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Frankfurter Anthologie : Tomas Tranströmer: „Schwarze Ansichtskarten“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Imago

Wie findet man solche Metaphern? Das Werk des kürzlich verstorbenen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer ist geprägt von schroffen Gegensätzen, hinter denen sich eine unvergleichliche menschliche Wärme verbirgt.

          Wenn man einen Dichter verehrt, darf es eigentlich keine Lieblingsgedichte geben; dann gehören auch die Verse dazu, die einem verschlossen geblieben sind. Ihre Weigerung, sich dem Leser auf den ersten Blick zu öffnen, sich ihm zu offenbaren, muss man als Aufforderung verstehen, sie wieder und wieder zu lesen. Denn oftmals verstecken sich gerade in ihnen einige Zeilen, die beim wiederholten Lesen wie Funken aufstieben, auch wenn sie das Ganze nicht erhellen können.

          Diese plötzlichen Epiphanien durchleuchten das schmale Werk des schwedischen Dichters Tomas Tranströmer, die knapp dreihundert Seiten, die er in sechzig Jahren veröffentlicht hat. Sie bilden einen Raum der Gegensätzlichkeit: von Nähe und Ferne, Land und Meer, oben und unten, Gut und Böse, Verstand und Herz, Schlafen und Wachen; aber man wird vergeblich nach den klaren Grenzen suchen, da dieser Autor sich für die Übergänge interessiert - wo das Land vom Meer bedrängt wird und die Nähe in Ferne umschlägt, wo die „schweren Schritte des Herzens“ vom Verstand nichts wissen wollen und der Traum sich mit der Realität messen will.

          Schäm dich nicht, ein Mensch zu sein

          Die bezwingende Schönheit dieser Gedichte entsteht durch Metaphern, die die schroffen Gegensätze in einer zitternden Balance halten; sie dürfen nicht zum Verschwinden gebracht werden, auch wenn immer deutlich bleibt, auf welcher Seite der Autor steht. Wie findet man solche Metaphern? Man muss warten können, das ist die Botschaft der Gedichte des unvergleichlichen Tomas Tranströmer. Das Glück, das man bei der Lektüre verspürt, verdankt sich dem Wärmestrom, der buchstäblich alle Texte durchzieht. Unter den gegenwärtigen Autoren kenne ich keinen, der einem so gleichmäßig, so ohne Aufregung und Besserwisserei, das Leben erklärt. In dem Gedicht „Romanische Bögen“ heißt es: „Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich / und flüsterte durch den ganzen Körper: / ,„Schäm dich nicht, ein Mensch zu sein, sei stolz! / In dir öffnet sich ein Gewölbe, endlos. / Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll.‘ / Ich war blind vor Tränen . . .“

          Es liegt nahe, so kurz nach dem Tod des Autors an seine „Schwarzen Ansichtskarten“ zu erinnern. Sie liegen eines Tages im Briefkasten, Absender unbekannt, aber jeder Empfänger weiß, wer geschrieben hat. Das Leben geht noch ein wenig weiter, man rackert sich ab, will noch dieses und jenes erreichen; man will, wie Sokrates, der im Angesicht des Todes ein Lied auf der Flöte übt, das Lied spielen können, bevor man stirbt. Aber unabhängig von unserer Rastlosigkeit wird der Anzug genäht, das ist die Bedingung des Lebens. Der Ton dieses Gedichts, seine einfache Botschaft, die nur schwer zu akzeptieren ist, erinnert an den „Cherubinischen Wandersmann“ von Angelus Silesius. Jetzt, da meinem lieben Freund der Anzug des Todes sitzt, gibt es keinen Trost. Es gibt nur noch seine Gedichte.

          Tomas Tranströmer: „Schwarze Ansichtskarten“

          1

          Der Kalender vollgeschrieben, Zukunft unbekannt.

          Das Kabel summt das Volkslied ohne Heimat.

          Schneefall ins bleistille Meer. Schatten

          ringen am Kai.

           

          2

          Mitten im Leben geschieht’s, dass der Tod kommt

          und am Menschen Mass nimmt. Diesen Besuch vergisst man,

          und das Leben geht weiter. Doch im stillen wird der

          Anzug genäht.

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