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Frankfurter Anthologie : Elke Erb: „Schone den Wicht“

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Bild: Shutterstock

Elke Erbs Vorstellung von einem Gedicht ist sehr speziell: Warum sich die Verse der diesjährigen Georg-Büchner-Preisträgerin aus ihrem Verhältnis zu Wasser und Sauerkraut ableiten lassen.

          2 Min.

          Der Dichter Christian Filips wohnte eine Weile zur Untermiete bei Elke Erb. Er erzählt, dass manchmal aus dem Bad zu hören gewesen sei, wie sie mit dem Wasser spricht: „Fließ doch mal!“ Und aus der Küche: „Gleich bist du ordentlich fertig!“ (Zum Sauerkraut gesprochen.) Elke Erbs Verhältnis zum Gedicht gleicht dem zu Wasser und Sauerkraut. In „Es setzt auf mich“, einem Gedicht von 2004, schreibt sie: „Kommt die Fee zu ihm“, dem Gedicht, „hofft es, lebt es auf“. Kommt sie nicht, ist nicht sicher, ob es überlebt. Die Fee, also die Dichterin, „kommt wie eine Gnade“ über es. Vielleicht kann man sich Gedichte bei Elke Erb als eine Art Tamagotchi vorstellen, die gefüttert werden?

          Bei anderen Autorinnen gibt es andere Vorstellungen vom Gedicht. Etwa dass es ein Gemachtes ist, ein erschaffener Text. Oder dass es aus einem Zustand der Begeisterung heraus plötzlich da ist. Elke Erbs Vorstellung ist eine grundsätzlich andere. Das Gedicht entstehe „aus einem Prozeß aus nichts als mir, in dem / nicht ich entscheide“. „Seine Substanzen, Angelegenheiten / existieren ohne mich.“ Die Fee „trottet deppdumm / hin zu ihm, dem wartenden“ Gedicht, das abhängig ist, aber selbstbestimmt. Zwischen Fee und Gedicht entsteht ein gleichberechtigtes Nebeneinander.

          So rettet sie die Hoffnung und das Leben

          Deshalb nimmt Elke Erb immer wieder alte Gedichte neu auf und kommentiert sie selbst. Das Gedicht kommt nicht zur Ruhe, es will in Bewegung, also im Gespräch bleiben. Sollte man einem so eigenwilligen Wesen sagen, was es tun soll? Wem also heftig widersprochen wird in „Schone den Wicht“ ist der, der zum „reißenden Wolf“ wird. Der Wolf, der glaubt, er könne das Gedicht herumkommandieren. („Reim dich, oder ich freß dich“, heißt ein anderes, schön kompliziert gereimtes Gedicht von Elke Erb.)

          Für Elke Erb liegt in der prästabilierten Harmonie von Fee und Gedicht nichts weniger als eine Möglichkeit zum Glück. Ist sie gefährdet, muss die Fee in aller Deutlichkeit eingreifen. Das geschieht in „Schone den Wicht“: „Wicht“ reimt sich auf „nicht“ und wieder auf „Wicht“ – und auf was noch? Auf das Gedicht – und zwar auf ein ganz bestimmtes.

          Thomas Braschs Gedicht „Das Fürchten nicht und nicht das Wünschen (darf mir abhanden kommen)“ muss man nicht im Ohr haben, um zu bemerken, dass Elke Erb mit „Mein Lieber“, als spräche sie zum Sauerkraut, einen anderen Dichter meint. Thomas Brasch hat sich nicht an Erbs Gnaden-Dogmatik gehalten. „Hirnlos reimen wie ein Wicht muß beendet werden“, schreibt er und sagt dem Gedicht, was es tun soll. Elke Erb dagegen: „Geh weg von dem Wicht.“ Das Gedicht wartet auf dich, aber misch dich nicht ein in seinen Weltenlauf und Garvorgang. Schonst du es, schonst du auch dich, das tut dir gut. Denn ohne seine eigensinnige Ordnung wird alles hoffnungslos: „Sie gönnen dem Glück keine Stunde!“

          Was für eine verschrobene Kombination aus paternalistischer Anrede und reißendem Tier, aus den Märchenwesen Wicht und Wolf und der Aufforderung, den Wicht zu schonen, was ja eher an ein Deckchen auf dem Sofa erinnert als an eine existentielle Warnung (es heißt ja nicht „verschone“). Obendrein ein zwar unkonventionelles, trotzdem klassisches Metrum. Zufall? Skurril? Man könnte das witzig finden und für beiläufig halten.

          Tatsächlich spricht aus diesen Versen eine unerhörte Strenge. Als Erb-Leser, stößt man immer wieder auf Begriffe wie „Gnade“ und „Substanz“, „Seele“, „Geist“ und „Jenseits“. Es geht um „Leben und Tod“, worauf die „Fee“ mit einer fast scholastischen Rigorosität reagiert. Auch dieses Gedicht ist nicht leicht und lustig, sondern dogmatisch und so eng geschnürt, wie es in dieser Beengtheit freiheitsliebend ist. Es nutzt seine heiteren Möglichkeiten, bei denen sich die Fee ihrer immensen Verantwortung bewusst ist: „Ich lag und sann, da kamen Kram-Gedanken. / Natürlich ist es recht, den Kram im Kopf zu haben. So hältst die Sterne du in ihren Bahnen ... Lass deinen Kram wie Himmelskörper strahlen / und denke dir zum Abschluss Brombeerranken.“ So rhythmisch reimt Elke Erb Gedanken auf Ranken. So rettet sie die Hoffnung und das Leben und hätte wohl gern auch Thomas Brasch gerettet. Dass Elke Erb jetzt mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, ist eine Gnade fürs Gedicht und eine Sternstunde für ihre Leser.

           

          Elke Erb: „Schon den Wicht“

          Mein Lieber,

          Du bist kein reißender Wolf.
          Schone den Wicht

          Sie riskieren es nicht
          Geh weg von dem Wicht

          Sie gönnen dem Glück keine Stunde!

          21. 2. 13

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