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Frankfurter Anthologie : Dylan Thomas „Und Herr unser wird er nicht, der Tod“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Dylan Thomas schrieb diese apokalyptischen Verse im Alter von achtzehn Jahren in seinem Elternhaus. Sie handeln vom menschlichen Willen zum Überleben.

          3 Min.

          Dieses Gedicht der Apokalypse aus dem Jahr 1933 enthält keine Zeile, keinen Gedanken, der nicht verficht, etwas (vom Menschen, etwas Menschliches) überlebe den Tod. Sein Titel und der Refrain nimmt einen Vers aus dem „Envoi“ in François Villons „Ballade des pendus“ auf: „Garde qu’Enfer n’ait de nous seigneurie“ – mit dem Unterschied, dass die Strafanstalt der Hölle durch den allmenschlichen Tod ersetzt und die Form einer letzten Bitte um Gnade an den „Prinzen Jesus“ in eine zähe Selbstbehauptung des Menschen verwandelt wird. Der menschliche Wille zum Überleben scheint sich im Gedicht sogar in dem Maße zu steigern, als die Umgebung, in der er fortbestehen wird, sich als immer unmenschlicher offenbart. Wir werden zwischen dem heilen festen Glauben an das ewige Leben und der abgründigen Vorstellung der Welt nach dem Untergang von allem, das wir kennen, hin- und hergerissen.

          In der ersten Strophe geht es um den bloßen Tod des menschlichen Körpers („Deren sauber geleckte Knochen verschwinden zwar einst“). Die achte Zeile tröstet uns sogar mit der Behauptung, „die Liebe bleibt bestehen“. Die Liebe scheint dennoch ein schwacher Trost, wenn uns („ihnen“) in der zweiten Strophe die Befreiung des Todes verweigert wird, während wir allen Instrumenten der mittelalterlichen Folterkünste ausgeliefert werden („Sich krümmend um das Reck ... Aufs Rad geschnürt sie brechen nicht“). Die dritte Strophe prophezeit das Aussterben der ganzen natürlichen Welt („Länger krächzen die Möwen ... nicht/Nicht mehr braust die Brandung ... da hebe sich nie wieder/Einer Blume Kopf“). Die auferstehenden Toten scheinen selbst den endgültigen Untergang der Sonne herbeizuführen („Sie knallen gegen die Sonne bis die Sonne sich niederbeugt“).

          Das Wort wird walten, am Ende wie am Anfang

          Nicht nur die Themen der Auferstehung und des Weltuntergangs, auch die erhabene Sprache, die zweifelsfreien Aussagen über die Zukunft, die nachdrückliche Wiederholung von Klängen und Worten und Wörtern und Versen, der Bildtopos des untergehenden Schiffes auf der See und das Einhorn als Ungeheuer erinnern an die Bibel. Doch gleich in der dritten sowie der fünften Zeile unterlaufen heidnische Bilder („sie werden eins/Mit dem Geist der Böe und des Westmonds .... Dann weisen sie Sterne aus am Ellbogen und Fuß“) die christliche Bildsprache. In der zweiten Strophe kommt der Hammerschlag für denjenigen, der noch an die christlichen Märtyrer des Mittelalters denkt („Der Glaube bricht in ihren Händen entzwei“). Die Liebe bleibt also bestehen, der Glaube nicht.

          Was fehlt in dieser Offenbarung – nicht nur im Vergleich zu der des Johannes, sondern auch zu denen der späteren Dichter der Apokalypse, etwa Paracelsus – ist der Sieg des guten Lammes in Armageddon, die Geburt eines neuen Sterns, das Kommen des Reichs Gottes oder des tausendjährigen Friedens. Am Ende der dritten und letzten Strophe beugt sich die Sonne nieder. Die Toten erstehen zwar – und sei es nur mit der Prosthese eines Typenhebels („Köpfe der Typen hämmern hoch durch die Radieschen“): „Und Herr unser wird er nicht, der Tod.“ Unser lieber Herrgott aber auch nicht. Etwas Menschliches – Schmerz, sogar die Liebe, eventuell das Wort – überlebt den Untergang von Gott und Natur. Mehr nicht.

          Trotzdem wirkt das Gedicht eher erbauend als niederschlagend. Vielleicht nur deshalb, weil der Mensch so sehr am Leben hängt, dass er bereit ist, das Fortleben mit Glück gleichzusetzen, auch wenn nichts anderes da ist, an dem er sich ergötzen darf. Auch wenn die Hoffnung selbst stirbt (im Englischen wird die blaue Blume der Sehnsucht allerdings nur klanglich ausradiert – „blew a flower“). Vielleicht halten wir trotz allem noch an der Liebe fest, die in der ersten Strophe gerettet wird.

