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Frankfurter Anthologie : Alexander Block: „Sie kam mit von der Kälte roten Wangen“

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Bild: Picture-Alliance

Als er starb, war es für seine Leser, als sei ihre Sonne erloschen. In diesem Gedicht erinnern zwei Tauben an die Freuden des Lebens und an eines der berühmtesten Liebespaare der Weltliteratur.

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          Das Verblüffendste an diesem Gedicht ist der offensichtliche Neid, der aus den letzten drei Zeilen heraus rückblickend ein neues Licht auf den ganzen Text wirft. Paolo und Francesca werden völlig unbekümmert beneidet, ohne die geringste Angst vor dem Höllensturm, der das Paar in Dantes Inferno in ewiger Qual herumtreibt. Und das bei einem symbolistischen Dichter mit mystischen und ja, religiösen Motiven, wie Alexander Block (1880 bis 1921) es war. Seine Poesie ist keinesfalls fromm, aber alles andere als unbekümmert. Leidenschaften sind bei ihm immer vom Gefühl des nahen Abgrunds unterlegt.

          Er ist unumstritten einer der wichtigsten russischen Dichter. Zu Lebzeiten grenzte sein Ruhm an Vergötterung. Als er starb, im kalten, ihm fremd gewordenen Petrograd, im fünften Jahr der Revolution, kurz nachdem er in seiner berühmten Rede über Puschkin gesagt hatte: „Ein Dichter stirbt, weil er keine Luft zum Atmen mehr hat“, war sein Tod für viele ein Zeichen der allgemeinen Katastrophe, der endgültigen Enttäuschung von der Revolution. Anna Achmatowa schrieb über seine Beerdigung, man habe „unsere Sonne, die qualvoll erlosch“, zum Friedhof gebracht.

          Zu schade, dass die Zeiten von Paolo und Francesca vorüber sind

          Aber wir schreiben das Jahr 1908. Ein munterer Wintertag. Eine nonchalante Dame kommt in die Stube eines Homme de Lettres, bringt kalte Luft, Parfum und Unordnung mit, spricht zu viel und zu laut, versucht sich jedoch stilistisch an die Dichterstube anzupassen und bittet, ihr Shakespeare vorzulesen. Jeder Mann hat seine Schwachstelle, die Dame verfügt über eine großartige Intuition und macht genau das, was ihn beeindrucken kann. Ahnt sie, dass er an Paolo und Francesca denken würde, die erst dank einer gemeinsamen Lektüre ihre Liebe verstanden haben?

          Blocks Privatleben ist von der Literaturwissenschaft so gut erforscht, dass man für fast jedes seiner Liebesgedichte einen dazugehörigen Frauennamen nennen kann. Meine sechsbändige Werkausgabe von 1971 ist mit Abbildungen versehen, also kenne ich sie seit meiner Kindheit, die effektvollen Gesichter der schwarzweiß fotografierten Schönheiten, und die Geschichten, die so sind, dass man nie weiß, mit wem man mehr Mitleid hat, mit dem Dichter oder mit seinen Musen. Aber zu diesem Gedicht scheint keine der Frauen zu passen. Die Beziehung zu seiner damaligen Geliebten war zwei Jahre alt und schon fast am Ende, während das Gedicht den möglichen Beginn einer Liebe andeutet. Eine andere Frau aus dieser Zeit wollte von Block nicht weniger als den Sinn des Lebens, aber er weigerte sich, die Verliebtheit des sechzehnjährigen Mädchens zu erwidern, und verlangte in einem anderen Gedicht, dass sie vor ihm und der vergifteten Atmosphäre der Petersburger Bohemienkreise fliehe. Die beiderseitige erotische Anspannung war in einer weltanschaulichen Verzweiflung fundiert und weit von der unbesorgten Leichtigkeit entfernt, die in diesem Wintertag-Gedicht atmet, das übrigens zu den ersten russischen freien Versen gehört.

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