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Frankfurter Anthologie : Arthur Rimbaud: „Vokale“

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Bild: World History Archive

Rimbaud spielt in diesem Gedicht mit Wörtern, Buchstaben und Sinneseindrücken wie in einem alchemistischen Labor. Tiefsinn und Komik liegen eng beieinander.

          Frankreich im Hochsommer 1873, der Weiler Roche am Südrand der Ardennen: Ein Achtzehnjähriger zieht sich auf das Familiengut zurück und schreibt sein poetisches Testament. Vor zwei Jahren ist der Latein-Musterschüler nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen inmitten der Frontlinien des Deutsch-Französischen Krieges vom elterlichen Zuhause in Charleville nach Paris getürmt, fand Aufnahme bei den Dichtern des Parnass, stiftete Unfrieden in der Familie Paul Verlaines, der sich in ihn verliebte und mit ihm zusammen nach London und Brüssel zog. Dort hatte der Ältere im Streit auf den Jüngeren geschossen, wurde mit zwei Jahren Gefängnis bestraft. Rimbaud, das rebellische Objekt von Verlaines Begierde, hatte wie ein Meteor am Dichterhimmel alle Begriffe und Konventionen durcheinandergewirbelt und ein Delirium hinterlassen, das er nun in der Einsamkeit von Roche unter dem Titel „Une Saison en enfer“ (Eine Zeit in der Hölle) zu fixieren suchte:

          „Ich liebte die ganz einfältigen Malereien, über Türen bunte Friese, Bühnenbilder, Jahrmarktsbilder der Gaukler, Ladenschilder, volkstümliche grelle Illustrationen; verstaubte Literatur, Kirchenlatein, erotische Bücher, die von Orthographie nichts wussten, Romane unserer Großmütter, Märchen, kleine Bücher der Kindheit, alte Opern, banale Refrains, naive Verse. Ich träumte Kreuzzüge, Entdeckungsreisen, über die es keine Berichte gibt, Republiken ohne Geschichte, erstickte Religionskriege, umgestürzte Sitten, Wanderungen der Völker und Kontinente: ich glaubte an allen Zauber. Ich erfand die Farbe der Vokale! – A schwarz, E weiß, I rot, O blau, U grün. – Ich bestimmte Form und Bewegung eines jeden Konsonanten, und mit Hilfe unwillkürlicher Verse schmeichelte ich mir, eine poetische Sprache zu erfinden, die früher oder später allen Sinnen zugänglich sein würde ... Ich schrieb das Verschwiegene, Nächte, ich notierte das Unaussprechliche. Ich hielt den Taumel fest ... Der poetische Trödel hatte großen Anteil an meiner Alchimie des Worts. Ich wurde vertrauter mit der einfachen Halluzination: ohne weiteres sah ich eine Moschee an der Stelle einer Fabrik, eine Schule, in welcher Engel das Trommeln lehrten, Kaleschen auf den Straßen des Himmels, einen Salon auf dem Grund eines Sees; die Ungeheuer, die Geheimnisse; der Titel eines Singspiels türmte Schreckensbilder vor mir auf ... Ich liebte die Wüste, die versengten Obstgärten, die verstaubten Läden, die schal gewordenen Getränke. Ich schleppte mich durch die stinkenden Gassen, und mit geschlossenen Augen gab ich mich der Sonne hin, der Göttin des Feuers ... Ich musste auf Reisen gehen, die Zauber verscheuchen, die sich in meinem Gehirn gesammelt hatten...“

          Der Wortalchemist

          Das nebenstehende, 1872 entstandene Vokale-Sonett ist Rimbauds Paradebeispiel für die in „Eine Zeit in der Hölle“ beschriebene Alchemie des Worts. Es beginnt wie ein Lehrstück symbolistischer Kunst, indem es esoterische Synästhesien und Korrespondenzen zwischen verschiedenen Sinnesbereichen proklamiert: Die Vokale werden mit Farbattributen versehen, die ein grelles, kaleidoskopartiges Feuerwerk kontrastierender Bilder gebären. Dem fliegenumschwärmten Kothaufen „antworten“ das Eis der Gletscher und die zitternden Dolden, das Purpurrot ausgespuckten Blutes und erregter Lippen „erwidert“ das Tiefseerauschen und pastoralen Frieden, der Farbkreis scheint schließlich ganz der Conclusio des klassischen Sonetts entsprechend seine Synthese in den Blautönen der himmlischen Sphären zu feiern, das Glühen allessehender Pupillen eine göttliche unio mystica heraufzubeschwören.

