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Frankfurter Anthologie : Wallace Stevens: „Das Haus war ruhig“

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Bild: Picture-Alliance

Dieses Gedicht versetzt den Leser in einen Wachtraum des Glücks. Er wird selber zum Buch, er verschwindet in ihm, er muss es nur wollen.

          Weshalb liest man Gedichte? Weshalb geht die 1974 von Marcel Reich-Ranicki ins Leben gerufene „Frankfurter Anthologie“ weiter und immer noch weiter? Weil die Begegnung mit einem Gedicht zu einem Augenblick des Glücks werden kann. Und das Gedicht ist ebenso unendlich wie die Chance des Glücks. Dieses fortwährende Leseglück beschreibt Wallace Stevens in seinem Gedicht, und indem er es beschreibt, beschert er dem Leser abermals ein Leseglück.

          „Das Haus war ruhig und die Welt war still“ lautet die Überschrift (The House Was Quiet and the World Was Calm), und dieses Bild wird nicht allein in der ersten und in der vierten Zeile wiederholt, es kehrt in immer neuen Variationen wieder, wie eine Beschwörungsformel, wie der besänftigende Zuspruch, mit dem Eltern ihr Kind in den Schlaf murmeln. Auch der Leser versinkt in einer Art Schlaf. Er gerät in einen Wachtraum. Freiwillig gibt er sich ihm hin. Er wird selber zum Buch, er verschwindet in ihm, und außerhalb des Buches existiert jetzt nichts mehr. Sogar das Buch als Gegenstand spielt keine Rolle mehr, denn „die Worte wurden gesprochen, als wäre da kein Buch“.

          Vom Glück des Lesens

          Was hier geschieht, kennt jeder Leser. Der Vorgang gleicht jener zauberischen Schranktür in Kinderbüchern, die den Weg in eine phantastisch geheime Welt eröffnet. Doch sind wir bei Stevens nicht im Märchen. Dem Leser fällt das Glück nicht in den Schoß. Denn der Halbsatz „...als wäre da kein Buch“ geht so weiter: „Nur daß sich der Leser über die Seiten beugte,/Sich beugen wollte, sich innig der Gelehrte/Zu sein wünschte, für den sein Buch wahr ist...“ (Except that the reader leaned above the page,/Wanted to lean, wanted much most to be/The scholar to whom his book is true...). Das heißt: Der Leser muss das Glück wollen, er muss die Worte hören wollen, die da gesprochen werden, er muss sie sich aneignen. Erst dann kann das Buch für ihn wahr werden.

          Wallace Stevens scheut den pathetischen Begriff der Wahrheit keineswegs. Um Wahrheit geht es, um nichts anderes. Doch diese Wahrheit ist nichts Gewaltiges, nichts Revolutionäres: „Die Wahrheit in einer stillen Welt,/in der kein anderer Sinn liegt, ist selber/Still, ist selber Nacht und Sommer...“ Die Wahrheit enthüllt sich hier in diesem Augenblick, in diesem Haus, in dieser Sommernacht, und sie entsteht ausschließlich im Kopf des Lesers.

          Wir können uns vorstellen, dass unser Leser beim Schein einer Lampe auf der Veranda sitzt, dass er alle Vorkehrungen getroffen hat, um ungestört zu sein – allein mit seinem Buch. Die Zeile „Das Haus war ruhig, weil es ruhig sein mußte“ erlaubt die Vermutung, dass dieser Solipsist nur darauf gewartet hat, dass die Seinen schlafen. Er hat dafür gesorgt, dass das Haus endlich ruhig ist. Jetzt erscheint ihm die Sommernacht „als ein vollkommener Gedanke“. Die äußere Zeit ist aufgehoben. Leser und Buch, Sommer und Nacht, Gestern und Morgen verschmelzen zu einem großen stehenden Jetzt.

          Das Gedicht hat Ähnlichkeiten mit einem Rondo, es setzt einen Klang und wiederholt ihn, variiert ihn, es spielt mit selbstreferenziellen Formen. Es bildet in seiner Gestalt den Gegenstand ab, den es darstellt, und wird selber zu diesem Gegenstand. Es ist vollkommen einfach und einfach vollkommen. Kurt Heinrich Hansen hat die unauffällige Musikalität der Verse in ein schönes Deutsch übertragen.

          Wallace Stevens, geboren 1879 in Reading, Pennsylvania, gestorben 1955 in Hartford, Connecticut, war einer der bedeutendsten amerikanischen Lyriker. Dies jedoch sozusagen nur nebenbei, denn er arbeitete als Anwalt, trat einer Versicherungsgesellschaft bei und wurde 1934 deren Vizepräsident. Er war schon Mitte Vierzig, als er 1923 seinen ersten Gedichtband veröffentlichte: „Harmonium“. Nachdem er bedeutende Literaturpreise erhalten hatte, trug ihm die Universität in Harvard eine Professur an. Er lehnte sie ab, weil sie ihm die Ausübung seines Brotberufs erschwert hätte. „Dichtung ist (und sollte sein) für den Dichter eines Quelle des Vergnügens und der Befriedigung, nicht der Ehren“, sagte er einmal. Das Vergnügen ist ganz auf der Seite des Lesers.

          Wallace Stevens: Das Haus war ruhig und die Welt war still

          Das Haus war ruhig und die Welt war still.

          Der Leser wurde das Buch; die Sommernacht war

           

          Wie das bewußte Sein des Buches.

          Das Haus war ruhig und die Welt war still.

           

          Die Worte wurden gesprochen, als wäre da kein Buch,

          Nur daß sich der Leser über die Seiten beugte,

           

          Sich beugen wollte, sich innig der Gelehrte

          Zu sein wünschte, für den sein Buch wahr ist, für den

           

          Die Sommernacht wie ein vollkommener Gedanke ist.

          Das Haus war ruhig, weil es ruhig sein mußte.

           

          Die Ruhe war Teil der Bedeutung, Teil des Geistes:

          Der Zugang der Vollkommenheit zum Buch.

           

          Und die Welt war still. Die Wahrheit in einer stillen Welt,

          In der kein anderer Sinn liegt, ist selber

           

          Still, ist selber Nacht und Sommer, ist selbst

          Der Leser, der spät dort sitzt und liest.

           

          Aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen.

          ***

          The house was quiet and the world was calm.
          The reader became the book; and summer night

          Was like the conscious being of the book.
          The house was quiet and the world was calm.

          The words were spoken as if there was no book,
          Except that the reader leaned above the page,

          Wanted to lean, wanted much to be
          The scholar to whom his book is true, to whom

          The summer night is like a perfection of thought.
          The house was quiet because it had to be.

          The quiet was part of the meaning, part of the mind:
          The access of perfection to the page.

          And the world was calm. The truth in a calm world,
          In which there is no other meaning, itself

          Is calm, itself is summer and night, itself
          Is the reader leaning late and reading there.

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