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Frankfurter Anthologie : José F. A. Oliver: „schwarzmilan“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Auf der Suche nach einer besseren Zukunft aus Andalusien in den Schwarzwald: In diesem Gedicht führt die Migration auf verschlungenen Pfaden in eine fremde Welt, aber nicht in eine neue Heimat.

          2 Min.

          Das große Thema dieses Gedichts ist Migration und wie sie einen Menschen verändern kann. Dieser Mensch ist in dem Gedicht ganz konkret der Vater des Dichters, Francisco Agüera González. Er war im Sommer 1960 aus einem andalusischen Dorf, wo er für sich und seine Familie keine Zukunft sah, in ein Dorf im Schwarzwald gezogen, um dort in einer metallverarbeitenden Fabrik zu arbeiten.

          Die erste Gedichtzeile, die exakt die Eröffnungszeile des Gedichtfragments „Der Adler“ von Hölderlin wiedergibt, eröffnet ein weites Panorama der Wanderschaft. Es muss für den Vater eine beschwerliche Reise gewesen sein, die ihn von Málaga aus über Madrid und Paris bis zu dem Grenzübergang in Kehl und nach Offenburg und schließlich weiter nach Hausach führte. Die Ankunft in der fremden Heimat Schwarzwald wird nie wirklich Ankunft sein.

          Eine Wanderung, die nie ihr Ende fand

          Diese Geschichte vom spanischen Gastarbeiter, vom Wander-Andalusier lässt José F.A. Oliver gefrieren. Deshalb die Schnee- und Eisbilder, die Metaphern der Kälte, die Kälte der Lügen. So heißt das Gedicht auch nicht von ungefähr „schwarzmilan“. Der Name des Greifvogels – Milan – hängt mit dem Wort „Migrans“ zusammen und kommt vom lateinischen „migrare“, das wandern bedeutet. Der Vater ist der schwarze Einwanderer. Er „pendelträumte“ (ein Oliver-Wort) zwischen dem, was seine Heimat war, und dem, was nie seine Heimat werden wird. Er schuftete, er sparte, er „verlog“ sich die „arbeitshände“, verbog sie, verlor sie schließlich wie „auch die sprache / ans gemachte eis der migration“.

          Sprache ist für Oliver – so der Titel eines früheren Gedichtbands – „Unterschlupf“. Sprache zu verlieren ist das Schlimmste. In vielen seiner Gedichte hat Oliver den Worten nachgespürt, sie zerlegt, innewohnende Dissonanzen abgeklopft, bislang ungehörten, unerhörten Klang freigelegt. In diesem Gedicht nun halten sich sprachliche Findung und die verdichtete Erinnerung die Waage. Der Leser spürt etwas vom Erbe Celans, von dem Wunsch, den beide Dichter teilen: dass Sprachklang und innerste Erfahrung übereinstimmen.

          Oliver hat über den Tod, den sein Vater in Málaga und nicht im Schwarzwald gesucht und dann auch gefunden hat, mehrfach geschrieben. Das Gedicht „schwarzmilan“ ist davon die Quintessenz. Es bilanziert das Leben des Vaters. Deshalb wirken die Augenblicke des Gedichts derart alt und so zeitlos.

          Dem Gedicht eignet auch etwas Orakelhaftes, wenn es eine Zeile aus Hölderlins Gedicht „Der Adler“ abwandelt: Statt „Wo wollen wir bleiben?“ lässt es den Vater fragen: „Wohin bleiben wir?“ In dieser Kollision sich widersprechender Worte, von Aufbrechen (wohin) und Verharren (bleiben) drückt sich existentielle Unruhe aus, auch ein ganz ohnmächtiger Elan. „Stummpoliert“ ist die Frage, weil sie über viele Jahre ohne Antwort geblieben, weil sie nicht lösbar ist. Weil sie, in den Worten einer Kollegin Olivers, der Lyrikerin Dagmara Kraus, ein Ausdruck des irdischen wie des metaphysischen Exils ist.

          „Danach“ kommt der Tod, dort und hier. Die Aussage der Schlusszeilen ist nicht weit entfernt vom Rilke der „Duineser Elegien“, der ein Jahrhundert nach Hölderlin in der ersten Elegie zu dem Befund kommt: „Bleiben ist nirgends“. Das „Hier“ bei Oliver ist das Nirgends von Rilke. So sind José F.A. Olivers bedrückende, paradoxale Verse ganz im Sinne des Hölderlinschen Fragments. Der Ort des Wanderers ist die schmerzhafte, schmerzliche Ortlosigkeit.

          José F. A. Oliver: „schwarzmilan“

          für Björn Hayer

          mein vater ist gewandert, auf dem Gotthard
          nicht & doch
          verlog er sich die arbeitshände
          unterm fremden schnee. Er sagte
          es ist kalt die lügen kälter & jahre später
          verlor er auch die sprache
          ans gemachte eis der migration
          einander schauend (neineinander)
          er & seine hände & stummpoliert die frage
          wohin bleiben wir? Danach
          war tod & d:ort
          wirst du ihn finden. Hier

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