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Frankfurter Anthologie : Klaus Merz: „Buchzeichen“

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Bild: Picture Alliance

Stufe für Stufe eine kalkulierte Eskalation: Wir haben uns angewöhnt, Biographien in Bruchstücken wahrzunehmen. Im Gedicht „Buchzeichen“ von Klaus Merz tritt ein ganzer Mensch ins Bild.

          3 Min.

          Der Hinweis kommt ohne Umschweife, im ersten Satz. Mit der Jahreszahl verweist das Gedicht auf den Autor und zugleich auf etwas, das unmittelbar nach seiner Geburt im Jahr 1945 geschehen sein muss. Allerdings ist dieses Jahr zugleich ein besonderes, ein Schwergewicht, ein Zeichen von einem Jahr. Auch der Schweizer Dichter wurde in die Nachkriegszeit hineingeboren. Und die „Narben“, durch offenbar lebensrettende „zwei Schnitte“ ent­standen, sind zugleich Menetekel. Der autobiographische Rahmen ist allemal gesetzt.

          Zunächst in anekdotischer Tonlage. Gleich dem von James Stewart her berühmten Genre der Sätze mit der einleitenden Wendung „Ich hatte mal einen Freund . . .“. Die Assoziation ist nicht ganz so abwegig. In dem klassischen Western „Der große Bluff“ sind alle, von denen der Sheriff nach dieser Einführung spricht, tot. In dem Film handelt sich um Anekdoten über Leute, die eine Waffe in die Hand genommen haben und dadurch zu Tode kamen.

          Im Gedicht nun das Glas des Spiegels, vor dem die Narben „wieder“ auffallen. Und dahinter die Schatten der Eltern. Hinter diesem Spiegel, der wie jeder Spiegel auch als ein Zugang ins Jenseits gelten kann (beeindruckend vorgeführt in einem anderen Film, „Orphée“ von Jean Cocteau, darin die Geschichte des Dichters Orpheus verlegt in das Paris der Fünfziger, in verrauchte Cafés voller Dichter und Denker und mit einer Unterweltgöttin im eleganten Schwarz – davon wiederum einiges zitiert in dem Film „Ma­trix“, wo der Spiegel die Trennlinie zwischen Lüge und Wahrheit markiert).

          Ein Mahnmal für die Gegenwart

          Im vorliegenden Gedicht folgt das „Sargglas“, hinter dem nicht nur die verstorbenen Eltern gesehen werden, hinter dem auch bereits das Gesicht des Bruders nur noch erinnert werden kann. Der Satzbau hat den Lakonismus des Anfangs verlassen, die Stimmung ist eine andere. Nun kommt der Bruch: in der dreizehnten Zeile, in diesem Vers mit dem nachgestellten Partikel und dem (scheinbar) nachgestellten Pro­nomen: „Bruders auch. Zeit, meine“.

          Von hier an geht es nicht mehr um gelegentlich aufscheinende Bilder. Von hier an wird das hohe, mahnende Ende (des Gedichts) einkalkuliert. Das Memento mori der „zwei Dellen am Hals“ macht den Sprecher des Gedichts zu einem, der sich sieht zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen den Generationen auch. Seine Position ist exponiert, sein Leben verdankt sich einem besonderen Umstand, dem Wagnis eines riskanten medizinischen Eingriffs.

          Das Gedicht riskiert auch etwas, es erweist sich als eine kalkulierte Eskalation. Die Worte am jeweiligen Ende der Zeile spielen Stufe um Stufe ihr Gewicht aus: fielen – verloren – Schnitte – sah – deutlich – meines – meine – Gestalt – Nachts – martialischen – Mensch – Nackten – uns. Gedichte sprechen ja nicht immer vom ganzen Menschen. Gerade bei Klaus Merz tun sie dies sogar eher selten. Sie verschonen uns Lesende, Hörende mit dem großen Ganzen, brechen ein Stück aus der Biographie, beleuchten eine Marginalie, geben einen Hinweis, lenken den Blick, bis wir wahrnehmen, was mit unserer eigenen Erfahrung korrespondiert oder gerade nicht.

          Klaus Merz ist vor allem ein Meister solch präziser Hinlenkung zum Detail, auch zum absurden. Eventuell ist das vorliegende Gedicht die Ausnahme in seinem Werk. Das „Buchzeichen“, das in seiner schlanken Länge in etwa die Form eines solchen nachahmt, enthält durchaus den (einen) ganzen Menschen. Er erscheint im Spiegel. Er stellt sich. Er gibt preis, was ihn berührt hat und ihn berührt. Nichts davon obenhin. Zur Annahme, dass dies hier eine Begegnung mit dem Autor selbst ist, besteht Grund. Zur Annahme, dass diese Begegnung zugleich pars pro toto die Kondition eines (des) Menschen aufzeigt, wenn seine Lebensreise im Jahr 1945 beginnt, nicht minder.

          Dass mich lesend selbst die wenig konkrete Rede von den Kindern an­rührt – ist es so, weil ich selbst Kinder habe? Dass mit dem Buch, das sich öffnet „hinter geschlossenen Lidern“, ein Anklang an Rilke aufscheint – hat es mit eigenen Reisen zu Gräbern zu tun? Und zuletzt, dass in der Strichzeichnung einer Uniform die Kreatur steckt, der nackte Mensch – ist das ein Bild für mich, habe ich es schon einmal ge­sehen? Abgesehen von der eigenen Er­innerung an die „graue Norm“, ja, solche Zeichnungen gewiss, wenn auch nicht unter „zartblauen Tupfern“, von Dix oder Käthe Kollwitz oder in einem Museum in Sarajevo. Das Buchzeichen wird zum Mahnmal. In welchem Buch es liegt, bleibt unbekannt. Klar ist, es geht um die Gegenwart.

          Klaus Merz: „Buchzeichen“

          Kürzlich beim Rasieren
          fielen mir die kleinen Narben von
          1945 wieder auf. Man hatte
          das Kind schon verloren
          gegeben, wagte erst spät die
          zwei Schnitte.
          Einen Augenblick lang sah
          ich die Schatten der
          verstörten Eltern aufscheinen
          hinterm Glas. Dann hinterm
          Sargglas, wie ich sie deutlich
          erinnere, das Gesicht meines
          Bruders auch. Zeit, meine
          Zeit, zog sich in den zwei
          Dellen am Hals zusammen
          parabolisch. Und in Gestalt
          der eigenen Kinder. Mit ihren
          Lebensläufen, ihrem
          Erstaunen, Zweifeln und
          Lachen vor der Welt. Nachts
          schlug sich mir hinter
          geschlossenen Lidern
          ein Buch auf. Unter zartblauen
          Tupfern schwamm die Strich-
          zeichnung einer Uniform. Im
          Innern der martialischen
          Herrenbekleidung ruhte
          (verkehrt herum) ein Mensch.
          Über dem Bild des Nackten
          stand: Für uns.

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