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Frankfurter Anthologie : Stephan Hermlin: „Die Terrassen von Albi“

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Bild: picture-alliance / akg-images

Der Ort, um den es in diesem Gedicht geht, vereinigt Kultur und Barbarei. Stephan Hermlin, der sozialistische Vorzeigedichter, gewinnt ihm mit Nietzsche eine Utopie ab.

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          Im Jahr 1943, als dieses Gedicht mutmaßlich entstand, hätte keiner die spätere Koexistenz zweier deutscher Staaten vorauszusagen gewagt, und noch weniger, dass der Autor dieser Verse der wichtigste literarische Repräsentant des „anderen“ deutschen Staates würde, welcher sich neben dem Antifaschismus die Lehren von Marx und Lenin auf die Fahnen geschrieben hatte. Davon wagten um diese Zeit nicht einmal klandestine Kommunisten im Widerstand, geschweige die Emigrierten oder ins Lager Gesperrten zu träumen. Chemnitz, wo Stephan Hermlin 1915 unter dem Namen Rudolf Leder als Sohn eines Fabrikanten und einer von Liebermann porträtierten Bühnendiva geboren wurde, sollte es dann allerdings nicht mehr geben, denn man würde es in Karl-Marx-Stadt umbenennen.

          Von all dem bleibt das Sonett noch unberührt. Albi, die Stadt der häretischen Albigenser und ihrer Anfang des dreizehnten Jahrhunderts von Rom und der weltlichen Obrigkeit zerstörten christlichen Gemeinschaftsutopie, beherbergte 1943 auf seinem burgartigen Felssporn eine Wehrmachtsdivision. Dass es, wie Walter Benjamin schrieb, kein Zeugnis der Kultur gebe, welches nicht zugleich eines der Barbarei sei, wird selten so emblematisch sichtbar wie an diesem „Traumkastell“. Als einer jüdischen Familie entstammender Kommunist, der sich der Résistance angeschlossen hatte, bis er in der Schweiz Zuflucht fand, war Hermlin gleich mehrfach gefährdet. Auch das südfranzösische Albi konnte sich als Höhle des Löwen herausstellen, in der man von Vichy-Kollaborateuren oder der deutschen Besatzung auf Schritt und Tritt enttarnt werden konnte. Und doch spricht gerade dieses Gedicht von der unstillbaren Sehnsucht nach einer deutschen Schrifttradition, selbst wenn diese gerade ihre finstersten Momente erlebte.

          Der rote Bacchus

          Er hätte, bekannte Hermlin in einem späten Interview, vor 1933 genausogut den „nationalbolschewistischen“ Konservativen um Ernst Niekisch und Ernst Jünger beitreten können. So eng verwandt und doch grundverschieden können deutsche Lebensläufe sein. Hermlin erwies dem von der DDR-Kulturdoktrin verfemten Jünger seinen lebenslangen Respekt. Im Gedicht ist es aber vor allem Friedrich Nietzsche, dessen „dionysisches“, wild-anarchisches Potential Hermlin dem vereinnahmenden Zugriff der Nazis entzieht und zugleich, als nähme er dessen ideologische Verfolgung in der DDR vorweg, klammheimlich in jenen anderen deutschen Staat hinüberrettet, der sechs Jahre später Realität wird – Zarathustras Tanzlied („Mistral wirbt um ihn“) rauscht unverkennbar über Hermlins Albigenser Terrassen. 1976 ist Hermlin der erste, der es wagt, Nietzsche einen Ort in einer DDR-Publikation zu geben, mit „An den Mistral“ in seinem „Deutschen Lesebuch“.

          Aber da sind ebenso unübersehbar Reminiszenzen an Hölderlin und dessen vielleicht schönstes, von Erinnerungen an dieselbe südfranzösische Landschaft gespeistes Gedicht „Andenken“ („Gut / Und übersetzbar sei, Fluß!“), an die Romantik eines Brentano oder Eichendorff („Abendhell / Wachst du vom kahlen Hügel“), an den formstrengen Stefan George oder die unheilschwangeren expressionistischen Sonette Georg Heyms und Trakls („Er ist wie irr...der Wahn, die Ahnung, Glut / Von fremden Herzen, die man suchte“). Hier reaktiviert einer im südfranzösischen Exil die beste deutsche Tradition und macht daraus eine bacchantische Utopie, in der sich Verzweiflung angesichts fataler Geschichtsverläufe und Hoffnung auf einen ekstatischen Umsturz der schlechten Verhältnisse die Waage halten. „Sozialistischer Realismus“ sieht anders aus.

          Nachdem mit dem 17. Juni 1953 und der Gewalt gegen das eigene Volk der „andere“ deutsche Staat seine Unschuld verloren hatte, waren kaum neue Gedichte Hermlins mehr zu lesen, auch wenn er bei aller oft vehementen und für ihn nicht ungefährlichen Kritik ,seinem‘ Staat die Treue hielt. „Die Zeit der Wunder ist vorbei“, beginnt ein Gedicht, das bereits 1947, im Jahr seiner Übersiedelung in den Osten, entstand. Gut drei Jahrzehnte später, 1979, erschien dann die Erzählung „Abendlicht“, in der eine großartige Poesie des Erinnerns den real existierenden Sozialismus, der „Bacchus blind verleugnete“, weit hinter sich lässt.

          Stephan Hermlin: „Die Terrassen von Albi“

          Vor dieser Brücke und den Bastionen

          Lacht Bacchus blind verleugnet Mauern an.

          Er ist wie irr. Im gelben Fluß zu wohnen

          Biegt rückwärts sich sein Fuß und sucht den Kahn,

           

          Der trägt ihn in die Schluchten, wo das Drohen

          Von Kathedrale und Palais erstirbt,

          Wo Wälder sich, die ungeheuer-frohen,

          Groß um ihn schließen, Mistral um ihn wirbt.

           

          Der wilde Wein begleitend hat gelogen,

          denn dies verging: der Wahn, die Ahnung, Glut

          Von fremden Herzen, die man suchte. Flogen

           

          Nicht heut noch wilde Tauben südwärts? Gut

          Und übersetzbar sei, Fluß! Abendhell

          Wachst du vom kahlen Hügel, Traumkastell!

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