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Frankfurter Anthologie : Elfriede Gerstl: „sensualistisch – oder was“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa Picture-Alliance / Didi Satt

Mit geistreichem Witz und bösem Schalk verfasste Elfriede Gerstl Gedichte, Hörspiele und Prosatexte. In diesen Versen zeigt sich wie zeitgenössisch ihre Beiläufigkeit heute noch klingt.

          2 Min.

          Es gibt eine frühe Zeichnung von Maria Lassnig, die heißt: „Selbstporträt als Zitrone“. Ein Bildtitel, der aus der ganzen Selbstdarstellung in der Kunst gleich einmal Limonade macht und die Feier des Repräsentativen grundlegend sabotiert.

          Die Wiener Schriftstellerin Elfriede Gerstl (1932 bis 2009) war der Malerin in künstlerischer Hinsicht nah, denn „blöd hineinfühlen“ konnte sich ihr lyrisches Ich „in dieses und jenes“: in eine einzelne Wolke überm Schwedenplatz – wo im Juli dort über dem Eissalon doch die Sonne immer scheint. Das vorliegende Gedicht, datiert auf Juli 2003, setzt ein mit diesem Zauberspruch der Imagination, der seinen Praxistest schon in der Kindheit zu bestehen hatte: „wenn ich grad will...“ Sogleich verwandele ich mich von der Wolke am Himmel in den Obstkuchen auf dem Teller. Das poetische Morphing hält aber nicht still, schon bin ich das vom Schneiden des Kuchens bereits klebrig gewordene Messer.

          Das englische Sprichwort von der Notwendigkeit, sich entweder für den Besitz des Kuchens oder für den Genuss desselben zu entscheiden – „You can’t have the cake and eat it“ –, gilt für die Dichterin keineswegs. Sie isst den Kuchen nicht, sie ist der Kuchen. Sobald das Messer ins beiläufig wirkende Spiel der Alltagsgegenstände kommt, ist das nicht allein Verwandlung mittels Sprache: Das ist, verkleidet als Selbstironie, die poetisch vollzogene Selbstbeschneidung.

          Bitte geheimhalten!

          Den Himmel trübt eine Wolke, der Obstkuchen ist angeschnitten, der Rosenstrauß ist im Begriff, zu verblühen. Das Verblühen, dieses selten benutzte Wort, das behauptet, ein Vorgang zu sein wie das Welken oder das Vertrocknen, ist ein Zustand zwischen Blühen und Verblühtsein. Denn blühen die Rosen im Verblühen?

          Ein Fenstersims ist das Brett oder der Mauervorsprung am unteren Ende des Fensters, es ist die Schwelle zwischen Draußen und Drinnen, der Platz zwischen Himmel und Teller. Wie ein Käfer kröche ich dort in den Rosenstrauß. Wenn ich alles sein kann, die Wolke und der Obstkuchen, ist dann „mein fenstersims“ auch so etwas wie ein Teil von mir?

          Die Phrase vom „sich blöd hineinfühlen“ verrät genug über die Poetik Elfriede Gerstls: Der hohe Ton und das Pathos mancher Dichtung waren ihres nicht. Und so lautet der Ratschlag an sich selbst, den „Sensualismus“ besser geheim zu halten – besiegelt vom „halt“ in der letzten Verszeile. Das Geheimnis ist aber bereits verraten, damit es dieses Gedicht überhaupt geben kann. Sein rhetorisch-performativer Selbstwiderspruch macht’s möglich: Kuchen sein, aber auch das Messer sein für diesen Kuchen.

          Mit geistreichem Witz und bösem Schalk, vermittels scharfer Analyse und begleitet von liebevoller Beobachtungslust verfasste Elfriede Gerstl Gedichte, Hörspiele und Prosatexte. Ihre Themen waren die Dinge des Alltags, ihre Erscheinungen und Moden. Sie berichtete damit vom Leben in Wien, wo sie als jüdisches Kind die Zeit des Nationalsozialismus in einem Versteck überlebte, von Spuren, Linien, literarischen Verwandtschaften, von Konstanten und Veränderungen im Verlauf der Jahrzehnte. Breitere öffentliche Anerkennung als Schriftstellerin erfuhr sie erst spät, was sie in ihren letzten Texten noch mit Skepsis und Genugtuung kommentierte.

          Beinah sprichwörtlich geworden ist Elfriede Gerstls Abwandlung eines Satzes aus dem „Tractatus“ von Ludwig Wittgenstein: „alles was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen“. Diese Beiläufigkeit im Schreiben, bei gleichzeitiger Verknappung der Form und Zuspitzung zum Bonmot, ist es, was ihre Texte so beständig macht, dabei zeitgenössisch. Wenn es denn sein muss, hielten sie auch dem Wortgefecht auf den sozialen Medien stand, so dort ein Gespräch über Wolken, Obstkuchen und Rosensträuße geführt würde. Beiläufig sagen, ja, in der Hand aber, pssst!, das klebrige Messer.

          Elfriede Gerstl: „sensualistisch – oder was“

          wenn ich grad will
                      bin ich die wolke
                                  überm schwedenplatz
          bin der obstkuchen
                      und das klebrige messer
                                  das ihn schneidet
          ich krieche in den verblühenden
                                  rosenstrauss
                      auf meinem fenstersims
          blöd hineinfühlen kann ich mich gut
                                  in dieses und jenes
          nur geheimhalten
                      sollte ich es halt

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