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Frankfurter Anthologie : Rudolf Hagelstange: „Venezianisches Credo“

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Bild: FAZ

Ein Sonett, das es in sich hat: Sein Bekenntnis gegen Krieg und Nationalsozialismus verfasste Rudolf Hagelstange als Soldat in Oberitalien.

          2 Min.

          Nein, dies ist kein Gedicht aus dem Sonettzyklus, den Albrecht Haushofer im Moabiter Gefängnis schrieb, bevor die SS ihn am Lehrter Bahnhof erschoss und das blutgetränkte Manuskript, von der sowjetischen Militärverwaltung gedruckt, zum Kultbuch des Jahres 1945 wurde. Rudolf Hagelstanges Gedicht hat mit den Moabiter Sonetten nicht nur die Entstehungszeit gemeinsam, sondern auch die strenge Form, die beide Dichter, ohne voneinander zu wissen, dem Chaos der letzten Kriegstage und dem Untergang des Nazireichs entgegenhielten.

          Das Sonett ist geprägt vom Entsetzen über den Krieg, den es nicht nur im Wortmaterial, sondern auch in seinem stampfenden Rhythmus evoziert. Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen. So auch hier. Hagelstange hatte Glück: Er wurde weder an der Ostfront noch in der Ardennenoffensive verheizt, sondern aus dem von der Wehrmacht geräumten Paris nach Oberitalien versetzt, wo er, relativ unbehelligt, zunächst in Venedig und später in Verona, einen Sonettkranz dichtete, der es in sich hatte: Protest gegen den Krieg und Anklage gegen den Nationalsozialismus zugleich. Es genügt, das Wort Tod im Text durch den Namen Hitler zu ersetzen, um die politische Brisanz der Verse zu erkennen. Ein Weckruf und Fanal im wahrsten Sinne des Wortes: Glaubt man Hagelstanges Bericht, haben seine Vorgesetzten bei der Armeezeitung, die er redigierte, ihn nicht nur gedeckt, sondern die Sonette abgetippt und vervielfältigt. Damit nicht genug: Der deutsche Botschafter Rudolf Rahn nahm ihn unter seine Fittiche, und an Führers Geburtstag, dem 20. April 1945, hielt er das in der Officina Bodoni bibliophil gedruckte Buch in der Hand. Wie das? Nach Stalingrad, der Landung der Alliierten in Sizilien und Frankreich und dem Attentat vom 20. Juli war die Wehrmacht an allen Fronten auf dem Rückzug, und nur blindwütige Fanatiker glaubten noch an den von Goebbels propagierten Endsieg.

          Ein flammendes Fanal

          Hagelstanges Glückssträhne riss nicht ab: Beim Verhör legte er dem Vernehmer der Army Gedichte vor, die dieser, ins Englische übersetzt, an Eisenhower telegrafierte, und wurde fortan bevorzugt behandelt. Anton Kippenberg übernahm das „Venezianische Credo“ als Auftakt der Nachkriegszeit in die Insel-Bücherei, Hans Mayer und Stephan Hermlin spendeten Lob, und Johannes R. Becher bemühte sich um den Dichter, dessen Sonette die „Tägliche Rundschau“ nachdruckte. In Nordhausen schloss er seinen Vater in die Arme, der nach vorübergehender Haft in Buchenwald zum Opfer des Faschismus und Vorsitzenden der Blockpartei CDU geworden war. Doch Hagelstange widerstand den Lockrufen aus der Ostzone und setzte sich nach Westen ab. Hier wurde er zum Vorzeigeautor des PEN-Clubs und der Darmstädter Akademie, nahm an der Hundertjahrfeier von Tagores Geburtstag in Neu-Delhi teil und schrieb vielgelesene Reisebücher über Russland und Nordamerika. Aus Opposition zum linkslastigen VS gründete er einen konservativen Autorenverband, und die offiziellen Ehrungen, allen voran das Bundesverdienstkreuz, machten ihn verdächtig in den Augen der Achtundsechziger-Generation. Das postum verbreitete Gerücht, Hagelstange sei SS-Mann gewesen, beschädigte trotz aller Dementis seinen Ruf, und obwohl Heinrich Böll eine Grabrede auf ihn hielt, geriet er in Vergessenheit – zu Unrecht, wie das eingangs zitierte Gedicht belegt.

          Bleibt die Frage, ob die Rückbesinnung auf die strenge Form des Sonetts dem Anspruch genügt, den totalen Krieg – und mit ihm den totalitären Staat – in die Schranken zu weisen? Die Zeitgenossen bejahten dies, aber ob es heute noch gilt, sei dahingestellt.

          Rudolf Hagelstange: „Venzianisches Credo“

          Denn was geschieht, ist maßlos. Und Entsetzen
          wölkt wie Gewitter über jedem Nacken.
          Es jagt der Tod mit flammenden Schabracken
          durch Tag und Nacht, und seine Hufe fetzen,

          was Werk und Leben heißt, zu tausend Stücken.
          Sein Geißelhieb weiß jeden Leib zu finden.
          Sein Atem lässt die Sehenden erblinden,
          und Baum und Strauch verfällt vor seinen Blicken.

          Bis in die Träume flackert sein Gelächter,
          und in die Zukunft reiht er die Gebeine,
          ein Mordbesessener und an Blut Bezechter.

          Wer baut, wenn noch bei letzten Brandes Scheine
          Ein Gott dem Würger in die Zügel fällt,
          aus diesem Chaos eine neue Welt?
           

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