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Frankfurter Anthologie : Stephen Crane: „Der Krieg ist gütig“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kann ein Gedicht über den Krieg ein Trost für die Überlebenden sein? Der früh verstorbene amerikanische Dichter Stephen Crane verwickelt seine Leser in Widersprüche.

          3 Min.

          Stephen Cranes allzu kurzes Leben (1871 bis 1900) verlief in der Pause zwischen dem großen Blutvergießen des amerikanischen Bürgerkriegs und dem Ersten Weltkrieg, also in einer relativ friedlichen Zeit. Crane selbst war nie Soldat. Umso erstaunlicher ist es, dass sein bekanntestes Werk, der kurze, im Jahr 1895 erschienene Roman „Das rote Tapferkeitszeichen“ (The Red Badge of Courage), der längst zu den amerikanischen Klassikern zählt, von den widersprüchlichen Reaktionen eines jungen Rekruten handelt, der eine Schlacht erlebt und überlebt.

          Cranes Buch ist ein psychologischer Kriegsroman; der Held schwankt zwischen Mut und Terror, zwischen Tapferkeit und Feigheit. Zweck und Rechtfertigung des Kriegs werden nicht angesprochen, obwohl der Protagonist auf der Seite der Nordstaaten im Bürgerkrieg kämpft, in dem es ja um nichts Geringeres als die Abschaffung der Sklaverei ging. Es ist aber auch kein ausgesprochen pazifistisches Buch, obwohl man es als solches lesen kann.

          Der Ruhm bleibt unerklärlich

          Unser Gedicht hingegen kann meines Erachtens gar nicht anders gelesen werden. Es erschien 1899 in dem Band „War is Kind and Other Lines“. Crane sprach von seinen Gedichten typischerweise als „Zeilen“ – lines –, wohl um ihre Verwandtschaft mit seiner erzählenden, naturalistischen Prosa zu betonen.

          Zwei Strophenblöcke stehen einander gegenüber wie zwei feindselige Armeen, die nicht miteinander verhandeln. Oder wie zwei Chöre, jeder mit seinem eigenen Rhythmus. Der eine Block besteht aus drei kurzen Strophen, mit einem wiederholten zweizeiligen Refrain am Ende, in dem ganz widersinnig die Freundlichkeit oder Güte (kindness) des Kriegs als Trost für die Überlebenden beschworen wird, nachdem der Anfang den Tod eines Soldaten, beziehungsweise sein Begräbnis, realistisch beschrieben hat.

          Der zweite Strophenblock besteht aus zwei längeren Strophen, auch sie mit einem zweizeiligen Refrain, der so aufgeteilt ist, dass in der Mitte lebende Soldaten und am Ende ihre Leichen dominieren (übrigens der einzige Reim im Gedicht!). Die drei kürzeren Strophen beschreiben die Agonie des gewaltsamen Sterbens und den seelischen Schmerz der Überlebenden. Die zwei längeren Strophen verherrlichen den Krieg anhand seiner Symbole, dem Drum und Dran des Drangs zum Sieg.

          Es sind leere Symbole: zuerst die akustischen im Lärm der Trommeln, dann die visuellen, im Glanz der Fahnen. Diese beiden längeren „Kriegsgott-Strophen“, wie ich sie nennen möchte, strotzen von Verachtung für die Kämpfenden: Diese werden als „kampfdurstige kleine Seelen“ abgetan, die von Geburt an zu nichts anderem taugten als vor der Schlacht zu exerzieren und während des Kampfs auf dem Feld zu sterben. Fahnen und Trommeln dienen nur dazu, die Männer zu verwirren und sie anzuspornen. Sie sollen spüren, dass es gut ist, Feinde zu töten, und zwar recht viele, doch sie sollen nicht wissen, warum. Der Ruhm bleibt etwas unerklärlich (oder ungeklärt) Mysteriöses, das in der Luft über den Soldaten schwebt.

          Der Dichter diktiert nicht

          Auf der einen Seite die Menschen als todgeweihtes, anonymes Massenopfer, angeführt von abstrakten Symbolen, auf der anderen die Einzelnen, die liebten und geliebt wurden, die einmal Kinder waren und später selbst Kinder hatten. Der beschwichtigende Refrain der Kurzstrophen ist so ironisch, dass einem das Lächeln über den gütigen (oder „gnädigen“?) Krieg anfänglich vergeht und am Ende vollends erstirbt. Den Überlebenden wird ein Trost gespendet, der nicht tröstet, der im Gegenteil entweder sarkastisch oder hilflos wirkt. Am anrührendsten sind wohl die letzten Verse, in denen das Herz der Mutter als Knopf auf dem relativ kostbaren Leichentuch des Sohnes hängt. Das deutsche Wort „Knopf“, drückt vielleicht die offizielle Wert- und Würdelosigkeit des mütterlichen Verlusts noch besser aus als das englische button.

          Das Gedicht ist so beunruhigend, weil seine Zweideutigkeiten zum Hinterfragen und Mitdenken zwingen. Widersprüche drängen sich auf, aber da sie nicht als solche angesprochen werden, fordern sie ein insistierendes „Wieso?“ heraus. Der Dichter diktiert uns die Zusammenhänge nicht, er fordert uns heraus und dazu auf, sie selbst herzustellen oder zu dem Schluss zu kommen, dass das Gedicht genau diese Widersprüchlichkeit zum Thema hat.

          Mehr als hundert Jahre vor Cranes „War is Kind“ schrieb Matthias Claudius sein nicht-ironisches, umstandslos pazifistisches „Kriegslied“ mit der berühmten ersten Zeile „’s ist Krieg, ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,“. Ein Vergleich beider Gedichte wäre erhellend.

          Stephen Crane: „Der Krieg ist gütig“

          Weine nicht Mädchen, denn der Krieg ist gütig.

          Nur weil dein Geliebter fuchtelnd die Hände gen Himmel warf

          Und das erschrockene Pferd allein weiterlief,

          Weine nicht.

          Der Krieg ist gütig.

           

          Heisere, brausende Regimentstrommeln,

          Kampfdurstige kleine Seelen,

          Geboren zum Exerzieren und Sterben.

          Der ungeklärte Ruhm fliegt über ihnen,

          Groß ist der Kriegsgott und sein Reich

          Ein Feld, wo tausend Leichen liegen.

           

          Weine nicht, Kindlein, denn der Krieg ist gütig.

          Nur weil dein Vater in den gelben Graben fiel,

          Sich an der Brust zerrte, würgte und starb,

          Weine nicht.

          Der Krieg ist gütig.

           

          Rauschende Fahnen des Regiments,

          Adler mit roten und goldenen Federn;

          Erklär‘ den Männern, geboren zum Exerzieren und Sterben,

          Die Vorzüglichkeit des Schlachtens,

          Zeig ihnen die Tugend des Tötens

          Und ein Feld, wo tausend Leichen liegen.

           

          Mutter, deren Herz wie ein bescheidener Knopf

          An deines Sohns prächtigem Grabtuch hing:

          Weine nicht.

          Der Krieg ist gütig.

           

          Aus dem Amerikanischen von Ruth Klüger.

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