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Frankfurter Anthologie : Ronald M. Schernikau: „uwe sonett“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ronald M. Schernikau stellte einmal fest: „ein sonett kann alles, übrigens. vierzehn zeilen haben bisher genügt, die welt darin zu zeigen.“ Sein „uwe sonett“ aus dem Nachlass zeigt, was er damit meinte.

          2 Min.

          Eine Aufzählungsorgie, ein monotones das und das und das, als gäbe es im Deutschen nur diesen einen, einzigen Artikel. Ein Ich, das nicht „ich“ sagt, bloß „meins“ und „meines“, tänzelt durch die Sprache und richtet den Zeigefinger auf immer noch ein Verb, ein Substantiv („einverständnis“), Adjektiv („nahe“) oder Adverb („noch“), eilig sammelnd wie im Spiel, trotzdem ernst, hektisch, dringend und drängend. Das Auf und Ab des Sichverliebens wird herbeizitiert: Bitten und Nachgeben, Zweifel und Schwankungen, Widersprüche und Hoffnungen folgen der wirren Chronologie von Fremdheit bis Nähe und wieder zurück zum neuerlichen Beginn, bis die Körper endlich tun, wonach sie verlangen. Das Gedicht ist ein Experiment der Verknappung, indem jeder genannte Begriff eine Fülle von Assoziationen und möglichen Geschichten provoziert, eben weil der Phantasie des Lesers nur Stichworte geliefert werden.

          Übliche Sprachregeln scheinen für dieses Sonett nicht zu gelten, was der Verständlichkeit keinen Abbruch tut. Schon der erste Vers stimmt auf semantisches Chaos ein, gleichzeitig bohren sich das maschinenmäßig stampfende Metrum und das feste Reimschema ins Ohr. Der Zug befindet sich in sausender Fahrt, doch auf den sicheren Schienen des fünfhebigen, männlich endenden Jambus, der die Anarchie des Gefühls ordnet und den Lektüre-Eindruck bestimmt: So ist es, so läuft es, nickt der Leser, oder, mit den Worten des Gedichts: „es ist wahr“. Die Liebe ist wahr und der Text dazu auch.

          Das geglückte Glück

          Ziel der Bewegung ist das letzte Wort. In modernen Gedichten aus Scheu vor Kitsch und Pathos selten beim Namen genannt, wird „glück“ hier als Gipfel und Höhepunkt der Liebe selbstbewusst ausgerufen. Die Wegstationen dorthin drücken sich nicht in Metaphern aus, sondern konkret, simpel und sinnlich, vor allem durch substantivierte Verben. Während diese im gängigen Schriftdeutsch eher vermieden werden, da sie als unbeholfen gelten, blühen sie hier ins Extrem. Selbst „das es geht“ ist kein Druck- oder Grammatikfehler, wie zunächst vermutet (müsste es nicht „dass es geht“ oder „ob es geht“ heißen?), sondern eine Substantivierung in zwei Worten, eine Kurzfassung von „mit diesem Mann wird es klappen“. Ähnlich un­bekümmert formuliert der vorletzte Vers „das werfen meines kopfes nach zurück“. Der Leser zuckt zusammen, doch je öfter man es liest und spricht, nicht als einzelnen Vers, sondern als Teil eines Ganzen, desto selbstverständlicher bürgert es sich ein.

          Das „uwe sonett“ entstand Mitte der Acht­zigerjahre, als sein Verfasser Ronald M. Schernikau Mitte zwanzig war. 1960 in Magdeburg geboren, sechs Jahre später mit seiner Mutter im Kofferraum eines Fluchthelferwagens in den Westen gewechselt, wuchs Schernikau in der niedersächsischen Provinz auf. Sein erstes, erfolgreiches Buch („kleinstadtnovelle“) publizierte er kurz vor dem Abitur, zum Studium ging er nach West-Berlin. Dass er schwul war und Kommunist, demons­trierte er durch die Art, wie er lebte und schrieb.

          Nach der Ausbildung am Leipziger Literatur-Institut „Johannes R. Becher“ beantragt und erhält er wenige Wochen vor dem Fall der Mauer die Staatsbürgerschaft der DDR und zieht nach Ost-Berlin. Dort stirbt er im Herbst 1991 mit 31 Jahren an Aids. Sein Opus Magnum, der Collage-Roman „legende“, enthält als Einschub eine von ihm selbst getroffene Auswahl seiner Gedichte (jedoch nicht dieses) sowie Bemerkungen zur Sonettform: „ein sonett kann alles, übrigens. vierzehn zeilen haben bisher genügt, die welt darin zu zeigen.“ Der Titel „uwe sonett“ signalisiert mit dem Vornamen des Geliebten die private Welt, während das Gedicht kaum allgemeiner sein könnte. Scheinbar konservativ folgt es dem traditionellen Bauplan des englischen Sonetts und bewegt sich dennoch, entschieden und trotzig wie sein Autor, „in die entgegengesetzte Richtung“ (Thomas Bernhard).

          Ronald M. Schernikau: „uwe sonett“

          das warten wartenlassen kommen doch
          das funkeln deiner augen beim zu spät
          das rätseln rätselnlassen das es geht
          das unbegreiflich nahe und das noch

          das weggehn das entziehen das vergehn
          das greifen an die hüfte unterm tisch
          das einverständnis fern verschwörerisch
          das lassen das bedeuten und das sehn

          das heimkehrn und das greifen in dein haar
          das wiedergreifen, du, in diesmal meins
          das küssen schnell und das danach und keins
          das endlich auf das bett und es ist wahr:

          das werfen meines kopfes nach zurück
          das lachen, das bedrängen, es: das glück

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