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Frankfurter Anthologie : John Clare: „Lied“

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Bild: Interfoto

Gedankenflüge, Fluchtversuche: Dieses Gedicht ist ein nur scheinbar schlichtes Liebeslied, schwankend zwischen Selbstvergewisserung und dem Absturz in Nichts.

          3 Min.

          Dichterische Sprache hielt er für etwas Grünes und immer Grünendes; die Pastorale galt ihm daher als die für das Dichten naturgegebene Form. Dichten verstand er als Gefühlsmitteilung nach dem Motto: Wo Verse sind, blüht es, vergeht der Monat Mai nicht. Der Natur wollte er Lieder singen, der Tagelöhnersohn aus Northamptonshire, der in einer Welt von Analphabeten zum Dichter wird, sich zunächst als Kuhhirt, Erntearbeiter, Schankgehilfe und Hilfsgärtner verdingt: John Clare (1793 bis 1864), der zu oft übersehene Romantiker.

          Im Jahr 1820 kann er seinen ersten Band Gedichte in jenem Verlag veröffentlichen, der die Lyrik von John Keats und Lord Byron publiziert. Er lernt die Elite der englischen Romantiker kennen, die ihn etwas herablassend be­mitleidet. Nach fünfzehn intensiven, entbehrungsreichen poetischen Schaffensjahren überkommen ihn Wahnvorstellungen; es bleibt ihm in seiner Zeit nur die Irrenanstalt.

          Von den guten Geistern weiß er sich verlassen, nicht aber von seiner Sprachkunst, die schlicht wirkt, aber eindringlich bewegt. Sein räumlicher Radius blieb bescheiden; weiter als viermal nach London und in die Grafschaft Essex kam er nicht. Sein Umfeld werden die Anstalten um seinen Heimatort Helpston. Aber von diesem „Stein“ geht keine „Hilfe“ mehr aus. Er sieht sich selbst als einen in der Heimat heimatlos Gewordenen. Und im Northampton Asylum schreibt er 1841 auch dieses „Lied“.

          Das prekäre Ich

          Das ist kein „unschuldiges“, gar naives Naturgedicht mehr, das den von ihm so geliebten Weiß- oder Schlehdorn preist. Auffallend komplex ist es. Er, der zuvor so satzzeichenbewusste Dichter, schreibt es ohne Komma und Punkt, was auch für die anderen Anstaltsgedichte zutrifft; aber eines dürfen auch sie noch: reimen, als wollte er an einem sprachklanglichen Zusammenhang noch festhalten.

          Was für eine Konstruktion bereits in der ersten Zeile: zwei Konjunktive für eine Unmöglichkeit – so komplex wie die damalige Lebenslage des Dichters. Dieses lyrische Ich wusste sich in einer ebenso prekären Verfassung wie das des John ­Clare, der für den Rest seines teilweise umnachteten Lebens, immerhin noch dreiundzwanzig Jahre, nicht wahrhaben wollte, dass seine Liebe, Mary Joyce, gestorben war. Im Gedicht sollte sie weiterleben. Diese erste Zeile lautet nicht einfach: „Ich wollt ich wär dort . . .“, sondern sie konstatiert oder konstruiert ein Wunschdenken, wobei dieses Ich scheinbar kaum noch ein und aus weiß.

          Ein dreifaches „Ich“ in diesem ersten Vers. Noch im Irrealen will sich dieses Ich seines Selbst versichern. Es ist ein An­liegen, das zahlreiche von Clares späten, im „Asyl“ entstandenen Gedichte prägt. Da heißt es etwa: „Ich spüre zu sein“, „ich weiß ich bin“ oder ernüchtert „Ich bin, doch was, weiß niemand, kümmert keinen“. Diese Verse gleichen Übungen im Festigen von Ich-Gewissheit, die sich aber als vergeblich erweisen werden. Dieses Ich schwankt zwischen Sein und Nichts.

          Doch dieses „Lied“ schlägt andere Töne an. Man führe sich seinen Anfang wortwörtlich vor Augen: „Ich wünsche, ich wäre, wo ich sein würde“ – das Wünschen selbst ist real; denn es heißt nicht: „I wished“ – ich wünschte . . . Nicht minder tückisch ist der zweite Vers: „Love“, das ist die Liebe selbst und die Geliebte; demnach kann diese Zeile auch bedeuten: mit der Liebe an sich allein zu sein, mit ihr zu „wohnen“ (dwell), aber auch, über sie zu brüten. Was sich aus diesem Brüten ergibt, wäre dann diese Empfindungssymmetrie: ich als sie und sie als ich. Das aber ist als ein „Lied“ gedacht, wohl gleichfalls in schwankender, un­sicherer Tonart sich selbst zu „singen“.

          So wichtig war Clare diese unwirkliche Möglichkeitskonstruktion, dass er sie gleich zweimal verwendete; auch ein längeres Gedicht, gleichfalls mit „Song“ betitelt, beginnt mit dieser Zeile. Und doch hält sich bei genauerem Lesen diese Selbst-Verwirrung in Grenzen, denn dieses Ich kennt sich nur zu gut. Es lebt in Optionen, die es nicht (mehr) hat. Es benennt auch das Ideal dieser Identität der Liebenden: Das Ich und die namen­lose Geliebte betreiben Identitätstausch.

          Manche Ausgaben von Clares Gedichten sehen keine strophische Zweiteilung vor. Aber dieser optische Bruch ergibt Sinn, weil die letzten vier Verse einen Wunsch in der Wirklichkeitsform vortragen. So irreal diese Hoffnung auch klingt, der Naturvergleich („wie der Wind wellt Wasser hier“) erbringt Realität. Ins Auge fällt das Widerspiel von „fliegen“ und „fliehen“. Man könnte geradezu von der Fliehkraft des Gedankens sprechen, der hier der Toten übermittelt werden soll. Das ihr in der Möglichkeitsform Zugedachte soll sie tatsächlich erreichen.

          Unübersehbar jedoch der Einschnitt, wörtlich übertragen: „Aber wie die Winde die Wasser aufwühlen / Wechseln die Spiegel und fliehen“. Was meint das? Dass wir uns nicht einmal im Spiegel der Natur verlässlich erkennen können. Dass die Natur womöglich die Chance zur Selbsterkenntnis zerstört. Und dass aus Gedankenflügen Fluchtbewegungen werden. Abstürze sind dabei nicht ausgeschlossen, sondern wahrscheinlicher als die Verwirklichung einer lieb gewordenen Hoffnung.

          John Clare: „Lied“ / „Song“

          Ich wollt ich wär wo ich gern wär
          Mit meiner Lieb allein
          Doch wär ich sie, sie ich, nicht mehr
          Dann stünd’s um die Liebe fein

          Möchte schicken was ich denke ihr
          So schnell Gedanke fliegt
          Doch wie der Wind wellt Wasser hier
          Wechselt der Spiegel und flieht.

          Aus dem Englischen von Manfred Pfister

          Song

          I wish I was where I would be
          With love alone to dwell
          Was I but her or she but me
          Then love would all be well

          I wish to send my thoughts to her
          As quick as thoughts can fly
          But as the winds the waters stir
          The mirrors change & flye

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