          Doch zugleich sind Rimbauds Bilder viel zu schräg und bizarr, als dass sie das symbolistische Prinzip esoterischer Korrespondenzen entfernter Gegenstände völlig ernst nähmen; sie illustrieren vielmehr die Willkür poetischer Erfindungsgabe: Denn was prädestiniert einen bestimmten Vokal als Entsprechung einer bestimmten farblichen Qualität? Hier spekuliert der Wortalchemist über den Zusammenhang von Sprache und Schöpfung, Welt und Wort, das nach kabbalistischem Verständnis jene eben nicht bloß bezeichnet, sondern auf geheime Weise eigentlich erst hervorbringt – jedes Wort, jeder Vokal eine andere Welt erzeugend oder eine Korrektur an der unfertigen Welt vornehmend. Das führt Rimbaud in „Eine Zeit in der Hölle“ zu der berühmten Frage, die er wahrscheinlich sein ganzes restliches Leben mit sich herumtrug, als er schon lange keine Gedichte mehr schrieb: „Rasch! Gibt es weitere Leben?“

          Tiefsinn und Komik, Pathos und Groteske liegen für Rimbauds Wortalchemie eng beieinander, ja bedingen sich sogar. Mit den 1874 entstehenden „Illuminationen“ hat Rimbaud das Hervorbringen und Zertrümmern von Welten aus dem Material der Sprache auf unerhörte, den Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts in technischer und bildlicher Kühnheit gewaltig vorgreifender Weise noch einmal praktiziert – der Umgang mit Collage- und Montageverfahren, das Kappen der Referenzen, die Provokation mit Traumstoff im Surrealismus, die Verklärung des Gewöhnlichen in der Pop-Art, all dies ist bei Rimbaud vorgeprägt. Weiter war nach ihm mit Wörtern kaum mehr ins Unbekannte vorzustoßen.

          Dagegen brachten die letzten weißen Flecken des Globus, zu denen er als Kolonialhändler von Aden und Harar aus ein Jahrzehnt später aufbrach, eine herbe Enttäuschung. Ein Krebsgeschwür am Knie zwang ihn 1891, nach Europa zurückzukehren. Im Marseiller „Hôpital de la Conception“, wo man ihm im Frühjahr das Bein amputierte, starb Arthur Rimbaud ein halbes Jahr später, am 10.November 1891. Im Delirium hatte er tags zuvor noch den Wunsch, mit einem Schiff überzusetzen, diktiert. Das Ziel der Reise hat der Wortalchemist für sich behalten: „Ich allein besitze den Schlüssel zu diesem Possenspiel.“

          Arthur Rimbaud: „Vokale“ / „Voyelles“

          A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau – Vokale,
          eines Tages bring ich es aus Euch zur Welt:
          A, schwarzes Leibchen von Fliegen im Feld,
          die um greulichen Dunst gepaart wie Schakale,

          Schattenbuchten; E Verführung von Rauch und Zelten,
          Gletscherstahl kühn, weiße Herren, kitzelnde Doldenrippen;
          I Purpurtöne, ausgespienes Blut, Lächeln schöner Lippen,
          bevor sie sich zu Raserei und geilem Rausch entstellten;

          U, Zyklen, göttliches Vibrieren der Tiefseespalten,
          Friede tierbesäter Haine, Friede der Falten,
          die im Studium der Alchemie die Stirnen füllen;

          O, himmlische Posaune voll quietschender Gestänge,
          stille Räume quer durch die Zeiten und Engel:
          – O Mega-O, violettes Brennen Ihrer Pupillen!

          Aus dem Französischen von Jan Volker Röhnert

          ***

          A noir, E blanc, I rouge, O bleu: voyelles,
          Je dirai quelque jour vos naissances latentes:
          A, noir corset velu des mouches éclatantes
          Qui bombinent autour des puanteurs cruelles,

          Golfes d'ombre; E; candeurs des vapeurs et des tentes,
          Lances des glaciers fiers, rois blancs, frissons
          d'ombelles;
          I, pourpres, sang craché, rire des lèvres belles
          Dans la colère ou les ivresses pénitentes;

          U, cycles, vibrements divins des mers virides,
          Paix des pâtis semés d'animaux, paix des rides
          Que l'alchimie imprime aux grands fronts studieux;

          O, Suprême Clairon plein des strideurs étranges,
          Silences traversés des Mondes et des Anges:
          – Ô l'Oméga, rayon violet de Ses Yeux!

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