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Frankfurter Anthologie : Ulrich Schacht: „Woher wir kommen“

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Bild: dpa

Dieses Gedicht spricht vom dunklen Augenblick ausbleibender Zuversicht. Der Autor der Verse kennt sich damit aus - und gewinnt aus der eigentlich aussichtslosen Situation eine ganz eigentümliche Kraft.

          Woher wir kommen, das ist mehr als nur eine historische oder genealogische Frage. Sie hat etwas Philosophisches. Und da man nicht weiß, was man letztlich darauf antworten soll, spürt man das Irritierende daran. Etwas Rätselhaftes, zutiefst Unbestimmtes ist in das Fundament unserer Existenz gegossen. Wir können es nicht nur nicht verstehen, sondern auch nur schwer akzeptieren. Und genau davon handelt das Gedicht. Das ,wir‘ seiner wehmütigen, grüblerischen Jamben meint nicht die Gattung, nicht die Evolution, es meint den einzelnen Menschen und den scharf begrenzten zeitlichen Lauf seines Lebens.

          Wer an Sinn und Geschichte der Schöpfung glaubt, sich an etwas gebunden fühlt, das über ihm ist und ihn behütet und am Ende erlöst, der ist gefeit gegen das Nichts, das in einer solchen Frage lauert. Er weiß, woher er kommt und wohin er geht. Aber auch für religiöse Optimisten, die ein Leben lang die Hoffnung trägt, gibt es Stunden, in denen sie der Verstand an den Rand des Abgrunds führt. Und genau das ist die Situation in diesem Gedicht. Es spricht vom dunklen Augenblick ausbleibender Zuversicht. Es spricht von einer pascalschen Stimmung, einem Gefühl der Nichtigkeit und Weltverlorenheit.

          Ebendas übermannt uns Menschen zuweilen, wenn wir zum Firmament aufschauen und der nachtschwarzen Weite des Himmels begegnen, dem unermesslichen Raum, den wir nicht kennen und der unser nicht achtet. Auch Pascal erging es so. Vor die tote Kälte der Unendlichkeit gestellt, erfasste den Philosophen das große Erschrecken. Und als er die kurze Dauer seines Lebens bedachte, aufgezehrt von der Ewigkeit vorher und der Ewigkeit nachher, überkam ihn der Gedanke, dass das Dasein des Menschen nirgendwo aufruht.

          Zeuge der Dunkelheit, Bote des Lichts

          Der schönen Fuge des Gedichts von Ulrich Schacht ist diese Stimmung wie eingeschrieben. „Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter“. „Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten“. Das Leben des Einzelnen ist nicht viel mehr als ein aufblitzender Sternenstaub, eine Lichtschleppe am Himmel. Kaum dass man sie gesehen hat, ist sie schon verschwunden.

          All das kommt, und es scheint unabweisbar, mit Macht aus dem Denken, dem philosophischen Bewusstsein. Es entspringt der Ratio, doch nicht dem Herzen. Denn das Herz hat seine eigene Ästimation. Und auch sein eigenes Wahrheitspersonal. In der Mittelstrophe des Gedichts ist von ihm die Rede, dort wo es heißt: „Es gibt kein Gestade für jenen Ritter, / von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.“ Dieser Ritter ist eine Erlösergestalt. Er könnte Jesus Christus sein oder der heilige Georg. Aber er ist nicht von dieser Welt, es gibt „kein Gestade“ für ihn.

          In diesem Gedicht hat das Herz, die Theologia cordis, nicht genug Kraft, dem Nihilismus der Gedankentrift zu widerstehen. Die Aporie zwischen Sinn und Sinnleere, zwischen Licht und Dunkelheit des Geistes schmerzt.

          In Ulrich Schachts Biographie gibt es, was dies betrifft, einen besonderen Umstand: nicht nur dass er in einem Frauengefängnis zur Welt kam, er musste auch selber als politischer Gefangener einige Jahre hinter Gittern verbringen. Wer im Gefängnis ist, erfährt Licht und Dunkelheit elementar. Schacht gehörte zu denen, die Energie daraus gezogen haben, auch als späterer Dichter. So wurde er Zeuge der Dunkelheit und zugleich Bote des Lichts. Beides ist in sein Schreiben eingegangen. In fast allen seinen Gedichten, besonders denen über den hohen Norden, ist das zu spüren. Sie halten auf wunderbare Weise Zwiesprache mit der geheimnisvollen Lichthaftigkeit der Welt, mit dem Herüberrufenden des Seins. Und oft sind sie auch ein Fragen nach den letzten Dingen, nach Anfang und Ende, nach Leben und Tod. Und manchmal nach Erlösung, auch wenn sie, wie in diesen Strophen, fern und unvorstellbar ist.

          Ulrich Schacht: „Woher wir kommen“

          WOHER WIR KOMMEN bleibt unerschlossen:

          Die Daten sind reine Zahl auf Papier.

          Am Anfang des Lebens wird Blut vergossen;

          am Ende erschrickt ein verwundetes Tier.

           

          Auftauchen Verlöschen: Kometengewitter –

          im Raum aller Spiele besiegt uns der Kreis.

          Es gibt kein Gestade für jenen Ritter,

          von dem unser Herz mit Gewißheit weiß.

           

          Schweigen herrscht zwischen verlorenen Welten:

          ihr Kreisen ist grundlose Trunkenheit.

          Wann immer wir in unser Leben schnellten,

          gewannen wir nichts und verloren die Zeit.

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