https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-ueber-goethes-gedicht-beherzigung-18321521.html

Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang Goethe: „Beherzigung“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Ach, was soll der Mensch verlangen? Dieses Gedicht fragt nach der richtigen Lebenshaltung und ist dabei ein Plädoyer für Individualität, Vielfalt und Toleranz.

          2 Min.

          Als Goethe für die erste Gesamtausgabe seiner Werke die Sammlung „Vermischte Gedichte“ (1789) zusammenstellte, streute er in deren ersten Teil einige Reflexionen zwischen die Liebesgedichte: Zu ih­nen gehört die „Beherzigung“. An die Stelle des lyrischen Erlebnisentwurfs, an die Stelle eines ungestümen und sich zu höchster Individualität aufschwingenden Ich, das, wie in „Willkomm und Abschied“, atemlos durch die Nacht reitet („In meinen Adern welches Feuer! / In meinem Herzen welche Glut!“), tritt eine überraschend allgemeine Überlegung, eine grundsätzliche Frage: „Ach was soll der Mensch ver­langen?“ Das Gedicht meidet das Persönliche, es kommt ganz ohne ein sprechendes Ich aus, im Mittelpunkt steht „er“, „der Mensch“. Eine leise Emotionalität liegt al­lerdings im seufzenden Auftakt.

          Es sind die Direktheit und Schlichtheit der sich nun anschließenden Fragen über Fragen, durch die das Gedicht so sehr berührt. Sechs Fragen beschäftigen sich mit zwei gegensätzlichen Lebenshaltungen: der Ruhe, als Ataraxie oder Selbstbeschränkung, die zum Anklammern werden kann, und der Bewegung, dem fortwährenden Voran- und Weitertreiben. Leicht irritierend im Gleichmaß der liedhaften Form sind das Elliptische in der zweiten und dritten Verszeile und die un­gewöhnliche Verwendung des Verbs in der vierten: „Reflexiver Gebrauch von treiben ist nicht häufig, treiben als ‚sich rasch bewegen‘. Beliebt und mannigfach bei Göthe, aber nicht vor der Weimarer Zeit“, heißt es im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, die damit gleich einen Hinweis liefern: Erst in Weimar knüpfte Goethe an die Tradition anthropolo­gi­schen Nachdenkens an. Dies mochte an seiner Lebenssituation liegen, in der die politische Verantwortung stetig zunahm: Seit 1776 war Goethe Mitglied des Geheimen Conseils des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Zugleich empfand er einen Rückgang seiner poetischen Schaffenskraft – bis er nach Italien aufbrach.

          Von wahren Standpunkten und falschen Sicherheiten

          „Ist es besser, ruhig bleiben?“, „Ist es besser, sich zu treiben?“ Die Fragen sprechen in anderen tausend Situationen zu denen, die sie lesen und bedenken. Und sie steigern sich, in eindringlicher Wieder­holung von Versbeginn und -struktur, zu einer doppelten Metonymie: „Soll er sich ein Häuschen bauen? / Soll er unter Zelten leben?“ Gerade der fast naiv klingende Gegensatz von häuslicher Befestigung und nomadischer Lebensform markiert die Un­ausweichlichkeit der Frage, in der die Schutzlosigkeit des Menschen schon mitschwingt: „Soll er auf die Felsen trauen? /Selbst die festen Felsen beben.“ Wenn bisher alles Frage war, liegt in der ersten Aussage des Gedichts die einzige Gewissheit: Die Bedingung menschlicher Existenz sind die Vergänglichkeit, die Brüchigkeit des vermeintlich Festen. Der Reiz besteht darin, dass aus dieser Feststellung keine Festlegung wird, sondern die Offenheit der zweiten, der antwortenden Strophe.

          „Eines schickt sich nicht für alle“ – ist ein Plädoyer für die Vielfalt, eine Aufforderung an jeden, sich seine Existenzform und seinen Ort zu suchen. „Sehe jeder, wie er’s treibe / Sehe jeder, wo er bleibe“. Das „er“ der Zeilen ist hier nicht mehr „der Mensch“, sondern jeder Einzelne in seiner Art und Weise, das Leben einzurichten. Mit einem Enjambement schlägt der Ap­pell den Bogen zurück zum Ende der ersten Strophe: Egal wie wir es treiben, wir sind stets in Gefahr, Halt und Stand zu verlieren. Der biblische Anklang (1. Kor. 10, 12) verweist auf die Verführbarkeit des Menschen, das Gedicht auch auf dessen Verletzlichkeit und Instabilität. Warum aber sollen wir das Fallen verhindern? Um unseretwillen? Um der anderen willen? Wer steht, kann andere stützen, wer fällt, reißt andere mit. Und warum sollen wir an die Stolpergefahr denken? Wer meint, den wahren Standpunkt gefunden zu haben, wiegt sich in falscher Sicherheit.

          Goethes Gedicht ist eine nur scheinbar schlichte, rhetorisch klare und bewegende Verteidigung der Widersprüche im menschlichen Ringen um einen aufrechten Stand auf wankendem Boden! Das hat wohl auch Ernst Jandl gedacht, als er das Schlussmotiv in seinem Gedicht „vom ge­hen, messen, greifen“ wieder aufnahm: „greif nur nach oben / du stößt nicht an. /aber laß den fuß dort / wo er stehen kann.“

          Johann Wolfgang Goethe: „Beherzigung“

          Ach was soll der Mensch verlangen?
          Ist es besser ruhig bleiben?
          Klammernd fest sich anzuhangen?
          Ist es besser sich zu treiben?
          Soll er sich ein Häuschen bauen?
          Soll er unter Zelten leben?
          Soll er auf die Felsen trauen?
          Selbst die festen Felsen beben.

          Eines schickt sich nicht für alle.
          Sehe jeder wie er’s treibe,
          Sehe jeder wo er bleibe,
          Und wer steht, daß er nicht falle.

          Weitere Themen

          Gegen die Tanzwut

          Frankfurter Zeitung 26.11.1922 : Gegen die Tanzwut

          Die Regierung will gegen den Alkoholmissbrauch vorgehen. Die in wirtschaftlicher Not befindlichen Gastwirte wehren sich gegen den Vorwurf der Leichtfertigkeit und klagen geheime Kneipen an. Aus der Frankfurter Zeitung vom 26. November 1922.

          Topmeldungen

          Handgemenge zwischen Israelis und Palästinensern: Soldaten versuchen am 19. November in Hebron die Lage unter Kontrolle zu halten.

          Spannungen in Hebron : Wer kontrolliert die israelische Armee?

          In Hebron nehmen die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern zu. Besorgnis löst vor allem aus, dass israelische Soldaten sich mit ultrarechten Politikern solidarisieren.
          Ein Jahr gemeinsam im Regierungsboot: Omid Nouripour, Ricarda Lang, Christian Lindner, Saskia Esken und Lars Klinbeil

          Ein Jahr Ampel : Zweifel und Kritik sind notwendig

          Wenn Fortschritt in der Gesellschaft angenommen werden soll, dann müssen dafür Brücken gebaut und lagerübergreifende Perspektiven eingebunden werden. Ein Gastbeitrag der Vorsitzenden von SPD, FDP und Grünen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.