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Frankfurter Anthologie : Manfred Enzensperger: „weiße flotte“

  • -Aktualisiert am

Bild: Lisa M. Bittner

Skizze aus dem Alltagsleben mit unvermutetem Abgrund: Dieses Gedicht schlägt Brücken zwischen Bewusstem und Unbewusstem und öffnet mit seinen Assoziationsketten ein Fenster zur Musik.

          3 Min.

          Die „weiße flotte“ steht für eine Reihe von Fahrgastschifffahrts-Gesellschaften in ganz Deutschland und verkehrt nicht nur auf Spree, Ostsee, Müritz und Baldeneysee, sondern auch auf dem Rhein, etwa auf dem Mittelrhein zwischen Köln und Mainz – oder eben vor Boppard, von Manfred Enzensperger 2010 im Titel seines Gedichtbands „Endlich Boppard“ verewigt. Die Erstveröffentlichung des Ge­dichts „weiße flotte“ stammt aus „Zimmerflimmern“ (2007); die hier beschriebene Szene birgt in ihrer mit Witz gepaarten Detailfreude, der Kargheit der Worte und ihren dicht geschnittenen, verfremdenden Kombinationen eine unvermutet große Tiefenschärfe. Vor allem ist das Gedicht in seiner Sprache und Haltung typisch für Manfred Enzensperger, der erst seit seinem dreißigsten Lebensjahr Gedichte verfasst.

          Die „weiße flotte“ des Titels leitet als touristisches Moment über zu einem Moment der Gastfreundlichkeit: an den Tisch mit Rheinwein und einer „traubenlampe“, begleitet von einer tagesaktuellen Speisekarte. Oder ist es gar eine Frau, eben eine „weiße, flotte“, der zur eindeutigen Identifizierung nur das Satzzeichen abhandengekommen ist? Ein Gegenüber ist auf jeden Fall anwesend: Nur so erklärt sich die Anrede. Die Wahl – der Fisch – ist ein Problem (denn „ich schwimme nicht“); Gleiches gilt offenbar für die unerwartet auftauchende Musikkritik. Das Gedicht spricht viele Sinne zugleich an: Geruch, Farben, die wörtlich genannt werden, aber auch das Ohr über das Türgeräusch, ebenso wie Olfaktorisch-Taktiles („ein warmer hauch von draußen“), das einerseits Bezug nimmt auf „siedewurstgespür“, das andererseits auf „übergangsmenü“ verweist. Wie in diesem Gedicht spielt der Autor auch an anderer Stelle mit Neologismen und Komposita: „eigenkompostierungs­bemessungsgrundlage“ zum Beispiel.

          Die Gedichte Manfred Enzenspergers wirken wie Skizzen aus dem Alltagsleben und weisen zugleich immer wieder unvermutete Abgründe auf: Gegen Ende des Gedichts verrutscht der Fokus hin zur Religiosität – mit einem zu früh geäußerten „amen“, hier unterstützt vom Schlagen einer Autotür. So wenden sich viele Gedichte Enzenspergers himmelan, nutzen religiös besetzte Begriffe und wenden sie oder werden durch den unmittelbaren Kontext gewendet.

          Ein Fenster zur Musik

          Enzensperger verbindet Konkretes mit Abstraktem, schlägt Brücken zwischen Bewusstem und Unbewusstem und verblüfft so manches Mal mit den Sprüngen seiner Assoziationen. Dabei besteht die Faszination der Gedichte Enzenspergers neben der vermeintlichen Unvereinbarkeit seiner Bilder auch im Witz, der zwischen den Zeilen seiner Alltagsbeobachtungen sichtbar ist, und in der Stärke seiner ungewöhnlichen Metaphern.

          Eben diese von Enzensperger geschaffenen Assoziationsketten eröffnen Fenster hin zur Musik – und machen sie zur idealen Inspirationsquelle für Formen und Gestalten zumal von instrumentalen Kompositionen, denen das Wort fehlt, aber denen es zugrunde liegen darf und die einer ordnenden Hand bedürfen, um für sich neue Wege in der Zeitgestaltung zu finden.

          Neben der klar zutage tretenden Kon­struktivität der Sprache wird Enzenspergers Poesie durch ihre Motivik bestimmt. Konstitutiv für viele Gedichte sind Elemente wie der Tisch, der Fisch oder der Wein, die den Szenen (die Beobachtungen oder Alltagserlebnissen zu folgen scheinen) einen Rahmen, eine Atmosphäre und in vielen Fällen einen Anlass geben. Und auffallend ist in diesem Zusammenhang nicht nur das Arbeiten mit Wiederholungen – wört­licher oder eher Assonanzen gleichender Strukturen –, sondern auch mit Motiven, die weit über einzelne Gedichte, ja sogar ganze Gedichtbände hinausreichen.

          Dazu kommt bei Enzensperger die Auseinandersetzung mit anderen Dichtern – zum Teil namentlich genannt wie Shakespeare, Eichendorff oder Kafka, zum Teil im Verborgenen –, die keineswegs wie Ballast wirkt: Enzensperger kommuniziert in seinen Gedichten mit der Vergangenheit mit der ihm eigentümlichen Distanz. In gleicher Weise ruft auch Neue Musik immer wieder Elemente älterer Musik ab, sei es als Assonanz, als Zitat oder im Widerspruch. Motivische Konstellationen sind primär musikalischer Art – und machen die Nähe dieser speziellen Art von Poesie zur Komposition Neuer Musik nur umso deutlicher: Auch Neue Musik operiert mit elementaren Motivstrukturen, um Zeit zu gestalten, nimmt Momente der Vergangenheit ebenso kreativ auf wie Alltagssituationen oder -aspekte. Wie heißt es in einem an­deren Gedicht Enzenspergers? „in jeder zeile wohne eine nachlasskammer“.

          Manfred Enzensperger: „weiße flotte“

          geröll. rheinwein
          die traubenlampe die kreidekarte
          das übergangsmenü

          du wählst fisch
          liebst das wasser und die erde
          musikkritik. ich schwimme nicht

          ich rieche lauch. ich gehe nicht nach farben
          du sprichst von klarsichthüllen
          siedewurstgespür

          ein warmer hauch von draußen
          das amen das klappen einer autotür
          und nach und nach die rechnung ins gesicht

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