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Frankfurter Anthologie : Friedrich Dürrenmatt: „Spielregeln“

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Bild: Barbara Klemm

Der berühmte Dramatiker einmal als Lyriker: Dieses Gedicht aus den sechziger Jahren stellt die Frage nach den Spielregeln, denen das Schicksal folgt. Sind wir ihnen unterworfen, ohne Wenn und Aber?

          2 Min.

          Dass der Dramatiker und Erzähler Dürrenmatt gelegentlich auch Essays geschrieben oder Vorträge gehalten hat, ist nicht weiter verwunderlich, aber als Lyriker ist er eher unbekannt geblieben. Als er 1980 einen Band mit seinen Stellungnahmen zu Philosophie und Naturwissenschaft zusammenstellte, unter anderem mit dem großen „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“, publizierte Dürrenmatt auch einige wenige Gedichte. „Spielregeln“, das zunächst den eher moralisch klingenden Titel „Trost“ geführt hatte, wurde von ihm nachträglich auf die Mitte der sechziger Jahre datiert.

          Dass sich der Schweizer Pfarrersohn nicht nur mit theologisch-philosophischen Fragen beschäftigt hatte – die geplante Dissertation über Kierkegaard und das Tragische kam nicht zustande –, sondern dass ihn schon früh, bereits als Studenten, die Welt der Antike und die Mythologie prägte, wird aus seinen ersten Texten ersichtlich. Minotaurus und das Labyrinth oder auch die als „Strafkolonien“ gelesenen Texte Platons (und Kafkas) haben ihn wohl sein Lebens lang begleitet. Davon legen auch die streng organisierten „Spielregeln“ noch Zeugnis ab, die fast etwas vom Chor der griechischen Tragödie und seiner Weisheit vermitteln, auf den Dürrenmatt ja auch im „Besuch der alten Dame“ zurückgriff.

          Dürrenmatt als Dichter

          Zwar ist im Gedicht nicht von einer göttlichen Instanz die Rede, aber das zu Anfang aufgerufene „Unerbittliche“ vertritt eine Macht des Schicksalhaften, deren Spielregeln der angesprochene Mensch nicht ändern kann, die er akzeptieren muss. Raum für ein Aufbegehren, wie etwa im Mythos von Prometheus, scheint nicht gegeben, – das wird hier als „Unerfüllbares“ ausgeschlossen. So bleibt eine Welt der Unfreiheit, in der sich der Einzelne als ein Gerichteter erfahren muss, der dieses Schicksal mit den anderen teilt: „Du bist einer von ihnen“.

          Wer die Richter sind, wird nicht gesagt, ihre Legitimation bleibt ungeklärt. Aber was sich aus diesem Gefangensein ergibt, ist die Verpflichtung zur menschlichen Relativität, zu Abstand statt Einmischung, denn jeder Gerichtete – und es scheint keine anderen zu geben! – muss seine eigene Bestimmung aushalten, „jeden trifft ein eigener Pfeil“. Aus dieser existenzialistischen Grunderfahrung, dass über jeden bereits sein eigenes Urteil gesprochen ist, folgt dann nach dem Verzicht auf die unerfüllbare Einmischung auch die Einsicht, dass man niemanden schützen kann: Denn auch die anderen, für die ich mich vielleicht engagieren möchte, sind in ihrem eigenen Urteil vom eigenen Pfeil schon getroffen.

          Schlägt das Gedicht damit eine Art stoizistische Haltung ein, dass die Welt nicht mehr veränderbar oder verbesserbar sei? Hat sich der Kriminalist Dürrenmatt ins antiaufklärerische Labyrinth der resignativen Bewegungslosigkeit verirrt? Welche Haltung nimmt das Gedicht gegenüber dem Geschehen der Wirklichkeit, der Geschichte ein, die offenbar keinen moralischen Anspruch vertritt? Die beiden letzten, noch einmal konzentrierter formulierten Strophen bieten hier eine Auskunft, wenn auch keinen Ausweg: Das Geschehen ist nichts „Unrechtes“. Listig greift der Dramatiker hier auf die rhetorische Figur der doppelten Verneinung (Litotes) zurück, die oft genug eingesetzt wird, um etwas Positives zu beschreiben, – aber er hütet sich zugleich wieder, die Erwartung einfach zu bedienen. Denn wenn nichts Unrechtes geschieht, ist dies keine Garantie des Gerechten, sondern in einer Art der „schlimmstmöglichen Wendung“, die Dürrenmatt als Trick des Theaters (in den „Physikern“) schon bedacht hatte, schlägt der zweite Vers um ins „Furchtbare“. Aber auch die Möglichkeit zur Beschwerde, zur Anklage – gegenüber wem auch? – ist nicht gegeben, denn, und damit findet das kleine Gedicht zur Pointe, das Geschehen ist nichts Fremdes, sondern der Spiegel von uns selbst. Und wenn es auch nicht im moralischen Sinn „gerecht“ sein mag, – mit dem Rückgriff auf die kolloquiale Sprache: „es geschieht dir recht“ verbinden sich Metaphysik und Hohn in einer entgötterten, selbstverschuldeten Welt. Da kann man an den Anfang der Philosophiegeschichte zurückdenken, an Anaximandros aus Milet, aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus: „Woher die Dinge ihre Entstehung haben, dahin müssen sie auch zu Grunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeit gerichtet werden, gemäß der Ordnung der Zeit.“

          Friedrich Dürrenmatt: „Spielregeln“

          Im Unerbittlichen
          fordere nicht Unerfüllbares
          Halte die Spielregeln ein

          Richte nicht die Gerichteten
          Du bist einer von ihnen
          Misch dich nicht ein, du bist eingemischt

          Sei menschlich, nimm Abstand
          Jeden trifft ein eigener Pfeil
          Du kannst niemanden schützen

          Unrechtes geschieht nicht
          aber Furchtbares

          Was geschieht, bist du
          Es geschieht dir recht

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