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Frankfurter Anthologie : Vladimír Holan: „Böhmen, Anno Domini 1969“

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Bild: CTK/dpa

Traumatische Erinnerung an den Überfall durch ein vermeintliches Brudervolk: Bittere Verse, die das Ende des „Prager Frühlings“ durch Moskaus Panzer beschwören.

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          Es ist das Jahr des Herrn, Erntezeit. Eine alte Frau sammelt Fallobst. Gäbe es ein idyllischeres Bild? Wohl kaum – hieße sein Schöpfer nicht Vladimír Holan, wäre der Schauplatz nicht Böhmen und das Jahr nicht 1969. So aber ist alles ganz anders: der Herr böse, das Obst schamrot und das Herbstgedicht – in Wahrheit eines über einen gescheiterten Frühling. Ein Jahr zuvor hatten russische Panzer den „Prager Frühling“ zermalmt. Die traumatische Erinnerung an den Überfall durch das vermeintliche Brudervolk – für Vladimír Holan hatte sie einen besonders herben Nachgeschmack.

          Denn während das Jahr sich rundete und Moskaus Statthalter auf der Prager Burg, wenige Schritte von Holans Wohnung, die Säuberung der tschechischen Kultur umsetzten, winkte aus der Ferne die glänzendste Frucht seines Dichterlebens. Im Jahr 1969 konkurrierte Holan, als offizieller Kandidat der Tschechoslowakei, mit Malraux, Ungaretti und Beckett um den Nobelpreis. Seine Nominierung war eine Spätwirkung des „Prager Frühlings“, der ihn auf den Gipfel seines Ruhms getragen hatte. So viel Anerkennung war für Holan ungewohnt. Während der deutschen Okkupation konnte er nur begrenzt publizieren, und ein Jahr nach dem kommunistischen Putsch von 1948 war er in Ungnade gefallen – aufgrund einer Bemerkung seines Dichterfreundes Jaroslav Seifert in einer Prager Weinstube. Ein Franzose, der kotzt, soll Seifert damals gesagt haben, sei ihm lieber als ein Russe, der tanzt. Holan pflichtete ihm bei, sie wurden denunziert und erhielten ein langes Publikationsverbot, das Holan an den Rand des Suizids trieb.

          Ein Land, das seine Freiheit nicht verteidigt hat

          Holans und Seiferts Hass auf tanzende Russen entsprang enttäuschter Liebe. Beide hatten sie auf den Kommunismus geschworen, die Rote Armee als Retterin vor den Nationalsozialisten gefeiert. Holan, Jahrgang 1905, war die Bindung an Russland in die Wiege gelegt; schon seinen Vornamen Vladimír verdankte er der Russophilie seiner Mutter. Als Dichter übersetzte er Lermontow, widmete Chlebnikow ein Poem, schrieb 1945 einen lyrischen „Dank an die Sowjetunion“ und einen ganzen Zyklus über „Rotarmisten“. Umso böser das Erwachen, als sich die Befreier dann als Kerkermeister entpuppten.

          Diese Desillusionierung vollzieht Holans Gedicht nach: Es demaskiert den Mythos vom Sowjetreich als Schutzmacht des Friedens und der Musen. Gleichsam an der Front dieses Mythos stand stets der Rotarmist mit dem Akkordeon. Für den ernüchterten Holan ist der Befreier indes zum „Genossen und Mitschwein“ mutiert, das Ziehharmonikaspiel zum Jaulen. Selbst wenn Holan diesen Versen nicht am Schluss noch das Wort von den „Mördern“ hinterhergeschickt hätte: Eine Publikation unter den Bedingungen der sozialistischen Zensur war unvorstellbar. „Böhmen, Anno Domini 1969“ konnte erst 1990 erscheinen, zehn Jahre nach seinem Tod.

          Es wären jedoch keine Verse von Holan, wenn ihre Kraft zur Beunruhigung sich an der Oberfläche erschöpfte. Holans Texte gleichen Wendeltreppen, die immer tiefer in sein eigenes Werk und die Weltliteratur hinabführen. Xavier Galmiche von der Sorbonne hat nachgewiesen, dass das Terzett, mit dem Holan seine vierzehn Verse beschließt, den Schluss eines anderen Gedichts aus seiner Feder von 1949 variiert. Schon damals hatte er ein klares Urteil über die Stalinisten: „und ihr lebt nicht, weil ihr nicht liebt“. Die „Selbstzerstörung“ liest Galmiche wiederum als Anspielung auf Jan Palach, der sich Anfang 1969 aus Protest gegen die rus­sische Besatzung selbst verbrannte.

          Aber dachte Holan wirklich an Palach, empfand er dessen Märtyrertod gar als „vergeblich“? Manches spricht dagegen. Denn von den zwei Wörtern, die das Tschechische für Akte der Autodestruktion kennt, hat er nicht das endgültige gewählt, sondern eines, das einen Prozess der Auflösung bezeichnet. Und in solcher „Selbstzerstörung“ gipfelt eine dreistufige Steigerung, die mit der jaulenden Harmonika des „Genossen und Mitschweins“ beginnt, gefolgt von der Angst vor dem „eigenen Schatten“. Diese Angst aber kennen Tschechen aus einem anderen Kontext: einem antifaschistischen Theaterstück des Prager Befreiten Theaters aus den Dreißigerjahren. Ein irrer Diktator erdolcht dort seinen Schatten – und damit sich selbst. Analogien zur Okkupation von 1939 konnte man nach dem Einfall der russischen Panzer 1968 in Prag überall finden: „die tschechische Abkürzung für UdSSR . . . wurde mit SS-Runen wieder­gegeben, Hammer und Sichel zu Hakenkreuzen verformt“, berichtet Martin Schulze Wessel. Bei beiden Invasionen hatten die Tschechen auf militärischen Widerstand verzichtet.

          Und genau darum geht es im Jahre des Herrn 1969: den Zustand eines Landes, das seine Freiheit nicht verteidigt hat. Daher der Schluckauf der Erde, daher die schamroten Bäume. Und „die gereifte Fülle des Herbstes“, „das Fallobst“? Sie sind bittere, ironische Reminiszenzen an vergangene Herbste, an ein besseres Böhmen, Anno Domini 1902. Holan, ein bedeutender Rilke-Übersetzer, fand sie in Rilkes „Herbst“ und „Herbsttag“. Beide Gedichte hatte er 1937, während Hitler den Überfall auf Böhmen schon heimlich vorbereitete, ins Tschechische gebracht. „Befiehl den letzten Früchten voll zu sein“, heißt es bei Rilke, und „doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält.“ Ein härterer Kon­trast zu den Händen, in die Holans Heimat gefallen war – lässt er sich denken?

          Vladimír Holan: „Böhmen, Anno Domini 1969“

          Während sie an den Bäumen schamrot wird,
          die gereifte Fülle des Herbstes,
          sammelt im Gras eine Alte das Fallobst.
          Die Erde greift sich an die Brust,
          der Schluckauf der Maulwürfe läßt nicht nach . . .
          Irgendwo jault die Harmonika
          eines Genossen und Mitschweins . . . Irgendwo
          schreckt die Seele nur noch ihr eigener Schatten
          ohne Zuflucht . . . Irgendwo ist Selbstzerstörung
          wie eine Verpflichtung,
          alles zu dulden, und wärs auch vergeblich . . .

          Bloß den Mördern lebt es sich leicht,
          für sie ist Liebe eine Art Zusatz,
          und somit entbehrlich . . .

          Aus dem Tschechischen von Urs Heftrich

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