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Frankfurter Anthologie : Marcel Beyer: „Schnee“

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Bild: Pilar

Die Endreimstimmung ist schon lange vorüber. Aber ihre Vertreter können noch immer befragt werden – und mit ihnen alle Gespenster der Vergangenheit.

          3 Min.

          Das Ende, das Ende und der Rest. Marcel Beyers Gedichtband aus dem Jahr 2002 heißt „Erdkunde“ und endet mit einem Gedicht mit dem Titel „Schnee“. Schnee ist ein Gleichmacher, deckt Unterschiede zu, kann täuschen und vortäuschen, erst recht bei Nacht und Dunkelheit. Hinter Triest endet Italien, in Turku beginnt Finnland: das Gedicht schlägt einen gewaltigen Bogen von Süd nach Nord über halb Europa.

          Wer Beyers frühe Gedichte gelesen hat, assoziiert die gleich im ersten Vers genannten „Stiefel“ mit Soldaten und Krieg. Und wer Triest kennt, denkt bei „Mole“ an den Molo Audace, der eine an die zweihundert Meter lange Promenade ins Meer hinaus erlaubt, um den berühmten Blick auf Stadt, Bucht und Adria zu genießen. Eine Touristenattraktion zu ästhetischen Zwecken, wie man glaubt. Aber auch das täuscht. Im November 1918 legte der italienische Zerstörer Audace am damals noch „Molo San Carlo“ genannten Pier an, um die zu Österreich gehörende Stadt für Italien zu reklamieren. Die Stiefelsohlen von zweihundert Carabinieri festigten den Waffenstillstand von Villa Giusti.

          Mehr als hundert Jahre später finden sich die „Figuren“ dieser Episode des Ersten Weltkriegs in den Geschichtsbüchern. Heute sind es „unsere Sohlen“, die auf etwas treten. Statt Schnee ist es Hundekot, Kaugummi oder ein fallen gelassenes gelato, unangenehm, aber kein Drama. Die nächtliche Zweideutigkeit hellt sich auf in einen banalen und ein bisschen ekligen Alltag, den wir kennen.

          Lies und lies noch einmal und noch einmal

          Wäre es nicht eine Wohltat fürs Auge, wenn der Schnee ihn zudeckte? Aber ausdrücklich heißt es nun: „Kein / Schnee“. Die erste Strophe hat ihn herbeigerufen, fragt aber, wo die „Flocken“ sind, die zweite leugnet den Schnee, „weiß“ aber noch den „Schneefall“. Der letzte Vers beginnt mit „weiß“, und obwohl es das erwartete Verb ist, denkt man die Farbe mit, weil „blau“ daneben steht, ein wiederholter Kontrast, der am Ende den ganzen „Rest“ färbt.

          Fragen, viele Fragen, nicht nur ans Gedicht, sondern schon in seinem Verlauf. Die erste Strophe stellt zwei Fragen, die zweite noch eine dritte. Zweimal ist das Meinen der Kern. Das Ich befragt ein „du“, das es auch selbst sein könnte. Es fragt am Ende des Buches, aber vielleicht auch am Ende einer bestimmten Lebensstrecke (als der Gedichtband erscheint, ist Marcel Beyer 36 Jahre alt), wen oder was es mit seinen Texten gemeint hat. Haben sie zur „Erdkunde“ beigetragen? Wie deutlich, mit welchen Empfindungen, hat das Ich den „Lichtschein am Rand, die Tiefe“ wahrgenommen? Gehört das Licht an den nordischen Horizont von Turku, oder ist es ein metaphysisches Licht oder beides?

          Keine Antwort. Das Meinen bleibt frei, es muss allerdings, was die einzelnen Verse oder Sätze betrifft, mit dem Meinen über andere Verse oder Sätze des Gedichts übereinstimmen. Das Meinen hält die Sprache elastisch und schafft einen Dunstkreis um die Wörter, in dem der Sprechende und der Lesende einander begegnen. Der Autor schreibt „die Möwen“ für die Möwen, aber er kann soeben geäußerte Behauptungen auch sofort wieder abstreiten: „Schnee“ in der ersten Strophe, „kein Schnee“ in der zweiten, was das Bild des Schnees im Kopf des Lesenden jedoch nicht löscht.

          Beyer neigt zu Aufzählungen und Assoziationsgewittern. Der Leser folgt willig, spürt die Faszination, dennoch wird ihm der Zusammenhang der angetippten Realitätsfetzen manchmal Rätsel aufgeben. Die übliche Frage lautet: Was meinst du? Die Antwort des Autors: Das, was geschrieben steht. Lies und lies noch einmal und noch einmal. Die Hände können blau gefroren sein, aber vielleicht sind sie auch blau von der Tinte, mit der sie schreiben, und blau, nämlich: geschrieben, ist auch der „Rest“, das heißt dieses Buch, und alle Bücher, die der Autor je verfassen wird, und die Ordnungsprinzipien sind die der Sprache, nicht die der Historie, in die sich Beyer in „Erdkunde“ zurückschreibt. Also: Alliterationen (Turku, Triest; Flocken/Figuren) und Reime (Triest, fest, Rest) und der komplexe, komplizierte Rhythmus, in dem man immer wieder stolpert.

          Das Gedicht schlägt jenes Parlando an, das einem Meister huldigt („Meinen Sie Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt...?“). Auch das letzte Gedicht von Beyers frühem Lyrikband „Falsches Futter“ aus dem Jahr 1997 ist ein Benn-Pastiche („Nur zwei Koffer“ legt sich über Benns „Nur zwei Dinge“). Als der Band „Erdkunde“ 2002 erscheint, ist Benn schon ein halbes Jahrhundert tot und die „Endreimstimmung“ vorbei. Aber für Beyer gehört er zum „du“, zu jenen, die befragt werden können. Gelesenes, Wahrgenommenes und Imaginiertes überlagern einander, draußen und drinnen, auf Reisen und zu Hause. So auch im Wortgeriesel, das der Dichter zum Gedicht fügt. Auf dem Molo Audace, im Angesicht der blauen Adria, unter blauem Himmel, lässt sich ans ferne Turku denken, an Schnee und Eis, an Möwen, Gischt und See – im Sommer wie im Winter.

          Marcel Beyer: „Schnee“

          Meinst du am Ende die Möwen, die Stiefel nachts
          auf der Mole, nachts in den Schnee? Triest oder
          Turku, Turku, Triest – wo sind die Flocken, wo
          die Figuren, unsere Sohlen, was treten sie fest?

          Meinst du den Lichtschein am Rand, die Tiefe,
          meinst du den Blick, die offene See? Kein
          Schnee, Schnee, Kot, Kaugummi, Eis, und
          kein Schnee – Schneefall ist alles, was ich noch
          weiß, blau sind die Hände, blau ist der Rest.

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