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Frankfurter Anthologie : Sascha Anderson: „testbilder“

  • -Aktualisiert am

Bild: Frank Röth

Sascha Andersons Gedicht, das auf einer sowjetischen Geschichte beruht, erschien bislang nicht im Druck. Der Dichter nutzte sein „Übungsstück“ gerne auf Lesungen.

          2 Min.

          Jeder ältere Russe kennt die Geschichte von Twerskaja Nr. 6. Ein Gebäude an einer der Hauptstraßen im Zentrum von Moskau. Ein großes, prächtiges Haus, das um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert in Sichtweite des Kreml entstanden war, und 1939, nach allerdings monatelanger Vorbereitung, innerhalb von nur einer einzigen Nacht um fünfzig Meter verschoben wurde, komplett, mitsamt der gesamten Einrichtung. Dreiundzwanzigtausend Tonnen wurden bewegt. Die Mär geht, dass in einem Kinderzimmer sogar ein kleines Türmchen aus Bauklötzen den nächtlichen Umzug heil überstanden haben soll. Eine oft gefeierte grandiose sozialistische Leistung, die auch bei den kleinen Brüdern der ruhmreichen großen Sowjetunion entsprechend gewürdigt werden sollte.

          Vermutlich durch eine Zeitungsnotiz erfuhr auch der junge Dichter Sascha Anderson von dem Ereignis. Er hatte gerade (1982) im Westberliner Rotbuch Verlag seinen ersten, schmalen, damals stark beachteten Gedichtband „Jeder Satellit hat einen Killersatelliten“ veröffentlicht. Hermetische, dunkle Gedichte. Anderson galt – damals und zurecht – als Triebrad der kulturellen Szene am Prenzlauer Berg. So sah Avantgarde aus. Er machte Gedichte, machte Musik, betrieb einen Kunsthandel, veranstaltete Lesungen, Konzerte und kleine Ausstellungen, er beschäftigte Leute – und, wie sich 1991, Jahre nach seiner Übersiedlung in den Westen, herausstellen sollte, er hatte die ganze Zeit auch für die Stasi gearbeitet. Er hatte einerseits Leuten Mut gemacht und andererseits Freunde verpfiffen. Richtig erholt von diesem Verrat hat er sich bis heute nicht, auch wenn er als Erzähler und Lyriker kontinuierlich und konsequent weiter gearbeitet hat.

          Handwerk mit historischem Boden

          Bei Heinz Kahlau, einem der bekannten DDR-Lyriker (und später ebenfalls als IM entlarvt), war er gleichsam in die Lehre gegangen. Damals übte er sich auch an traditionellen Formen des Gedichts. Ähnlich wie Robert Gernhardt, der sein Sonett („Sonette find ich so was von beschissen“) – formal perfekt – als Parodie präsentierte, bewies (sich) Anderson, spielerisch und zugleich ganz ernsthaft, dass er solche Formen beherrscht. Ein Gedicht sollte, meint er, wie ein gut gebauter Tisch funktionieren, das heißt: „gut auf seinen Beinen stehen, nicht wackeln“ und „genau“ die richtige „Größe“ haben. Das Handwerkliche ist Grundlage. Aber auch nicht mehr. Das zeigt sich an diesem „Übungsstück“ mit dem Titel „testbilder“. Die Geschichte vom Umzug ist sichtbar eingebettet in die historischen, politischen Rahmenbedingungen der stalinistischen Sowjetunion (die „schwarzen telefone“, die vom „roten platz“ gestellten Weichen). Und die ebenfalls betroffenen westeuropäischen Exilanten in Moskau, auf die mit Herder und Voltaire angespielt wird, schließlich die Russen selbst (Mandelstam) und endlich („stein aus stein“) der „tisch des schweigens“ in den Zeiten des stalinistischen Terrors.

          Mag sein, dass hier auch der Komponist Schostakowitsch anklingt, der in diesen Zeiten, als nicht nur Häuser, sondern vor allem Menschen verschwanden, viele Nächte, fertig angezogen im Treppenhaus darauf wartete, dass ihn Stalins Schergen holen. Es gibt mehrere dunkle Stellen in diesem Sonett. Rätsel, die bleiben, aber viel zu denken Anlass geben. Anderson hat dieses „Übungsstück“ bislang noch nicht im Druck veröffentlicht. Er nutzt es aber gerne bei Lesungen, weil es eine Geschichte erzählt, die sich gut erzählen lässt. Ein „Übungsstück“ auf historischen Baugrund.

          Sascha Anderson: „testbilder“

          im großenganzen achtundzwanzigtausend tonnen
          wog neunzehnfünfunddreißig haus nummer sechs samt
          mobiliar und mietern, die alle wussten wie und,
          da die schwarzen telefone funktionierten, wann

          genau der rote platz die weichen stellen würde. nichts
          desto trotz, sie ließen ihre kinder schlafen, in
          zeit aus zeit – die sprosse aus den stämmen voltaires
          und herders – an diesem ast der twerskaja. dort war

          es, dass geschah, was ich als mandelstammsche gründe
          zur not auch menge mandelbrots, im aug des innern
          auges sah, und dementsprechend zu besingen wüsste,

          wenn dieser stein aus stein nicht „tisch des schweigens“ hieße
          und dieses haus nicht immobilie, und dieses kind,
          dies schlafende, nicht geige spielen lernen müsste.

          Ahrenshoop, 1983

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