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Frankfurter Anthologie : Michal Soboł: „Über die Zeitumstellung“

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Bild: F.A.Z.

Mit großer Gelassenheit wird in diesem Gedicht der unvermeidliche Lauf der Dinge kommentiert. Aber gehört die sonderbare Erfindung der Zeitumstellung dazu? Es werden Zweifel laut.

          Auf die Frage, ob die Reaktion von Lesern oder Kritikern für einen Dichter überhaupt eine Rolle spiele, antwortete der polnische Lyriker Michał Sobol in einem Gespräch: „Alles spielt eine Rolle.“ Auch für Herrn Orkusz, den mit einem eigenen Gedichtzyklus bedachten diskreten Lehrmeister des Paradoxen, ist die Welt, im Sinne Wittgensteins, alles, was der Fall ist. Aber ihre transzendentale Abgründigkeit, ihren poetischen Zauber begreift eben nur, wer die Doppeldeutigkeit und Ambivalenz der Dinge erkennt.

          Das verbindet für Sobol etwa die Worte der Literatur mit den Zahlen der Mathematik, in denen so gegensätzliche Weltauffassungen wie die kabbalistische Mystik oder die wissenschaftliche Konvention aufeinanderstoßen können. Vielleicht ist seinem Herrn Orkusz – in einem anderen Gedicht der von Bernhard Hartmann souverän übersetzten Reihe – auch deshalb die lebenskluge Haltung seines einstigen Mathematiklehrers so sympathisch, der den Rechenoperationen mit großen Zahlen rein gar nichts abgewinnen konnte: „Einen / Großteil eures Lebens – sagte der alte Lehrer, / und Herr Orkusz sagte es meiner Mutter, die es / dann mir sagte – verbringt ihr mit dem Addieren / von ein paar kleinen Zahlen, kaum größer als / Null, und es nützt euch nichts, die großen zu kennen.“ Weitergegeben wird diese Weisheit in einem Gespräch der Generationen, einer komplizierten Abfolge des Sagens und Weitersagens, die ganze historische Zeiträume in wenigen Versen zusammenfasst. Ein kaskadenhaft abgestufter Erzählfluss, der dem zurückhaltenden Gestus dieser philosophischen, alles allzu Direkte meidenden Lyrik entspricht.

          Vom Lob der schlichten Wirkung

          Orkusz, von der Mutter des lyrischen Ichs, einer Rotkreuz-Schwester, während des Krieges versorgt und gepflegt (von der er, „trotz offensichtlicher Zeichen von Vernachlässigung“, nichts anderes begehrte als „eine Tasse starken Tee und einige Seiten aus den ‚Abenteuern des braven Soldaten Schwejk‘“), kann in der polnischen Literatur auf eine stolze Ahnenreihe zurückblicken. Sie beginnt mit dem 1811/12 entstandenen Nationalepos „Pan (Herr) Tadeusz“ von Adam Mickiewicz und wird im zwanzigsten Jahrhundert von Zbigniew Herberts „Herr Cogito“ weitergeführt, einem sich ironisch auf Descartes berufenden, durch komplizierte Denkanstrengungen vor politischen Verstrickungen schützenden Zweifler und Melancholiker. In Deutschland dürfte Brechts „Herr Keuner“ der nächste, freilich im Reich der moralischen Prosaparabel beheimatete Verwandte von Sobols Held Orkusz sein. Dieser trägt das Wissen um Vergessen und Vergänglichkeit schon im Namen und kann mit umso größerer Gelassenheit den unvermeidlichen Lauf der Dinge kommentieren.

          Auf die Ansicht, dass nur herausragende Künstler sich durch unnachahmlichen Stil vor der Plage des Nachahmens zu hüten vermöchten, antwortet Orkusz im Gedicht „Über das Nachahmen“ mit der „bescheidenen Meinung“, dass es genau umgekehrt sei. Die großen Meister erkenne man gerade daran, dass ihre Werke sich von weniger großen Künstlern kopieren ließen und damit zu etwas würden, „was wir selbst als unseren Teil der Welt annähmen“. Überhaupt, wenn „etwas ende, dann sei dies jedes Mal nur ein Anfang“, repliziert der in Gesprächen und Erinnerungen sein ganzes Leben durchlaufende, zum Abschluss des Zyklus greisenhafte Skeptiker im Gedicht „Über das Ende“ die, wie man ihm zuträgt, „aktuell am heißesten diskutierten / Errungenschaften des menschlichen Denkens“, das „Ende der Geschichte, das Ende Gottes und das Ende / des Menschen“. Im Falle göttlicher Geheimnisse lasse sich jedoch ohnehin nichts vollständig ausschließen.

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