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Frankfurter Anthologie : Peter Rühmkorf: „Aufwachen und Wiederfinden“

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Bild: Barbara Klemm

Hier wird mit hoher Meisterschaft der Kosmos der Liebe erschaffen, vermessen, beschworen, besungen. Was haben die Liebe und die Poesie gemeinsam? Beide setzen unbekümmert auf Unendlichkeit.

          3 Min.

          Peter Rühmkorf war ein Meister aller lyrischen Klassen. Und er beherrschte eine dieser Klassen herausragend: Er konnte reimen wie kein Zweiter; er band mit seinen Reimen außerordentlich disparate Dinge und Verhältnisse zusammen. Im hier behandelten Liebesgedicht sind solcherart außergewöhnliche Reime zu finden: -gequatsche / Apatsche – Schwalber / gerechtigkeitshalber. Diese Reim-Meisterschaft reflektierte der Poet aus Övelgönne ein Dichterleben lang. Ihren Höhepunkt erreichte die Reimreflexion in Rühmkorfs poetologischem Hauptwerk: „agar agar zaurzaurim – Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“, erschienen im Jahr 1981.

          Im handschriftlichen Tagebuch finden sich Vorüberlegungen dazu, unter anderem am 11. Februar 1980: „Noch paar schöne Werke in die Welt entlassen: Essay übern Reim + ein Buch voller Märchen“. Am 31. März: „,Soziale Stellung d. Reims‘: Ganz neu zu bedenken: Vom Tamtam zu den differenzierten Unterscheidungs-Künsten, Tamtam + Artistik“. Am 13. April: „ Gestern bis 2 halb 3: Die Vision, Audio-Vision, ich habe die Doppelung als Auftakt aller Reimverse entdeckt, was ja nicht stimmt. Trotzdem: tief-neuer Einstieg in die Doppelung als: Bestätigung – Beweis – Schein + Sein – Figur + Schatten – Schall + Antwort – Identität + Kommunikation – Daseinsbestätigung“. Am 14. April: „Ob der Reim jemals wiederkommen wird?: in voller Größe, in alter Fülle – – Der Reim nicht Schmuck – Zierat, sondern Zauber – Bindungs-Wort. Hebt Individuation auf + schafft sie: im individuellen Doppel – Das unteilbare Paar die gepaarte Besonderheit“.

          Gegen Ende des Jahres 1980 reist der Dichter schon mit Vorträgen aus dem fast druckfertigen Manuskript „agar agar“. Der Erfolg insgesamt und der Kommentar von Marcel Reich-Ranicki bauen ihn auf. Tagebuch vom 30. November: „ Das Gebade in Applaus in Applaus + Komplimenten. Wie schön das kurze Überstrahltsein . . . MRR – hält mich f. Propheten des Reims: jetzt reime alles wieder“.

          Der Prophet des Reims

          Im Tagebuch sammelt er Worte, für die er Reime finden will, zum Beispiel im Eintrag vom 22. Februar 1980. Am Rand vermerkt er sie mit dem Kürzel RH (vermutlich für Rhythmus): „Rh) hartgeborenes ((schwer geboren)“. Quer zu dieser RH-Zeile ist eine Randnotiz zu lesen, die den Reim- und Wortesammler nennt: „Viele rechtzeitig untertänig / abhängig machen. um in den Tagen der Not zu haben. Jäger & Sammler + Vorratswirtschaft – –“. Auch seinen Respekt vor der ersten Reim-Vorlesung in Frankfurt notiert er: „Gestern abend fast Angst-/anwallungen betr. Reim -/ vorlesung in Ff / M“.

          Das 1986 erstveröffentlichte Gedicht „Aufwachen und Wiederfinden“ feiert, souverän und elegant befestigt durch den Endreim, die Vereinbarkeit des eigentlich Unvereinbaren: Mann und Frau, eben die im Tagebuch notierte gepaarte Besonderheit. Die sieben Strophen kommen mit Schmiss und Schwung, mit Bewegung und Melancholie, mit Klugheit, Erfahrung und Güte daher. Das liegt an den betörend schön geschmiedeten Versen unter anderem aus gegenläufigen Anapästen und Daktylen, tatatám tatatám tatatám tám /tatatám tam támtata tám, das steigert sich zur hohen Meisterschaft, wenn im Unendlichkeitsfimmel die Betonung auf -end liegt und dem –Sterb im nächsten Vers gegenübersteht – sofort ist alles klar: Liebe setzt unbekümmert auf Unendlichkeit und weiß (in diametral anderer Dimension bei Mann oder Frau) um deren Endlichkeit. Dazwischen liegt Bewegung von Seelen und Körpern: entbrénnt und Bráutgemach, Bácken und Séufzer.

          Der Kosmos der Liebe wird erschaffen, vermessen, beschworen, besungen. Die Liebe nimmt (das ist neu und das wissen wir erst seit Rühmkorf) unter einem Drehkipphimmel Platz (denn sie ist in allen Himmelsdimensionen zu finden). Und die Himmelsbühne gibt heute Abend ein Lachstreiben: Mit dabei sind: Fischer / Fischerinnen und Gefischte, Treibende und Getriebene, Reisende und Bleibende, Stehende und Gehende. Bewegung von Mann, von Frau ist immer drin, der Blues ist da, dementsprechend auch Blueberryhill mit dem roten großen Indianermond (an dem doch noch ein bisschen Matthias Claudius hängt) und die Kinderjungenssehnsucht vom Fliegen ebenso wie das immergrüne Gleichnis von Birnbaum (hinter dem wohl der „alte Fontane“ hervorlugt) und Efeu. Die Liebesreise führt in brennenden Reiseschuhen durch die Welt und die Liebenden zu- und ineinander, das Wehmutsgequatsche geht so leichthin vonstatten, auch über die großen Themen, auch über Liebe und Tod – leichthin.

          Der ganz große Tröster ist der Schlaf der Liebenden: Er lässt die mit tausend Abschieden durchmessene Welt am Morgen frisch erstehen, und es erwachen neue Ewigkeiten – für das unteilbare Paar, das sich näher und fremder kaum sein kann.

          Peter Rühmkorf: „Aufwachen und Wiederfinden“

          Also gut, dein Unendlichkeitsfimmel,
          also schön, mein Sterblichkeitswahn –
          Aber oben im Drehkipphimmel
          Geht das große Lachstreiben an.

          Wie die Liebe entbrennt und sich windet
          Im zugigen Brautgemach –
          Immerzu! Was am Abend nicht zündet,
          das glüht am Morgen nicht nach.

          Solang deine Backen noch rot sind,
          immerzu! Und die Seufzer beseelt:
          Wenn alle Beteiligten tot sind,
          ist es gerade dies, was uns fehlt –

          Und bin ich ein reisiger Schwalber,
          dann verlang nicht nach ewiger Ruh;
          aber zähle gerechtigkeitshalber
          auch die Stunden davor mit dazu.

          Und bin ich der Fliegende Robert,
          dann vergiß, was du sonst noch so siehst:
          Wie Efeu den Birnbaum erobert
          Und ein halbes Jahrhundert umschließt –

          Der Mond, der skalpierte Apatsche,
          sieht schon alles in tieferem Rot,
          dich, mich und mein Wehmutsgequatsche
          leichthin über Liebe und Tod ...

          Sich verlieren aus vielerlei Gründen –
          Sich verschlucken am letzten Salü –
          Und erwachen – und wieder finden
          Die Liebste morgens früh –

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