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Frankfurter Anthologie : Hans Magnus Enzensberger: „Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen“

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Seit Platon ist der Vorwurf in der Welt, aber stimmt es wirklich, dass alle Dichter unaufrichtig sind? Hier spricht ein Dichter in eigener Sache – und zugleich, obwohl er es gar nicht will, auch für viele andere.

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          Die Gedichte Enzensbergers sind selten das, was der Lyrikfreund gerne „poetisch“ nennt. Goethes „Röslein auf der Heiden“ liegt ihnen ebenso fern wie Georges „schimmer ferner lächelnder gestade“. Es sind zumeist Lehrgedichte, Gedankengedichte, Thesengedichte, und dieses hier diskutiert eine ziemlich alte, ewig aktuelle Frage, ob nämlich die Sprache – und damit Literatur überhaupt – zur Wahrheit imstande ist.

          Wahrheit meint jetzt nicht etwas Transzendentales, sondern etwas sehr Diesseitiges, Glück zum Beispiel. Der wahrhaft glückliche Augenblick, so die erste These, ist niemals derselbe Augenblick, in dem sich jemand „glücklich“ nennt. Das sagt er, wenn er es sagt, erst danach. Dasselbe gilt für den Orgasmus. Wer den Höhepunkt erlebt, wird nicht fähig oder in der Laune sein, zu sagen „Ha, jetzt erlebe ich einen Orgasmus!“

          Nun gut, wird man fragen, gibt es nicht Schlimmeres? In der Tat. Wer am Verzweifeln ist, wer zu verdursten droht, wer im Sterben liegt, der wird nicht sagen wollen oder können: Ich verzweifle, ich verdurste, ich sterbe. Das jedenfalls behaupten die weiteren Thesen. Natürlich kann man sich vorstellen, dass ein Verdurstender „Wasser!“ ruft und ein Verzweifelnder „Hilfe!“ Doch dies ist nicht der Punkt, auf den Enzensberger hinauswill. Sein Problem ist, dass die Wörter etwas bezeichnen wollen, aber immer nur Zeichen bleiben. Sie können niemals die Sache selber werden. Sie sind, wie der mittelalterliche Theologe Roscelin gesagt haben soll, nur ein „Flatus vocis“, nur ein Stimmhauch. Sie kommen zu spät oder zu früh. Sie täuschen etwas vor. Sie schaffen keine Realität.

          Auf einem gemalten Stuhl kann man nicht sitzen

          Das Gedicht verschärft dieses Ar­gument: Weil Wörter wohlfeil sind, ermöglichen sie das stellvertretende Sprechen. Wer von der „Arbeiterklasse“ spricht, gehört ihr nicht an. Er gebraucht nur ein Wort, mit dem er andere bezeichnet, vielleicht in wohlmeinender Absicht. Die anderen jedoch – und auf diese herbe Pointe läuft das Gedicht mit wachsender Geschwindigkeit zu – schweigen. Das Wort steht ihnen nicht zur Verfügung, es geht sie letztlich nichts an. Es bringt ihnen keineswegs den „glücklichen Augenblick“, schon gar nicht die Rettung vor dem Verdursten oder dem Tod.

          Die Überschrift behauptet, dass die Dichter lügen. Der Vorwurf, so heißt es oft, gehe auf Platon zurück. Genau so hat er das nicht gesagt. In seiner „Politeia“ (der Staat) setzt er sich mit Homer auseinander. Er wirft ihm vor, die Götterwelt zu verunglimpfen und ein moralisches Durcheinander zu stiften. Die zentrale Kritik Platons jedoch lautet, dass die Dichter lediglich zur Nach­ahmung, zur Mimesis imstande seien.

          Im Gespräch mit Glaukon erläutert Sokrates den Gedanken am Beispiel des Stuhls. Der Handwerker, der einen Stuhl baut, kann das nur, wenn er die Idee des Stuhls begriffen hat. Die Idee des Stuhls jedoch, die all seine denkbaren Formen umfasst, stammt nicht von ihm, sondern von Gott. Der Handwerker ist das ausführende Organ zweiter Klasse. Der Künstler nun, der einen Stuhl malt oder mit Worten vor Augen bringt, befleißigt sich lediglich der Nachahmung. Er ist drittklassig. Er hat weder die Idee ­wirklich begriffen, noch beherrscht er die Technik ihrer Verwirklichung. Er täuscht, und insofern lügt er.

