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Frankfurter Anthologie : Kito Lorenc: „Sterbender Häher“

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Bild: Picture-Alliance

Die Verse des sorbisch-deutschen Dichters Kito Lorenc sind durch einen Wechsel der Perspektiven strukturiert und verlangen damit ein Sich-Hineinversetzen.

          „Schlagt Wurzeln im Flug“, riet der deutsch-sorbische Dichter Kito Lorenc (1938 bis 2017) den Menschen, jenen „seltsamen Zugvögeln“ und „Straßenbäumen“, die mit den Flügeln der Vögel und den Wurzeln der Bäume geboren seien, aber „mit den Wurzeln der Vögel“ und „den Flügeln der Bäume“ lebten. Bäume und Vögel bilden vor allem in Lorenc’ frühen Gedichten die poetischen Erkennungszeichen jener Region, der Lausitz, die er in seinen Versen wieder und wieder durchstreift. An ihrer Wirklichkeit, am „Taubenrauch“ und am „Wehen der Bäume“ muss der Mensch sich messen lassen: „Ich werfe Steine in die Pfütze. / Du zählst: / Ein Stein – drei Eichen / eine Eiche – drei Menschenalter. / Es geht auch mit Linden.“ Und an ihnen erkennt er, wie schief er ins Leben gebaut ist. In der Natur steht er gleichsam auf dem Kopf.

          Dabei ist sie das Reich seiner elementaren Erfahrungen, in dem der Raum zur Zeit wird, man die Jahreszeiten durchlaufen kann, sichtbar am Blühen des Hahnenfußes im Herbst oder des Löwenzahns im Frühling. Das lyrische Ich des hier abgedruckten, 1973 in dem Band „Flurbereinigung“ erschienenen Gedichts ist Teil einer Gemeinschaft, die sich, im alten Sinn des Wortes, in einer Landschaft ergeht, ohne zu merken, was ihr dabei entgeht: Denn nur der eine, einzelne sieht abseits den Tod inmitten blühenden Lebens. Das in Versalien gesetzte Pronomen verleiht dem Sterben des Hähers, des „Spaßmachers unter den Vögeln des Waldes“ (Grimm), eine religiöse Dimension, die durch den Klee, dessen Blätter für die Dreifaltigkeit stehen, noch verstärkt wird. In ihrer Verbindung von Idylle und Schrecken erinnert die Szenerie der „kleinen Wiese am Wald“ an Rimbauds gefallenen „Schläfer im Tal“, hier in der Übertragung Stefan Georges: „Ein Kriegsmann jung barhaupt mit offnem Munde / Den Nacken badend in dem blauen Kraut / Schläft unter freiem Himmel, bleich, am Grunde / Gestreckt, im grünen Bett vom Licht betaut. // Ein Strauch deckt seine Füsse. Wie ein Kind / Lächelnd das krank ist hält er seinen Schlummer. / Natur umhüll ihn warm! es friert ihn noch.“

          Die Liebenden und die Sterbenden

          In Lorenc’ Gedicht ist sich der Sprecher der Bedeutung des Vorgangs in epiphanischer Hellsicht unmittelbar bewusst: „Ich seh: Um ihn geht es, nicht um uns.“ Damit ändert sich augenblicklich die Perspektive, wie die auf den ersten Blick so einfach erscheinenden Verse überhaupt von einem genau gesetzten Wechsel der Sichtachsen und Bewegungslinien strukturiert sind. Aus dem Schauenden ist längst ein Angeschauter geworden, aus dem Einzelnen wieder ein Teil jener Gruppe, die sich, wie in Platons Höhlengleichnis, als „tanzende Schatten“ vor dem Auge des sterbenden Vogels abzeichnet. Dass die damit einhergehende Blickveränderung eine Projektion, ein momentanes Sich-Hineinversetzen sein muss, wird durch das Wörtchen „wohl“ markiert. Rilke hatte diese Form des mimetischen Erlebens in einem Brief an die Pianistin Magda von Hattingberg am Beispiel eines Hundes als ein „sich einsehen“ beschrieben, „ein sich einlassen in den Hund genau in seine Mitte, dorthin, von wo aus er Hund ist, an die Stelle in ihm, wo Gott sich gewissermaßen einen Moment hingesetzt hätte, da der Hund fertig war ... Eine Weile hält man’s aus, mitten im Hund zu sein, man muss aber aufpassen und noch rechtzeitig herauspringen, eh seine Umwelt sich ganz um einen schließt, denn sonst bliebe man eben der Hund im Hund und für alles übrige verloren.“

          Für die Stimme in diesem Gedicht von Kito Lorenc besteht keinerlei Gefahr, aus dem sterbenden Häher nicht mehr herauszufinden. Der Vorgang der Einfühlung hat die Tatsache des Getrenntseins nur noch deutlicher gemacht. Das Auge des Vogels wird schwer, der Schrei bleibt lautlos. In einer großartigen, fast schmerzhaften Bildlichkeit stehen die „grünen Wellen Lichts“ dem „schwarzen Gewässer Schmerz“ gegenüber, in dem der Häher versinkt und durch das alles, auch der Chronist seines Todes, ihm gleichgültig wird. „Immer geht es um die Liebenden oder die Sterbenden, / in ihnen nur lebt die Welt ganz.“ Die Ganzheit der Welt hat das Ich des Gedichts in dem sterbenden Häher erfahren, dessen Gefieder sich im Moment des Todes noch einmal kindlich sträubt. Und ist durch seine innige Hinwendung zu dem verendenden Tier für einen Augenblick selbst zu einem Liebenden geworden.

          Kito Lorenc: „Sterbender Häher“

          Wir gehn
          durch den Herbst oder einen späten Frühling,
          Hahnenfuß und Löwenzahn.
          Aber ich seh: Wir gehn
          vorüber an IHM,
          der stirbt im Klee
          auf der kleinen Wiese im Wald.
          Ich seh: Um ihn geht es, nicht um uns.
          Immer geht es um die Liebenden oder die Sterbenden,
          in ihnen nur lebt die Welt ganz.
          So sind wir wohl tanzende Schatten
          auf den grünen Wellen Lichts, die noch schlagen
          an sein schweres Aug.
          Den Schnabel öffnet er gegen uns
          in lautlosem Schrei – da:
          Sein Gefieder sträubt sich kindlich, eh er
          versinkt in dem schwarzen Gewässer Schmerz
          und wir ihm gleichgültig werden.

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