          Es ist jedoch vor allem der Klang, der uns durch dieses düstere Gedicht beflügelt und der nach Ende der Lektüre – zumal nach Abspielung von Dylan Thomas’ eigener, im Tondokument festgehaltenen Vorlesung – in unseren Ohren nachklingt. Nicht anders als schön kann man die schwingenden Rhythmen, die satten und häufigen, doch nie übersättigten Einklänge der Mit- oder Selbstlaute bezeichnen, die eine Reihe von Binnen- und Endreimen ergeben, die aufeinander aufbauen, ohne sich in einem starren Muster zu befangen.

          Die Struktur des Gedichts bleibt der mittelalterlichen „forme fixe“ der Ballade (ohne „Envoi“, weil Thomas keinen Prinzen anerkennt, dessen Gunst er erbitten könnte) treu. Thomas gönnt sich Freiheit hauptsächlich in der Anzahl der Silben: In Villons Frankreich des fünfzehnten Jahrhunderts enthielt jeder Vers in der Regel genauso viele Silben wie die Strophe Verse. Und die Endreime bei Thomas (ich habe in meiner Übersetzung nicht versucht, das Reimschema des Englischen nachzuahmen) werden häufig mit nur einem Phonem ausgeführt (Mitlaut oder Selbstlaut – „one“, „moon“, „gone“ haben alle verschiedene Vokallaute im Englischen); doch es gelingt ihm mehrmals, dasselbe Wort in zwei Richtungen zu reimen („way“ – „break“ – „crack“; „ears“ – seashores“ – „more“; „rain“ – „nails“ – „down“ – „dominion“). Diese Halbreime weben die Verse des Gedichts ohne die geringste Monotonie klanglich eng zusammen.

          Das Gedicht hat ein noch in seinem Elternhaus in Swansea, Wales, lebender Achtzehnjähriger geschrieben, der kurz zuvor von seiner Stelle als Journalist bei der örtlichen Tageszeitung entlassen wurde und bereits einen starken Hang zum alkoholischen Exzess erweist. Liest man das Gedicht lediglich um seiner wortwörtlichen Bedeutung willen, so wundert es nur, der Autor habe weitere einundzwanzig Jahre auf dieser Erde ausgeharrt. Hört man lediglich seiner Stimme zu – und diese kommt, zumindest im Englischen, auch allein im Text klar und deutlich durch –, so glaubt man mit dem Dichter fest, das Wort, das Alpha und das Omega, werde am Ende wie am Anfang über ein Reich der Liebe walten.

           

           

          Dylan Thomas „Und Herr unser wird er nicht, der Tod“

          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.
          Die Toten nackt sie werden eins
          Mit dem Geist der Böe und des Westmonds;
          Deren sauber geleckte Knochen verschwinden zwar einst,
          Dann weisen sie Sterne aus am Ellbogen und Fuß;
          Und seien sie tobsüchtig, sie werden gründlich heil,
          Und sinken sie quer durch die See, sie tauchen wieder auf;
          Und gehen Liebhaber verloren, die Liebe bleibt bestehen;
          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.

          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.
          In den Leichentüchern der Tiefsee
          Die lange Liegenden werden nicht tüchtig sterben;
          Sich krümmend um das Reck, geben auch die Sehnen nach,
          Aufs Rad geschnürt sie brechen nicht;
          Der Glaube bricht in ihren Händen entzwei,
          Und des Unheils Einhörner durchbohren den Leib;
          Am Mast und Glied gesprungen sie splittern nicht,
          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.

          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.
          Länger krächzen die Möwen vor ihren Ohren nicht,
          Nicht mehr braust die Brandung am Strand;
          Wo einst die Blume flatterte blau, da hebe sich nie wieder
          Einer Blume Kopf gegen des Regens Hiebe;
          Und werden sie tobsüchtig und liegen tot wie Teer,
          Köpfe der Typen hämmern hoch durch die Radieschen;
          Sie knallen gegen die Sonne bis die Sonne sich niederbeugt
          Und Herr unser wird er nicht, der Tod.
           

          Aus dem Englischen von Adrian Nichols

           

          And Death Shall Have No Dominion

          And death shall have no dominion.
          Dead man naked they shall be one
          With the man in the wind and the west moon;
          When their bones are picked clean and the clean bones gone,
          They shall have stars at elbow and foot;
          Though they go mad they shall be sane,
          Though they sink through the sea they shall rise again;
          Though lovers be lost love shall not;
          And death shall have no dominion.

          And death shall have no dominion.
          Under the windings of the sea
          They lying long shall not die windily;
          Twisting on racks when sinews give way,
          Strapped to a wheel, yet they shall not break;
          Faith in their hands shall snap in two,
          And the unicorn evils run them through;
          Split all ends up they shan't crack;
          And death shall have no dominion.

          And death shall have no dominion.
          No more may gulls cry at their ears
          Or waves break loud on the seashores;
          Where blew a flower may a flower no more
          Lift its head to the blows of the rain;
          Though they be mad and dead as nails,
          Heads of the characters hammer through daisies;
          Break in the sun till the sun breaks down,
          And death shall have no dominion.

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