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Frankfurter Anthologie : Walt Whitman: „Wahltag, November 1884“

  • -Aktualisiert am

Walt Whitman Bild: Picture-Alliance

In diesem bewegende Gedicht feiert der amerikanische Poet die freien Wahlen. Doch sein Buch über die kränkelnde amerikanische Demokratie von 1871 liest sich wie eine Vorahnung der Präsidentschaft Donald Trumps.

          3 Min.

          Selbst wenn man die niedrigen Standards der Wahlkämpfe des neunzehnten Jahrhunderts als Maßstab heranzieht, war die Präsidentenwahl des Jahres 1884 eine bemerkenswert unappetitliche Angelegenheit. Grover Cleveland, der Kandidat der Demokratischen Partei, verbrachte einen ordentlichen Teil seiner Zeit damit, dem Vorwurf der Republikaner zu begegnen, er habe mit einer gewissen Miss Halpin aus Buffalo ein Kind gezeugt, derweil sein Gegner James Blaine sich als Sprecher des Repräsentantenhauses gegen eine Anklage wegen Korruption verteidigen musste. „Mami, Mami, wo ist mein Papi?“, sangen die Republikaner, während ihr eigener Kandidat sich von der „New York Times“ als „politische Prostituierte“ bezeichnen lassen musste. Es war eine Präsidentenwahl, bei der die Partei von „Rum, Romhörigkeit und Rebellion“, wie die Demokraten von ihren Gegnern verleumdet wurden, mit James G. Blaine konkurrierte, dem Lügner aus Maine.

          Es hat sich bis heute nichts daran geändert, dass die Präsidentschaftskandidaten nur wenig Zeit darauf verwenden, die zahlreichen Probleme des Landes anzusprechen, darunter als Hauptproblem der immerwährende Konflikt zwischen den einfachen Leuten und den Reichen und Mächtigen. Walt Whitman, der in seinen jüngeren Jahren für einige Tageszeitungen gearbeitet und zahlreiche Leitartikel geschrieben hatte, musste seufzen, als ihm die Frage gestellt wurde, ob er sich noch immer als Republikaner betrachte: „So wahr mir Gott helfe, nein. Ich nehme an, dass ich mich als gar nichts bezeichne.“ In seinem Buch „Demokratische Ausblicke“ (der Originaltitel lautet „Democratic Vistas“), das er 1871 über die kränkelnde amerikanische Demokratie veröffentlicht hatte, beschrieb er seine Enttäuschung, die er beiden Parteien gegenüber empfand, was sich liest, als wäre es während der Präsidentschaft von Donald Trump geschrieben worden.

          Es fließt Gift in Amerikas Adern

          Hier sind einige Zitate aus dem Buch: „Wohl nie zuvor hat es mehr Falschheit des Herzens gegeben als jetzt... Der wahre Glaube scheint uns verlassen zu haben. Es herrscht weder aufrichtiger Glaube an die grundlegenden Prinzipien des Staates ... noch an die Menschlichkeit. Das Schauspiel ist entsetzlich. Wir leben in einer Atmosphäre vollständiger Scheinheiligkeit. Die Männer glauben nicht an die Frauen und die Frauen nicht an die Männer... Ein Haufen Kirchen, Sekten und so weiter, die übelsten Trugbilder, die mir bekannt sind, usurpieren den Namen der Religion... Die Verderbtheit der Geschäftsleute unseres Landes ist nicht geringer als angenommen, sondern unendlich viel größer. Die öffentlichen Dienste des Landes, national, landesweit und kommunal, in all ihren Zweigen und Abteilungen sind durchtränkt von Korruption, Bestechung, Falschheit; und das Gerichtswesen ist verdorben.“

          Einhundertfünfzig Jahre später sind wir leider sogar noch korrupter, als sie es damals waren, und weitaus bösartiger. „Wahltag, November 1884“, das bewegende Gedicht Walt Whitmans, das unsere freien Wahlen feiert und sie als das herrlichere Schauspiel jedem unserer berühmten Naturdenkmale vorzieht, war bis in unsere jüngste Zeit durchaus keine Übertreibung. Sowohl in Metropolen als auch in Kleinstädten wie etwa jener, in der ich seit über vierzig Jahren lebe, waren diese Wahlen denkwürdige und überaus angenehme Gelegenheiten, unsere Freunde zu treffen und unseren Nachbarn näherzukommen, während wir gemeinsam unsere persönlichen Wahlrituale zelebrierten.

