Gedichts nahe, erscheinen die Welten als „immer schöner“ gegenüber denen, die sie hinter sich gelassen haben. Das „Fliehen“ ist ihr paradoxes Fundament. „Es ist ein Gehen in allem und ein Kommen in allem“, heißt es im Roman „Geschwister Tanner“ und: „Die ganze Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so!“

          Mit den drei Schlussversen des Gedichts wird es persönlich; unter dem universalen Modell des Fliehens und Schwindens darf das lyrische Ich selbst unstet und unverzagt sein, ohne Angst und unbekümmert. Das gibt ihm den Blick frei auf die Welt als solche, es kann „unzertrümmert“ die Welt nehmen, wie sie ist, und durch sie hindurchgehen, sie sogar „durchstreben“. Doch der Schalk sitzt auch im Versmaß: Dreihebige Jamben sind aus Kinder- und Volksliedern bekannt, nicht selten aber wird das Metrum zu Scherz und Spott verwendet. Ebenso aufschlussreich ist das Reimschema, der Wechsel von zweizeiligem Paarreim (aa) und vierzeiligem sogenannten umarmenden oder Schweifreim (bc cb). Spiegelt sich hier – auch wenn die Frage weit hergeholt sein mag – das Motiv des Umherschweifens, des Unbeständigen und die Liebe zur Welt gleichermaßen?

          Die ganze Welt saust mit

          Als Lyriker ist Walser weniger bekannt geworden, und nicht selten wurde er hart kritisiert, aber seine schriftstellerische Laufbahn begann mit Gedichten, die freilich in ihrer unspektakulären Diktion gegen die empfindsamen Momentaufnahmen des Impressionismus und den rauschhaften Expressionismus kaum eine Chance hatten. Das Gedicht erschien mit weiteren Poemen Walsers im Januar 1900 in der Zeitschrift „Die Insel“ unter der Überschrift „Glück“ und ohne Strophengliederung; der Autor war gerade einundzwanzig Jahre alt. Später wurde es mit „I“ beziffert, nachdem Walser ein weiteres Gedicht mit demselben Titel verfasst hatte. Als die Verse 1909 in den ersten eigenen Gedichtband aufgenommen wurden, lagen Walsers große Romane bereits vor.

          Ein Wanderer, ein Ruheloser, ein Nicht-angepasster war Walser zeitlebens. Sein Taugenichts ist, anders als bei Eichendorff, nicht einer, der fidel, fiedelnd und erwartungsfroh in die Welt hüpft, im Gegenteil, er ist zuversichtlich von seinem Scheitern überzeugt: „Mich entsetzt der Gedanke“, so Simon Tanner, „ich könnte Erfolg in der Welt haben“ – „ich aber springe, sehen Sie, so wie der Wind pfeift und überschlage und trete achtlos auf alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können.“ Man fühlt sich an Goethes Gedicht „Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt“ erinnert.

          Die Walserschen Protagonisten sind hochfahrend und unscheinbar, schelmisch und entlarvend, Strolche und Genies, wie Walter Benjamin sie genannt hat. Sie wollen „im Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden Trägheit, im Spott und allen möglichen Sorten Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos bleiben“, was sie sind. Dass sich das meist als Illusion herausstellt, wusste Walser nur zu gut. Am Ende hat der nicht mehr „Unbekümmerte“ und gar nicht „Unzertrümmerte“, dem auf dieser Welt nicht zu helfen war, resigniert. Gleichwohl werden Walsers Antihelden von ihren Mitspielern immer wieder aufgefordert, das Dennoch tatkräftig zu leben, wie Jakob von Gunten, dem der Rat erteilt wird: „komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht, denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es.“ Von dieser Auffassung ist das kleine Gedicht noch ein gutes Stück entfernt, auch wenn es, gerade weil es die Selbstbestimmung so dezidiert betont, den Ausgang erahnen lässt.

          Robert Walser: „Welt (I)“

          Es lachen, es entstehen
          im Kommen und im Gehen
          der Welt viel tiefe Welten,
          die alle wieder wandern
          und fliehend durch die andern,
          als immer schöner gelten.

          Sie geben sich im Ziehen,
          sie werden groß im Fliehen,
          das Schwinden ist ihr Leben.
          Ich bin nicht mehr bekümmert,
          da ich kann unzertrümmert
          die Welt als Welt durchstreben.

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