https://www.faz.net/-gr0-8comd

Frankfurter Anthologie : Walter Benjamin: „Sonette (17)“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / akg-images

Warum lässt es der sonst so kritisch reflektierende Walter Benjamin in diesem Gedicht an jeglicher Distanzierung fehlen? Die Erklärung liegt in einer persönlichen Beziehung.

          3 Min.

          Wüssten wir den Namen des Dichters nicht, man könnte dieses Sonett einem formvollendeten Poeten des neunzehnten Jahrhunderts zuschreiben. Denn nichts an diesem Gedicht deutet auf ‚modernes‘ Bewusstsein und eine entsprechende Reflektiertheit; nirgends finden sich sprachliche Brüche oder Anzeichen von Experimentierlust im Ausdruck. Sprachskepsis steht diesem Sonett ebenso fern wie emphatische Subjektivität oder Ich-Krise.

          Überhaupt dieses poetische Ich: Diskret wirkt es, mittelbar, präsent nur dadurch, dass ein verstorbenes Du im Mittelpunkt des Gedichts figuriert, es sich als einst von diesem Du „entführt“ bezeichnet und sich zuletzt als Besitzer der „Harfen“ ausweist.

          Glühendes Gespräch auf silberner Galeere

          Seine Reime haben nichts Gewagtes und gestatten sich sogar eine Unreinheit, denn „Galeeren“ reimt sich nur von ferne auf „Schären“. Dass es zum Reim zwischen „warfen“ und „Harfen“ kommen kann, verdankt sich der beinahe romantisch klingenden Nachstellung des Subjekts im letzten Satz, der einzige syntaktische Kunstgriff in diesem Gedicht.

          Nun handelt es sich bei dem Verfasser dieses Sonetts um Walter Benjamin, der das Romantische vom Standpunkt der Kunst und Kulturkritik betrachtete und durchschaute. Doch war er auch Übersetzer Baudelaires und Autor erkenntniskritischer Parabeln, Urheber makelloser Prosa, wobei er selbst auffallende Vorsicht walten ließ, wenn es um bewertende Aussagen über Lyrik ging. Immer stellt sich die Frage: Welche Art Kenntnisse benötigt man zum Verständnis eines Gedichts? Müssen sie biographischer, zeitgeschichtlicher oder poetologischer Art sein? Oder genügt die vielberufene Erfahrung mit Gedichten?

          Todeshauch und Wind vereinen sich in diesem Sonett und entlocken der Äolsharfe Töne, die Ungewöhnliches auslösen: Nicht nur entfachen sie große Gefühle, sie vermögen auch dem ozeanischen Element eine menschliche Geste abzugewinnen, freilich eine, die dem Trauern widerspricht. Paradoxerweise ist die dunkelste Stelle dieses Sonetts die sprachlich am meisten aufgehellte: das „glühende Gespräch“ in „silbernen Galeeren“. Warum aber dieser Glanz um Schiffe, die einer ganz anderen Welt und Zeit angehörten? Schimmern sie gerade deswegen, weil sie verklärte Objekte der Geschichte sind, obgleich es meist Sklaven waren, die zum Rudern dieser Kriegsschiffe verurteilt waren?

          Aus dem erinnerten „Gespräch“ wird ein Zukunftsverweis, der sich aus dem Klang der Äolsharfe ergibt. Vom ihm sagt das Gedicht, dass der oder die geliebte Tote ihn hören werde. Die Pointe jedoch ist, dass ebendieser Klang die Harfe bersten lässt. Das Medium geht an seiner Botschaft zugrunde, allenfalls darin mag man einen reflektierenden Ansatz in Benjamins Gedicht erkennen oder eine Parallele zu Rilkes berühmter Zeile aus den Sonetten an Orpheus: „Sei ein klingendes Glas, das im Klang sich zerschlug.“

          Aus einer Harfe am Anfang sind Harfen geworden; die klagende Äolsharfe hat sich durch das Leid, das auf ihr spielt, vermehrt. Natur und Empfindung werden eins – wie bei anderen berühmten Äolsharfen-Gedichten etwa von Samuel T. Coleridge oder Eduard Mörike, in denen dieses Instrument die Harmonie zwischen Natur und Kultur wenn nicht stiftet, so doch hörbar umsetzt.

          In einer entlegenen Molltonart

          Verstünde sich dieses Gedicht etwa als eine Negation des Zusammenhangs von Denken und Dichten? Erlaubte sich Benjamin hier einen poetischen Freiraum, in dem sich (selbst-)kritisches Reflektieren stunden ließ? In der Tat, die strukturierenden Merkmale, die Interpunktion, fehlen bis auf den Schlusspunkt. Reim, Rhythmus und die vergleichsweise herkömmlichen Sprachbilder bleiben sich selbst überlassen, aber gerade weil sie eine so ungewöhnliche Konstellation entwerfen und umrahmen.

          Etwas an verstehenswesentlicher Information fehlt doch, und sie sei als Kadenz in einer entlegenen Molltonart nachgetragen: Dieses und andere Sonette dachte Benjamin als Grabmal für seinen Freund, den Dichter Christoph Friedrich Heinle, der sich wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit seiner Freundin Rika Seligson durch Gas das Leben nahm – aus Verzweiflung über das, was da kommen sollte. Benjamin und er hatten sich 1913 in Freiburg kennengelernt und waren später in Berlin bei Veranstaltungen der expressionistischen „Aktion“ aufgetreten. Dieses Sonett kennt jedoch wie auch die übrigen dieses Zyklus keine expressionistischen Allüren, nur den unablässigen Versuch, die gerissenen Saiten in der Leier des toten Freundes noch einmal zu spannen und zu stimmen.

          Walter Benjamin: „Sonette (17)“

          Die Harfe hängt im Wind sie kann nicht wehren

          Daß deines Todes Hauch die Saiten rührt

          Der in den Herzen große Feuer schürt

          Und Wellen lächeln macht auf hohen Meeren

           

          Zur frühen Stunde da du mich entführt

          Gedenkst du noch der silbernen Galeeren

          Des glühenden Gesprächs eh in Schären

          Die feuchten Dünste deine Stirn berührt

           

          Kann nun verwehter Hauch dich noch erreichen

          Da schon die Wolke deinen Blick umfängt

          Und lauschst du noch dem trauervollen Zeichen

           

          Das sich im nächtgen Winde zu dir drängt

          Den Klang vernimmst du den erstrebend warfen

          Im letzten Schmerz zerspringend meine Harfen.

          Weitere Themen

          Späte Anerkennung

          Antrag auf Weltkulturerbe : Späte Anerkennung

          Wer einen Friedhof anlegt, will bleiben: Die jüdischen SchUM-Stätten Speyer, Mainz und Worms hoffen auf den Eintrag ins Goldene Buch des Weltkulturerbes.

          Topmeldungen

          Dank eines Modellprojektes darf dieser Club im baden-württembergischen Ravensburg öffnen.

          Corona in Deutschland : Mit Feierfreude in die vierte Welle

          Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Das liegt an mangelnder Impfbereitschaft. Auch größere Sorglosigkeit der Menschen spielt ein Rolle. Das RKI sieht eine vierte Welle heranrollen.
          Der Schalker Drexler (rechts) setzt Reis zu.

          Zweite Bundesliga : Happy End für den HSV

          Zum Start in die neue Zweitligasaison siegt der HSV vor 20.000 Zuschauern bei Schalke 04 mit 3:1. Dabei sah es für die Hamburger Gäste zu Beginn nicht gut aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.