          Enzensberger fügt diesem Gedanken „weitere Gründe“ hinzu. Wenn wir die Dichtkunst auch als ein Handwerk betrachten, so unterwirft er sein Handwerk einer radikalen Kritik. Doch beherrscht er es insofern, als sein Gedicht einem kalten und klaren Plä­doyer gleicht, das mit entschiedenen Schritten auf den ernüchternden Befund zusteuert.

          Der Befund ist aktuell, und er wird (wenn der Komparativ erlaubt wäre) immer aktueller. Denn das stellvertretende Sprechen grassiert. Diejenigen, die reden können, und dazu zählen eben auch die Dichter, reden immerzu für andere, für reale oder auch nur vermeintliche Opfer, und hoffen dadurch Aufmerksamkeit zu erzielen. Es bleibt der stärkste und letzte Grund, weshalb die Dichter lügen: „Weil es ein anderer ist, / immer ein anderer, / der da redet, / und weil der, / von dem da die Rede ist, /schweigt.“

          Das Gedicht ist zuerst in Enzensbergers Versepos „Der Untergang der Titanic“ erschienen (1978). Es nennt sich im Untertitel „Eine Komödie“ und enthält Gedichte, Prosastücke sowie 33 „Gesänge“ – so wie jeder der drei Teile von Dantes „Commedia“. Im „Fünften Gesang“ tritt ein Agitator auf, der die Entrechteten dazu aufruft, sich endlich zu wehren: „Raubt, was man euch geraubt hat, /nehmt endlich, was euch gehört . . . “. Aber sie reagieren nicht. „Seine Worte waren nicht ihre Worte. / Sie waren von andern Ängsten zerfressen / als er, und von andern Hoffnungen.“

          „Der Untergang der Titanic“ spiegelt die politischen Hoffnungen und Enttäuschungen Enzensbergers. 1968 hatte er die Gastdozentur an einer amerikanischen Universität abgebrochen und war nach Kuba gereist, wo sich damals einige westliche Intellektuelle aufhielten, um die kubanische Revolution zu besichtigen, wenn nicht zu bewundern. Das Ergebnis war desaströs. Enzensberger Freund, der Schriftsteller Heberto Padilla, wurde als „Konterrevolutionär“ inhaftiert, die kubanische Verheißung war vom Schicksal der Titanic ereilt worden war. Seitdem misstraut Enzensberger jener poetischen Begleitmusik, mit der die unterschiedlichen Projekte einer Welt- und Menschenverbesserung stets garniert werden.

          Hans Magnus Enzensberger: „Weitere Gründe dafür, daß die Dichter lügen“

          Weil der Augenblick
          in dem das Wort glücklich
          ausgesprochen wird,
          niemals der glückliche Augenblick ist.
          Weil der Verdurstende seinen Durst
          nicht über die Lippen bringt.
          Weil im Munde der Arbeiterklasse
          das Wort Arbeiterklasse nicht vorkommt.
          Weil, wer verzweifelt,
          nicht Lust hat, zu sagen:
          „Ich bin ein Verzweifelnder.“
          Weil Orgasmus und Orgasmus
          nicht miteinander vereinbar sind.
          Weil der Sterbende, statt zu behaupten:
          „Ich sterbe jetzt“,
          nur ein mattes Geräusch vernehmen läßt,
          das wir nicht verstehen.
          Weil es die Lebenden sind,
          die den Toten in den Ohren liegen
          mit ihren Schreckensnachrichten.
          Weil die Wörter zu spät kommen,
          oder zu früh.
          Weil es also ein anderer ist,
          immer ein anderer,
          der da redet,
          und weil der,
          von dem da die Rede ist,
          schweigt.

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