https://www.faz.net/-gr0-86o9d

Frankfurter Anthologie : Tadeusz Dabrowski: „Auflösung“

  • -Aktualisiert am

Polnische Lyrik erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. Zur jüngsten Autorengeneration zählt Tadeusz Dabrowski, der in dem Gedicht „Auflösung“ neue Bilder für die alte Liebe findet.

          2 Min.

          Polnische Gedichte wurden in den letzten Jahrzehnten in Deutschland intensiv gelesen. Das hat seine Gründe in der herausragenden Qualität der polnischen Lyrik um Zbigniew Herbert, Wislawa Szymborska und Adam Zagajewski, im historisch-politischen Verhältnis der beiden Nationen und in der Leistung einer großen Vermittlerfigur, Karl Dedecius. Aber es ist wohl auch der Tonfall der polnischen Lyrik, der in Deutschland als verwandt erscheint.

          Oft spricht ein leicht zergrübeltes Ich, das sich auf Seelensuche begibt. Da finden wir unsere Romantik des „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“ (Heinrich Heine) wieder, lernen den gelassenen Umgang mit den Welträtseln. Natürlich geschieht dies in individueller Dosierung: Wo Herbert auf den Hochebenen der Philosophie wandert, genügt der witzig-vitalen Szymborska der Trubel des Alltags vollkommen, um ihre Lebenslehren zu entwickeln.

          Der unterschwellige Witz

          Nun kommt die nächste Generation, Auftritt Tadeusz Dabrowski, Jahrgang 1979. „Auflösung“ ist ein ganz altes und ein sehr junges Gedicht. Seit dem Mittelalter bekannt ist dieses Liebesverhältnis zwischen Ich und Du. Das Ich möchte die „Seele“ des anderen anschauen, die sich entzieht. Ob man dem Du glauben kann, ist ungewiss. Aber das eigene Dichten dient dazu, sich ihm zu nähern. Gesprochen wird in einer Verbindung von Klage und Spott. Dass es sich in diesem Fall um ein männliches Ich und ein weibliches Du handelt, ist wahrscheinlich, geht aus dem Gedicht aber nicht zwingend hervor; auch andere Konstellationen sind denkbar.

          Ganz neu sind die Bilder, die Dabrowski für die Liebeskonstellation findet. Sie entstammen dem Bereich der digitalen Fotografie und ihrer Bearbeitung. So wird am Gedichtanfang (Gedichttext im Kasten unten) aus einem Aktfoto ein Auge ausgesucht und stufenweise vergrößert. Hier setzt auch der unterschwellige Witz des Gedichts ein, wenn es heißt, dass man erst bei der höchsten Auflösung „an dich glauben kann“. Gespielt wird mit der Idee, dass das Innere eines Menschen seinen Ausdruck im Auge findet. Deshalb kann man hoffen, mit „dem letzten Klick“ von außen nach innen zu gelangen und endlich die „Seele anzuschauen“. Den nackten Körper kennt man ja schon.

          Klagemauer der Liebe

          Eine weitere glückliche Idee treibt das Gedicht voran: Das vergrößerte Auge wirkt als Spiegel, in dem der Fotograf sich selbst erkennt. Daher findet er auf der Suche nach der Wahrheit über die Geliebte schließlich sich selbst, „ganz zerklickt“, und den Umriss des Fotoapparats. Wer möchte, könnte hier eine medientheoretische Deutung des Gedichts anschließen. Aber Dabrowski geht noch einen Klick weiter. Dann wird das Auge abstrakt, erscheint als eine Reihe von Rechtecken. Diese werden mit den Steinen einer Mauer, genauer gesagt mit der Klagemauer in Jerusalem verglichen. So wie dort die Gläubigen Zettel mit Gebeten, Gedanken oder Wünschen in die Ritzen stecken, so hofft der Dichter mit seinen Versen, sich dem Unbekannten zu nähern. Dieses Unbekannte kann die rätselhafte Frau, die Seele oder das Geheimnis menschlicher Wahrnehmung sein.

          Tadeusz Dabrowski ist mit der Sammlung „Die Bäume spielen Wald“ in Deutschland schnell bekannt geworden. Seine Gedichte sind voller Intellekt, kühler Beobachtung, und gleichzeitig geben sie dem Herzen Nahrung. Wie seine Vorgänger in der polnischen Poesie steht er vor dem Unverständlichen wie vor Mauern, die er mit Gedichtzetteln zu lockern hofft. „Für alles zu spät, für nichts zu früh“, so beschreibt er seine Situation. Das ist ein guter Ausgangspunkt zum Schreiben von neuen Gedichten.

          Tadeusz Dabrowski: „Auflösung“ / „Rozdzielczość“

          Heute habe ich aus deinem Aktfoto ein Auge ausgewählt

          und bis zum Rand des Bildschirms vergrößert, bis

          zur äußersten Auflösung (und die ist so hoch,

          dass man jetzt an dich glauben kann). Ich vergrößerte

           

          dein rechtes Auge, im Wunsch, mit dem letzten Klick

          auf die andere Seite zu springen, seine Seele anzuschauen

          oder zumindest mich selbst, ganz zerklickt. Etwa

          bei der vierundvierzigsten Vergrößerung

           

          sah ich meine undeutlichen Konturen,

          bei der sechsundsechzigsten den Umriss

          des Fotoapparats, nur für mich zu erkennen. Und

          dann nichts mehr außer grauen Rechtecken,

           

          exakt angeordnet wie Ziegel in einer Mauer, wie

          die Steine in der Klagemauer, vor der ich stehe

          Tag und Nacht, um beharrlich die Fugen zu sprengen

          mit den Zetteln meiner Gedichte.

           

          Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.

           

          ***

          Rozdzielczość

           

          Dzisiaj z twojego aktu wybrałem sobie oko

          i powiększałem je aż do granic ekranu, do

          granic rozdzielczości (a ta jest na tyle wysoka,

          że można już w ciebie uwierzyć). Powiększałem

           

          twoje prawe oko, chcąc za ostatnim kliknięciem

          przeskoczyć na drugą stronę, obejrzeć duszę

          albo przynajmniej siebie rozklikanego. W

          pobliżu czterdziestego czwartego powiększenia

           

          zobaczyłem swoją niewyraźną sylwetkę,

          przy sześćdziesiątym szóstym zarys aparatu

          fotograficznego, czytelny tylko dla mnie. A

          dalej już nic więcej nad szare prostokąty
           

          poukładane ściśle jak cegły w murze, jak

          kamienie w ścianie płaczu, przed którą staję

          w dzień i w nocy, aby wytrwale rozsadzać spojenia

          karteczkami z moimi wierszami.

           

          Zu einer Lesung des Autors

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Fluggesellschaft : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.