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Frankfurter Anthologie : Ror Wolf: „Viertes kleines Nachtgedicht“

Bild: Frank Röth

In diesem Gedicht hat der Reim die Uhr gestellt. Ob es an Silvester spielt, bleibt offen. Aber es enthält eine Anleitung, wie man, möglicherweise, alle Selbstzweifel beseitigt.

          Es ist Nacht in Frankfurt am Main. Jemand zählt die Stunden. Ob es sich um die letzten Stunden des Jahres handelt? Schon möglich. Dann hätten wir es mit einem Silvestergedicht zu tun. Aber genau wissen können wir das nicht. Vielleicht wird hier ein Ritual beschrieben, dass sich Nacht für Nacht abspielt oder immer dann, wenn der Schlaf sich nicht einstellen will. Sind diese Verse vom Traum diktiert oder der Schlaflosigkeit abgerungen? Oder erzählen sie von einem dritten, ganz anderen Zustand?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses „Vierte kleine Nachtgedicht“ gehört zu Ror Wolfs Frühwerk. Datiert ist es auf das Jahr 1959, als er noch als Richard Wolf publizierte. Sechs Jahre zuvor war Wolf, der 1932 im thüringischen Saalfeld geboren wurde, in die Bundesrepublik gekommen, nachdem man ihn in der DDR nicht zur Universität zugelassen hatte. In Frankfurt, wo er das in Hamburg begonnene Studium beendete, redigierte er eine Zeitlang die Studentenzeitung „Diskus“, bevor er für zwei Jahre als Redakteur zum Hessischen Rundfunk ging. Danach entschied sich Ror Wolf für das unsichere Dasein als freier Autor. Zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern gehört er heute wohl eher nicht, aber zweifellos zu den bedeutendsten.

          Der Leim des Erwartbaren

          Der Dichter, der den Selbstzweifel nicht bezwingt, fällt ins Bodenlose. Wenn er von dort zurückgekommen ist, hat er etwas zu erzählen. Ror Wolfs „Viertes kleines Nachtgedicht“ beginnt wie der Kinderreim „Eins zwei drei vier Eckstein, alles muss versteckt sein“, und erinnert dann an die Zahlenmagie von Goethes „Hexeneinmaleins“: Auf die Sieben folgt erst die Eins, wenig später dann die Zwei. Da stimmt doch etwas nicht. Wer zählt hier was? Geht es wirklich um Stunden? Wieso ist es dann bei „acht“ nicht acht Uhr morgens oder abends, sondern „mitten in der Nacht“? Die Antwort kann nur lauten: Weil hier der Reim die Uhr gestellt hat.

          Wolf ist nicht pretiös, wenn es um die Findung seiner Reimpaare geht. Was andere Lyriker als abgenutzt meiden würden, kommt ihm gerade recht. Denn er treibt sein abgründiges Spiel mit dem Altbekannten, er legt es seinen Lesern zu Füßen, damit sie ihm auf den Leim des Erwartbaren gehen. Dann jedoch, im Alltäglichsten, Allerbanalsten, zeigen sich die Katastrophen des Grotesken, die absurdesten Unfälle, die stets und ewig unvermutet auftauchenden Aporien des Alltags. Die ersten beiden Widersprüche können wir noch auflösen: „Jemand sieht die Dinge, wie sie sind/ Doch er sieht sie nicht, denn er ist blind.“ Heißt es nicht seit Teiresias, dass der blinde Seher die Wahrheit besser erkennt als die Sehenden? Ähnliches gilt für den Tauben, der zu spüren vermag, wie das Laub lautlos neben ihm herniedersinkt. Aber wie anders, wie bedenklich steht es mit demjenigen, der von einem Tier verschluckt wird, ohne es zu bemerken? Jonas wusste, wie ihm geschah, als ihn der Wal verschlang.

          Der Gestus des Gedichts ist realistisch, magisch, somnambul; seine Logik ist die von Reim, Traum, Rhythmus. Wer das „Vierte kleine Nachtgedicht“ laut liest, sollte sein Tempo variieren. Er wird erstaunliche Effekte erzielen. In vielen späteren Gedichten frönt Ror Wolf fast schon exzessiv dem Reiz von Reihung und Reibung. Hier ist er karger, kryptischer, bescheidener. Denn es geht um ihn selbst. In diesem nächtlichen Kammerstück beschreibt sich der Dichter bei der Arbeit.

          Ror Wolf: „Viertes kleines Nachtgedicht“

          Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht.

          Hier beginnt es, mitten in der Nacht.

          Eins zwei drei vier fünf sechs sieben – eins.

          Frankfurt, Nordend, oberhalb des Mains.

          Eins zwei drei vier fünf sechs sieben – zwei.

          Es ist Nacht in Frankfurt, es ist drei.

           

          Jemand sieht die Dinge, wie sind.

          Doch er sieht sie nicht, denn er ist blind.

          Jemand hört: von oben fällt das Laub.

          Doch er hört es nicht, denn er ist taub.

          Jemand wird verschluckt von einem Tier.

          Er bemerkt es nicht, es ist jetzt vier,

           

          Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht.

          Es ist fünf Uhr morgens, jemand lacht.

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