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Frankfurter Anthologie : Peter Rühmkorf: „Von mir – zu euch – für uns“

Bild: FAZ

Mitte der Siebziger war Peter Rühmkorf von Zweifeln geplagt. Zehn Jahre lang konnte er keine Gedichte schreiben, bis er sich in der Begegnung mit einem mittelalterlichem Lyriker wiederfindet.

          2 Min.

          Zehn Jahre lang, von 1965 bis 1975, hatte Peter Rühmkorf, geboren am 25. Oktober vor neunzig Jahren, kein einziges Gedicht geschrieben und auch keines veröffentlicht. Aus seinen Musen, freigiebig und jugendschön, waren bettlägerige Gespenster geworden. Höchste Zeit für ein „Auf-auf“.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bände „Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund“ (1967) und „Die Jahre, die ihr kennt“ (1972) hatten zwar Erfolg, aber seine drei Theaterstücke, uraufgeführt zwischen 1969 und 1972, waren bei Publikum und Kritik durchgefallen. So war die Lage Mitte der siebziger Jahre: die Theaterambitionen gescheitert, die lyrische Produktion lange schon zum Erliegen gekommen. Grundsätzliche „Zweifel an der gesellschaftlichen Relevanz von so vielfach gebrochenen Kunstgebilden, wie Gedichte sie nun einmal darstellen“, hatten den Lyriker gelähmt. Rühmkorf war in desolater Verfassung, hangelte sich von Auftrag zu Auftrag, betrieb Reste- und Wiederverwertung der eigenen Arbeiten, klopfte bei Redaktionen und Rundfunkhäusern an – und litt darunter. „Hausiererschicksal“ hieß das eine Stichwort, „Versager“ das andere.

          Der Dichter als der Ich-Sager schlechthin

          In dieser Krisenzeit begann die intensive Beschäftigung mit einem anderen Vaganten und literarischen Kleinunternehmer: Walther von der Vogelweide. Man kann das bei Stephan Opitz nachlesen, der Rühmkorfs Texte und Briefe zu Walther unter dem schönen Titel „Des Reiches genialste Schandschnauze“ vor zwei Jahren neu herausgegeben hat. Mitten in dieser Arbeit mit mittelhochdeutscher Lyrik und der entsprechenden Sekundärliteratur begann Rühmkorf unvermittelt wieder mit dem Schreiben von Gedichten.

          Niedergeschlagen, von Selbstzweifeln geplagt, hungrig nach Anerkennung, wie er ist, blickt er über die Jahrhunderte zurück und findet sich wieder in der Begegnung mit einem fahrenden Sänger. Als er ein Hörspiel einschickt und eine positive Reaktion erhält, ist er überglücklich: „Mein zum ersten Mal nach Jahren wieder freier Atem: ein – aus – ein – aus! Nach einem einzigen guten Wort habe ich mich gesehnt, die vielen Jahre lang. Nach einem kleinen Lob meine Ohren gespitzt, meine Fühler ausgestreckt, meine Schneckenhörnchen gedreht, meine Riechgruben gewendet...“

          Zwei Jahre später ein nächster, weitaus wichtigerer Erfolg: „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ erscheint und wird ausgesprochen positiv aufgenommen. Der Mediävist Peter Wapnewski bringt in seiner ausführlichen Rezension auf den Punkt, worum es Rühmkorf in dem Band geht: um Kunst als Ausdruck von Zeit und Bewusstsein und Sein, um die sozialen Bedingungen von Lyrik, aber vor allem geht es um „den Dichter als den Ich-Sager“ schlechthin.

          „’N Ich hat irgendwie jeder“, schreibt Rühmkorf wenig später im Gedicht „Phönix voran!“. Es findet sich wie das vorliegende Gedicht in „Haltbar bis Ende 1999“, erschienen 1979, damals der erste große Gedichtband Rühmkorfs seit vielen Jahren. Die alte Sicherheit ist zurückgekehrt, mit ihr die Lust an intellektuellem Streit, politischem Engagement und dem eigenen Sprachwitz. Der Ton ist alt und neu zugleich. Wie früher will Rühmkorf „dieses gewaltige Zeitalter des Verfalls“ nicht unkommentiert an sich vorüberziehen lassen. Eindringlich meldet er sich zurück. „Eine Stimme, meine Herrschaften, eine Stimme!“ Aber hier spricht kein Verzagter, Vereinsamter, kein Stubenhocker, nicht die „verfröstelte Seele“ der vergangenen Jahre, sondern einer, der gewohnt war auf Bühnen und Marktplätzen zu reden: „Wo waren wir stehen geblieben, / damals, / Sommer Siemundsechzig?“

          Keine Wiederanknüpfung, das nicht. Aber eine Ansage, ein Programmgedicht in freien Rhythmen und sechs Strophen, nach innen wie nach außen gerichtet. Der Ich-Sager schlechthin legt wieder los, ungebremst, wie verrückt und offen. Aber er tut es nicht nur für sich. Der „rote Rühmkorf“, wie er sich 1959 im Gedicht „Schäfer-Lied“ selbst bezeichnet hatte, glaubt an so etwas wie Gesellschaft, Gemeinsamkeit, Solidarität. Er tut es, doch, tatsächlich, für uns.

          Peter Rühmkorf: „Von mir – zu euch – für uns“

          Auf-auf, meine bettlägerigen Gespenster,
          meine abgestandene Windhose!
          Dieses gewaltige Zeitalter des Verfalls
          kann man doch nicht so einfach unberufen
          an sich vorbeirauschen lassen –
          Entweder das Schicksal handelt
          oder du selber!

          Hier, wo sich so manches
          schon bei bloßem Hinsehen zersetzt,
          noch Niveau gehalten?
          Soweit kommt’s!
          Da wolln wir doch lieber noch mal ein paar alte neue
          Maßstäbe anlegen.

          Eine Stimme, meine Herrschaften, eine Stimme!
          Müssen wir denn alles
          wieder alleine machen? noch am Grabesrand
          den Deckel hoch
          und das rote Tuch rausgezogen?! –
          O wir wenigen Engel, die wir die Welt hier beflügeln.

          Sich den Kopf zergrübeln,
          auch ne Leistung –
          Aber du kriegst ja nichts raus.
          Wo waren wir stehengeblieben,
          damals,
          Sommer Siemundsechzig?

          Nein, ich will weg von hier und zwar:
          wie dieser Kugelschreiber, wenn er auf
          den Rest
          geht, nochmal richtig loskleckst,
          werd ich ungebremst
          auslaufen wie verrückt und offen hinschmiern:
          Richtig, ich red von mir,
          zu euch,
          für uns.

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