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Frankfurter Anthologie : Thomas Rosenlöcher: „Unsagbar“

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Bild: FAZ

Nichts Bedeutendes geschieht in diesem Gedicht und doch gelingt Thomas Rosenlöcher damit ein poetischer Glücksfall.

          2 Min.

          Selten genug, dass ein Gedicht über das Glück glückt und damit zum poetischen Glücksfall wird. Das aber ist hier der Fall. Eine kleine häusliche Idylle ruft dieses Gedicht auf; es kündet von einem, so scheint es anfangs, unwahrscheinlichen Glücksgefühl. In diesem Gedicht findet das „Unsagbare“ doch Worte, um zu sagen, was Sache wäre: Ein glückliches „unter Rosen“ im Vorgarten „Hocken“ könnte das „Weltende“ aufhalten? Welch ein Signalwort, Apokalypse und Kunst in einem – wer dächte dabei nicht an Jakob van Hoddis’ gleichnamiges Gedicht mit seinem sprichwörtlich gewordenen Eingangsvers: „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut.“ Man nannte es damals um 1913 die Marseillaise der expressionistischen Revolution. Im Gedicht „Unsagbar“ findet dagegen eine allenfalls stille Revolte gegen die herkömmliche Logik statt, gehaucht beinahe, wobei das vorletzte Wort uns geradezu aufschreckt und die zarte Tonlage am Ende noch in Frage stellt. Aus dem Unsagbaren wird so das Unerhörte.

          Stilles Glück

          Drei Parallelverse, eine jambisch rhythmisierte Langzeile: Das auf den ersten Blick so betont schlicht anmutende Gedicht besteht, nüchtern betrachtet, aus das Unaufhörliche indizierenden Wiederholungen, Spiegelungen und einem dem Eingangsbild nachsinnenden Gedankenstrich. Er hat sich nach den folgenden Versen erübrigt, weil das Spekulative im ersten Verspaar einer unvermuteten Gewissheit in seiner abschließenden Entsprechung gewichen ist: Das glückliche Unter-Rosen-Sein vermag nämlich das Weltende tatsächlich aufzuhalten. Es entspricht damit dem berühmten Apfelbaum Luthers, den er pflanzen wollte auch und gerade im Wissen, dass die Welt an ihrem Ende angekommen sei. Und dieses Glückhafte im Vorgarten mit Rosen mag überdies etwas von jener Gartenpflege haben, der sich Voltaires Candide nach seinen Welterkundungen zuletzt zuwendet.

          Nein, es geschieht nichts Bedeutendes in diesem Gedicht, und doch liegt noch in der kleinsten Sprachgeste Bedeutung: Dieses selbstvergewissernde „Aber“ etwa, das einen Umschwung einleitet: von dem Unwahrscheinlichkeit andeutenden zweiten Vers zu einer stetig wachsenden Bestimmtheit in den Aussagen. Das Gedicht besteht aus thesenhaften Hauptsätzen, die aber eine atmosphärische Dichte schaffen, wie sie sonst meist nur durch differenzierende, einzelne Eindrücke verwebende Nebensätze zu erreichen ist. Hinzu kommt, dass das Ich sich bedeckt gibt; es tritt nicht in Erscheinung, nur im Gewand der Wendung „unsere Namen“, in der das glücklich unter Rosen hockende Ich eingeschlossen ist. Das wiederholte „schon“ hat etwas Bekräftigendes, wiederum Versicherndes, auch wenn das Läuten von Blüten und Hämmern von Zweigen selten hörbar ist. So gesellt sich zum Unsagbaren das Unhörbare, und doch ist beides unbedingt wahrnehmbar. Denn dafür bürgt nun einmal das Gedicht, und komme es auch noch so unscheinbar daher: für die sprachsinnliche Wirklichkeit des Unwahrscheinlichen.

          Thomas Rosenlöcher: „Unsagbar“

          Glücklich unter Rosen hocken –
          Wer das noch sagen könnte.

          Aber die Rosen stehen doch vorm Haus
          und unsre Namen klein an der Tür.

          Schon läuten die Blüten, schon hämmern die Zweige.

          Glücklich unter Rosen hocken
          hält selbst das Weltende auf.

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