          In den Vereinigten Staaten von heute, in denen Wähler unterdrückt werden und zehnstündige Wartezeiten an den Wahlurnen etwas Alltägliches wurden, sind bewaffnete Schläger und Blutvergießen an die Stelle dieses festlichen Gefühls von früher getreten, während unser Präsident nicht damit aufhört, uns zu sagen, dass er das Wahlergebnis im Falle seiner Niederlage nicht anerkennen werde. Noch furchterregender wird sein Gerede jedoch dadurch, dass Millionen meiner Mitbürger und die meisten Angehörigen der Republikanischen Partei keinen Finger rührten, würde Trump sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen. Das Gift, das Adolf Hitler in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Deutschland an die Macht gebracht hat, fließt jetzt in Amerikas Adern. In meiner kleinen Stadt in New Hampshire, deren Einwohner, wie ich weiß, im Großen und Ganzen gute, anständige Leute sind, stehen mehr Plakate für Trump als für Biden in den Vorgärten. Im Garten meines Nachbarn stehen sie sogar Seite an Seite nebeneinander. Ob wir „Zwielichtige und Abschaum“ willkommen heißen werden, wie Walt Whitman in seinem Gedicht befürchtete, werden wir in der nächsten Woche herausfinden.

          Aus dem Amerikanischen von Hubert Spiegel.

          Der Lyriker Charles Simic ist emeritierter Professor für amerikanische Literatur und Creative Writing an der University of New Hampshire. Er wurde 2007 zum fünfzehnten Poet Laureate der Vereinigten Staaten von Amerika ernannt.

          Walt Whitman: „Wahltag, November 1884“ / „Election Day, November, 1884“

          Wenn ich, o westliche Welt, deine stärkste Szene
                  und Aufführung benennen müsste,

          Dann wärst du es nicht, Niagara – oder ihr, endlose Prärien –
                  weder deine riesigen Canyonspalten, Colorado,

          Noch du, Yosemite – oder Yellowstone mit seinen spasmisch in den Himmel
                  schießenden Geysirspalten, auftauchend und wieder verschwindend,

          Oder Oregons weiße Bergkegel – oder Hurons mächtiger Seengürtel –
                  oder der Mississippistrom:

          – Die Menschen dieser brodelnden Halbkugel, wie jetzt, würde ich nennen –
                  die stille kleine Stimme, die zitternde – Amerikas Wahltag.

          (Das wichtigste nicht der Gewählte – der Akt die Hauptsache,
                  die Wahl alle vier Jahre,)

          Die Strecke von Nord nach Süd aufgerufen – Meerkante und Binnenland –
                  von Texas bis Maine – die Prärie-Staaten – Vermont, Virginia, Kalifornien,

          Der letzte Stimmzettelregen von Ost nach West – das Paradox und der Konflikt,

          Die unzähligen Schneeflocken fallen – (ein schwertloser Konflikt,

          Doch wichtiger als alle Kriege Roms im Altertum oder die modernen Napoleons:)
                  die friedliche Wahl aller,

          Ob gute oder böse Menschen – sie heißt Zwielichtige, Abschaum willkommen:

          – Schäumt und fermentiert der Wein? er dient der Reinigung –
                  wenn das Herz japst, glüht das Leben:

          Diese Sturmböen und Winde tragen kostbare Schiffe dahin,

          Blähten die Segel von Washington, Jefferson, Lincoln.

          Aus dem Amerikanischen von Jürgen Brôcan.

          ***

          If I should need to name, O Western World, your
              powerfulest scene and show,
          'Twould not be you, Niagara—nor you, ye limitless
              prairies—nor your huge rifts of canyons, Colorado,
          Nor you, Yosemite—nor Yellowstone, with all its spasmic
              geyser-loops ascending to the skies, appearing and
              disappearing,
          Nor Oregon's white cones—nor Huron's belt of mighty
              lakes—nor Mississippi's stream:
          —This seething hemisphere's humanity, as now, I'd name—
              the still small voice vibrating—America's choosing day,
          (The heart of it not in the chosen—the act itself the main,
              the quadriennial choosing,)
          The stretch of North and South arous'd—sea-board and
              inland—Texas to Maine—the Prairie States—Vermont,
              Virginia, California,
          The final ballot-shower from East to West—the paradox and
              conflict,
          The countless snow-flakes falling—(a swordless conflict,
          Yet more than all Rome's wars of old, or modern
              Napoleon's:) the peaceful choice of all,
          Or good or ill humanity—welcoming the darker odds, the
              dross:
          —Foams and ferments the wine? it serves to purify—while
              the heart pants, life glows:
          These stormy gusts and winds waft precious ships,
          Swell'd Washington's, Jefferson's, Lincoln's sails.

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