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Frankfurter Anthologie : D. H. Lawrence: „Touristen“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance / Everett Colle

Ferienzeit, Reisezeit, Zeit enttäuschter Erwartungen und Sehnsüchte: Dieser Zweizeiler zerstört die letzten Hoffnungen auf authentische Urlaubserlebnisse.

          2 Min.

          Ausgerechnet der lebenslang Ort- und Ruhelose. Der Dauerreisende. Als gebürtiger Engländer ständig auf Tour, erst in Deutschland und Italien, später in Aus­tralien, Neuseeland, Tahiti, Ceylon, Mexiko, wieder Italien, am Ende in Südfrankreich, wo er in Bandol am 2. März 1930 fünfundvierzigjährig starb.

          Den Tod hatte er da schon länger ständig vor Augen. Also befand er sich auch in ständiger Fluchtbewegung vor Feind Hein, der dem Lungenkranken gnadenlos auf den Fersen war. Und wie alle Touristen im Sehnsuchtsgrunde ihres unerfüllten Herzens („Wo du nicht bist, dort ist das Glück“, singt Schuberts Wanderer) ja periodische Flüchtlinge sind, war er der periodenlose Tourist par excellence. Zu Hause nur in fremden Landen. Und ausgerechnet von ihm nun die Warnung unter dem schlagwörtlichen Titel „Tourists“: „There is nothing to look at any more, / every­thing has been seen to death.“ Ein Zweizeiler aus der Sammlung der „Pansies“ („. . . pensées, anglicé pansies; a handful of thougths“, wie er selbst es umschrieb) des Dichters und Romanciers und Welt-, Gesellschafts-, Liebe- und Eheverbesserers D. H. Lawrence, die er teils 1929 noch selbst herausgegeben hat, teils als „More Pansies“ und „Last Poems“ 1932 aus dem Nachlass publiziert wurden.

          Lawrence’ „Handvoll Gedanken“ („a handful of thougths“) nehmen, so knapp und unverstellt sie daherkommen, den langen Umweg über die aphoristische Pointenkunst der Pensées-Tradition à la française, zelebriert von den Pascal, Voltaire, Renard, Valéry et al. – und stellen sozusagen am Ende des Traditionswegs ein flott bemaltes Schild auf, das auf einen Sprachrösselsprung hinweist: „Pansies“. So fliegen die Pensées als Pansies über den Ärmelsprachkanal. Auf den Schwingen der Moral eines unbedingten Eigensinns. Der ausschließlich auf der Suche nach der Stunde der einzig wahren Empfindung ist. Das gilt für Blicke aufs Schöne wie auch zum Beispiel fürs noch mal so Schöne von Ehen.

          Allerletzte Reisewarnung!

          In seinem berühmtesten, skandalträchtigsten, Sittenwächter wie Gerichte über Jahrzehnte provokant beschäftigenden Roman „Lady Chatterley’s Lover“ (in drei Fassungen, 1928 die letzte als Privatdruck in Florenz erschienen) feiert Lawrence im detailreich in sexibus beschriebenen Ehebruch der Connie Chatterley mit dem Wildhüter Mellors zwar die ewige, im Grunde fundamental katholische Ehe, die aber für Lawrence „nur als phallische“ in Frage kommt. Weswegen der im Krieg zum rollstuhlverbannten Eunuchen zerschossene Mr. Chatterley von vornherein aus dem Spiel ist. Connie und Mellors sind sich beide schon die ganze Welt. In der sie ganz und gar aufgehen und sie jede Berührung mit der äußeren Welt der Gesellschaft als Belästigung empfinden. Und das genau war und ist der eigentliche Skandal. Und in seiner vielleicht schönsten Erzählung, „Der Mann, der Inseln liebte“ (1927), ist der Inselmann das „einzige Ei“, das auf einer Insel Platz hat. Und er sucht so lange nach dem wahren, dem völlig von der Restwelt isolierten Eiland, bis er nur noch den „Atem des Schnees in seinem Rücken“ spürt. Widerständigste Individualität auf kleinstem gesellschaftlichen Raum und gleichzeitig ein Aufgehen im großen Naturganzen: Lawrence – eigentlich der rotgrüne Aktualdichter für die älteren Achtundsechziger wie für die neueren Ökoisten

          Seine Reisewarnung kommt also zur rechten Zeit. Wer die Schönheiten der Ferne liebt, bleibt ihnen fern – um sich nicht mit dem Virus des Zu-Tode-Glotzens, der Vermassung der Blicke zu infizieren. Vorm Canal Grande wie im Louvre. „Ich bin zu Tode fotografiert worden“, klagte in einem schönen Filmporträt die greise Marlene Dietrich ihrem Porträtisten Maximilian Schell, der sie denn auch chevaleresk nicht ins Bild zwang. Und wer erlebt hat, wie Massen von japanischen Touristen sich gegenseitig fotografieren, wie sie die Mona Lisa fotografieren, begreift solche Blicke-aufs-Bild-Werfer als Bildvernichter. Der viel getourte Dichter Lawrence jedenfalls, so berichtet es seine Witwe Frieda, geborene von Richthofen, saß, als er „Lady Chatterley’s Lover“ in den toskanischen Bergen schrieb, „so still, daß die Eidechsen über ihn liefen und die Vögel dicht um ihn herumhüpften“. Teil eines Ganzen. Nicht dessen Beglotzer.

          D. H. Lawrence: „Touristen“

          Nichts ist mehr da, das man sich ansehen könnte,
          alles ist zu Tode geglotzt worden.

          Aus dem Englischen von Ernst Schönwiese

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