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Frankfurter Anthologie : Rainer Maria Rilke: „Sonett an Orpheus (Erster Teil, Nr. 13)“

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Bild: dpa

Rilke verfasste seine Sonette an Orpheus plötzlich und in kürzester Zeit. In seinen Versen sucht er nach einem Ausdruck für das vermeintlich Unsagbare.

          2 Min.

          Dass der sagenhafte griechische Sänger Orpheus in der Unterwelt so bewegend gesungen hat, dass man ihm sogar erlaubte, die schon verstorbene Eurydike wieder mit ans Tageslicht zu nehmen, hat Rilke, wie viele andere, immer wieder und intensiv beschäftigt. Die erst im Februar 1922 überfallartig und unvorhergesehen entstandenen „Sonette an Orpheus“ sind eine Art poetischer Rühmung, eine Daseinsfeier, die dem Klagegestus der zuvor in zehn mühsamen Jahren entstandenen „Duineser Elegien“ zur Seite gestellt wurde.

          Im 13. Sonett des Ersten Teils lotet Rilke die Möglichkeiten aus, das bisher ungesagt Gebliebene, das für unsagbar Gehaltene, in sprachlichen Ausdruck zu übersetzen. Dabei ist das Gedicht nicht auf eine extreme, sondern gerade auf eine ganz schlichte menschliche Erfahrung ausgerichtet, auf den Geschmack. Das Wagnis „zu sagen, was ihr Apfel nennt“, verknüpft sich mit der für den Erwachsenen allerdings nur noch zu ahnenden Wahrnehmung eines Kindes. Wie öfters noch im Zyklus der Elegien und Sonette ist das Kind ein prädestiniertes Medium für die Überschreitung rationaler Grenzen. In seinem Angesicht kann die „Süße“ des vollen Apfels abgelesen werden, die der Erwachsene selbst nicht mehr kennt – „Wird euch langsam namenlos im Munde?“ –, die er dann nur noch als abgelesenes Zeichen, nicht mehr als selbst erlebte Erfahrung formulieren kann. Das Gedicht bietet daher einen Austausch zwischen der Verarmung, die das Bewusstsein des Erwachsenen prägt, und dem Reichtum in der freilich unreflektierten Unmittelbarkeit des Kindes.

          Der Geschmack des Unerhörten

          Statt der Worte geht es um die aus dem Fruchtfleisch befreiten Funde, Begegnungen, die, wie es im ersten Quartett gewichtig heißt, „Tod und Leben in den Mund“ sprechen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass das Gedicht über die Früchte ein Gewebe von Sehen, Lesen und Sprechen ist, eine Textur der Wahrnehmung. Untergründig sind diese Expeditionen ins noch nicht gesagte Gebiet des Geschmacks aber auch Fahrten in das Grenzland von Leben und Tod, das zu den zentralen Themen der Welt Rilkes gehört: Dass die Moderne sozusagen den Tod verlernt habe, bildet eine seiner immer wieder formulierten Überzeugungen. Ihn nicht auszuschließen, sondern den Tod als Teil einer der Erde zugewandten Existenz anzunehmen, ihn zu „leisten“ und zu bestehen, diese Forderung zieht sich durch Rilkes Werk.

          Von hier aus fällt auch Licht auf den „vollen Apfel“ zwischen Leben und Tod: War schon in der Vierten Duineser Elegie der „Gröps von einem schönen Apfel“ ein Bild des Todes gewesen, so zitiert nun die Frucht das Zeichen des Sündenfalls, einer Begegnung mit dem Tod im Augenblick von Lust und Erkenntnis. Orpheus’ Weg in die Unterwelt wurde in christlicher Lesart zu einem Modell für den Sieg Christi über den Tod. Diese Lesart steht für Rilke ausdrücklich nicht mehr zur Verfügung. Aber die Orpheus-Figur macht er zum Garanten einer poetischen Verwindung und Verwandlung des Todes, der in der Feier der Existenz als „hiesiges“ Phänomen nicht mehr ein-, sondern „doppeldeutig“ wahrgenommen wird. In dem immer wieder zitierten Brief, den Rilke als Selbstkommentar zu den Elegien und Sonetten an Witold Hulewicz geschrieben hat, heißt es: „Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das größte Bewußtsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause, aus beiden unerschöpflich genährt.“

          Die Früchte sind dabei eine Erscheinungsform dessen, so kann man sagen, was zwischen Diesseits und Jenseits, Genuss und Verzehr, „die große Einheit“ erfahrbar werden lässt. Das Essen der Frucht beschreibt Rilkes Sonett als Dialog von Sonne und Erde, als „Fühlung“ und „Freude“ einer Grenzaufhebung, die das Alltägliche und das Riesige, das Obst und die Existenz in einer unerhörten Sprache zusammenbindet.

          Rainer Maria Rilke: „Sonett an Orpheus (Erster Teil, Nr. 13)“

          Voller Apfel, Birne und Banane,
          Stachelbeere ... Alles dieses spricht
          Tod und Leben in den Mund ... Ich ahne ...
          Lest es einem Kind vom Angesicht,

          wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
          Wird euch langsam namenlos im Munde?
          Wo sonst Worte waren, fließen Funde,
          aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.

          Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.
          Diese Süße, die sich erst verdichtet,
          um, im Schmecken leise aufgerichtet,

          klar zu werden, wach und transparent,
          doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig –:
          O Erfahrung, Fühlung, Freude –, riesig!

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