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Frankfurter Anthologie : Walt Whitman: „Stadt der Orgien“

  • Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / akg-image

Dieses Gedicht von Walt Whitman wurde oft unterschlagen. Wahrscheinlich, weil es einem Zyklus entstammt, in dem sich der amerikanische Nationaldichter offen zu seiner Homosexualität bekannte. Es sind Verse von raumgreifender Sinnlichkeit.

          2 Min.

          Das Gedicht „Stadt der Orgien“ entstand 1859 als Teil des Gedichtzyklus „Calamus“, in Walt Whitmans einundvierzigstem Lebensjahr, wie er gleich zu Anfang berichtet, in der für ihn typischen Verschmelzung von „lyrischem“ und „biographischem“ Ich. „Calamus“ erschien 1860 in einer frühen Ausgabe der „Leaves of Grass“ („Grashalme“ oder „Grasblätter“), Whitmans immer wieder revidiertem Lebenswerk.

          In dieser Sammlung bekannte sich Amerikas gefeiertster Dichter zu seiner Homosexualität, ein Wort, das damals noch nicht gebräuchlich war und das er umschreibt oder beschreibt als „athletische Liebe“, „robuste Liebe“, „männliche Zuneigung“. Niemals entschuldigt er sich für sie oder schämt sich ihrer. Im Gegenteil, er feiert sie als Lebenskraft, nicht als Schwäche, auch dort, wo Jubel und Trauer einander gelegentlich abwechseln. In der griechischen Mythologie ist die Sumpfpflanze Calamus ein verwandelter Jüngling, der Selbstmord begeht, nachdem sein Geliebter Karpos bei einem Wettschwimmen ertrank.

          Die Zwangsjacke angeblicher Männlichkeit

          Erst in letzter Zeit, seit man unbefangen mit dem „offenen Geheimnis“, wie der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering es genannt hat, umgeht, ist es möglich geworden, die Homoerotik als einen wesentlichen Bestandteil von Whitmans Dichtung wahrzunehmen. Aus Gründen des vermeintlich guten Geschmacks und eines Patriotismus, der glaubte, Amerikas größten Dichter in eine Zwangsjacke angeblicher und missverstandener Männlichkeit stecken zu müssen, wurden die „Calamus“-Gedichte oft verdrängt, vielfach verschwiegen oder in ihrem Zusammenhang mit dem Gesamtwerk falschen Voraussetzungen unterworfen. Anders gesagt: Sie wurden verharmlost.

          Eines der Gedichte in „Calamus“ („The Base of All Metaphysics“), das mit einer namentlichen und wohl leicht humoristischen Aufzählung griechischer und deutscher Philosophen beginnt, endet mit der Feststellung, dass die „Kameradschaft“ die Grundlage aller Philosophie und aller Religion sei. Jubelnd heißt es in einem weiteren: „Ich werde in Mannahatta und in jeder Stadt dieser Staaten, ob im Inland oder am Meeresufer, die herzliche Kameradenliebe einführen.“

          Berauschende Eindrücke

          In „Stadt der Orgien“ fordert der Dichter Dank und Lohn von New York, „seiner Stadt“, wie er sie gerne nannte, und ihrem kulturell lebendigsten Viertel Manhattan. Er verspricht ihr, sie mit seinen Hymnen berühmt zu machen. Berühmt wofür? Er verschränkt den Rummel der Stadt, ihre öffentlichen Feste und Bauten mit dem Intimleben ihrer Bewohner und macht das eine vom anderen abhängig. Es ist eine Stadt, wo Fremde sich durch einen Augenaufschlag kennenlernen und erkennen. Das Gedicht enthält keine Spur der zeitüblichen Kritik an der Stadtkultur als korrupt und verderblich, im vermeintlichen Gegensatz zur freien, unverdorbenen Natur, als deren Dichter Whitman oft angesehen wird. Das ist er zwar, aber keineswegs ausschließlich.

          Keine puritanische Zensur oder auch nur Zurückhaltung waltet in der Darstellung der berauschenden Eindrücke, in der Aufzählung von urbanen Reizen. Manhattan ist ein „Sodom“, das von einer Flut sinnlicher Wahrnehmungen überschwemmt ist, von einer Anhäufung von Genüssen, hauptsächlich visueller, teils aber auch geistiger und ästhetischer Art. Zwar ist jeder Attraktion ein „nicht“ vorangestellt, als Signal, dass das Gedicht noch auf das Wesentliche hinauswill, doch die poetische Anhäufung von Lustbarkeiten und Augenweiden ist auch willkommenes Vorspiel, das in der Liebe mündet. (Ich lese das Wort „continual“ in der letzten Zeile nicht als „lasting“ - dauernd, also nicht als konventionelle Voraussage von langfristigen Beziehungen, sondern eher als fließend in einem Strom von Beziehungen.) Bei der Sympathie der Passanten, die einander zufällig auf den belebten Straßen begegnen und Liebende werden, handelt es sich deutlich um eine „verbotene“ Erotik, wie schon der Titel und der erste Vers andeuten.

          Whitmans Erotik ist eins mit der Sinnlichkeit seiner Begeisterung für alles, was Natur und Mensch zu bieten haben, sichtbar in seinen Landschaftsbeschreibungen, welche das Ineinanderaufgehen von Ich und All beschwören, und hörbar in seinen oft nachgeahmten und doch unnachahmlichen Rhythmen, in denen Prosa vor unseren Augen und Ohren zu Lyrik wird. In seiner Ode an New York ist die Stadt sowohl der Ort der Liebe als auch ihr Objekt.

          Walt Whitman: „Stadt der Orgien“ / „City of Orgies“

          Stadt der Orgien, Promenaden und Freuden,

          Stadt, die ich, in deiner Mitte lebend, besang und einmal berühmt machen werde.

          Nicht deine Feiern, nicht deine wechselnden Tableaux, deine Spektakel, belohnen mich;

          Nicht deine endlosen Häuserreihen, nicht die Schiffe in den Werften,

          Nicht die Festzüge in den Straßen noch die glitzernden Auslagen mit ihren Waren,

          Nicht das Gespräch mit Gelehrten oder mein Teil an Soiree oder Gelage;

          Die alle nicht – aber wenn ich, O Manhattan, vorbeigeh’, und oft wirft mir ein Augenpaar einen schnellen Liebesblick zu,

          In Antwort auf meinen Blick – die belohnen mich;

          Liebende, nur unaufhörlich Liebende, sind mein Lohn.

           

          Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger.

          * * *

          City of orgies, walks and joys,

          City whom that I have lived and sung in your midst will one daymake you illustrious,

          Not the pageants of you, not your shifting tableaus, your spectacles, repay me;

          Not the interminable rows of your houses, nor the ships at the wharves,

          Nor the processions in the streets, nor the bright windows, with goods in them;

          Nor to converse with learn'd persons, or bear my share in the soiree or feast;

          Not those – but, as I pass, O Manhattan, your frequent and swift flash of eyes offering me love,

          Offering response to my own – these repay me;

          Lovers, continual lovers, only repay me.

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