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Frankfurter Anthologie : Robert Walser: „In dem Reisekorb oder Wäschekorb“

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Bild: Picture-Alliance

Nur ich kann mich selbst ertragen: Dieses Gedicht beginnt in einem Korb. Dann zerfällt das lyrische Ich in mehrere Subjekte und kann sich trotzdem eine gewisse Fröhlichkeit bewahren.

          Dieses Mikrogramm-Gedicht des Schweizer Schriftstellers und Dichters Robert Walser (1878 bis 1956) handelt von einem Ich, das von seiner eigenen Persönlichkeit heimgesucht wird. Die geschilderte Fragmentierung der erzählenden Person beginnt in einem Korb. Gleich zu Beginn werden hier zwei Möglichkeitsräume aufgespannt. Es begegnen uns der „Reisekorb“ als Bild für das Zukünftige und Bewegte und der „Wäschekorb“, der an das Vergangene und Abgelegte erinnert. Dieser Korb, zunächst ein alltäglicher Gegenstand, mutiert ebenso wie das Schlafzimmer des erzählenden Ichs zu einem Ort unheimlicher Begebenheiten. Hier „räuspert es sich nachts“, und dieses Räuspern klingt so menschlich, „als läge dort jemand“. Während das Geräusch des Räusperns als wahrnehmbare Tatsache dargestellt wird, muten alle weiteren Erklärungen von dessen Herkunft dank des Konjunktivs irreal an. Mit dem Zusatz „und als säße auf dem Korb / ein wispernder Sklav’“ wird das unwahrscheinliche Bild weitergesponnen.

          Auffallend an diesem Gedicht ist die Konstruktion des Ichs. In der Ratlosigkeit, wen oder was der „Sklav’“ repräsentieren könnte, hilft uns das lyrische Ich, indem es erklärend hinzufügt, dass es sich um seinen „grausamen Diener“ handele. Erneut gesellen sich hier mit dem „Sklav’“ als Figur der Machtlosigkeit und dem „grausamen Diener“ als Figur der Ermächtigung zwei ähnliche und doch widerstreitende Bilder zueinander. Mit Letzterem korrespondiert wiederum der „feste Entschluß, / mir selbst zu gehören“. Doch was sollte an der nachvollziehbaren Resolution, sich selbst gehören zu wollen, grausam sein? Abgesehen von Autarkie impliziert sie die Möglichkeit einer Ermächtigung über das eigene Selbst, dem ein Entschluss aufgezwungen wird. Dadurch zerfällt die Integrität des erzählenden Ichs, und es zersplittert in mehrere Subjekte: „Mein Gedanke, / der kennt mich. Mir ist oft, was ich denke, / fürchterlich“. Das Ich wird durch seinen eigenen Gedanken gequält, wobei der Singular die Annahme nahelegt, dass sich genannter Gedanke ebenfalls auf den Entschluss bezieht. Indem der Gedanke das Ich „kennt“ und ihm „fürchterlich“ wird, tritt er aus dem Ich heraus und entpuppt sich als unkontrollierbar und grausam. Vielleicht kann man hierin den impliziten Wunsch des Ichs erkennen, sich der Außenwelt hinzugeben und mitteilen zu wollen, der wiederum seinem Verlangen nach einem hermetischen Verschließen vor der Welt entgegensteht.

          Ein Blick in die Seele, der schwindelig macht

          Die Härte der beschriebenen Fragmentierung wird jedoch durch die Instanz des Ichs gemildert, das unversehrt genug ist, uns Lesern von seiner eigenen Dekonstruktion erzählen zu können, und den fürchterlichen Prozess überdauert. So erleben wir mit den Zeilen „Und ich steige aus / der Nachtzeit wie aus granitenem Grab“ eine Peripetie: Durch den Zeilenumbruch könnte man zunächst an Selbstmord denken, doch glücklicherweise ist der Ausstiegspunkt nicht das Leben, sondern die Nachtzeit. Durch die doppelte Wie-Konstruktion, mit der man verschiedene grammatische Bezüge herstellen kann, bleibt in der Schwebe, ob es sich um einen bloßen Vergleich zwischen Nachtzeit und Tod handelt oder ob der „gespenstische Schlaf“ durch das verbindende „und“ zum „granitenen Grab“ gehört, die somit nah zusammenrücken. Die Komplexität der Satzkonstruktion nimmt durch den undurchschaubaren Vergleich „wie aus vieler / armer geplagter Seelen bleiche / Bilder um ihre Schläfen schleudernder / Vergangenheit“ noch zu und versetzt den Leser in Schwindel. Wichtig erscheint hier die Ausweitung des Blicks von der subjektiven Plage der eigenen Seele zu den vielen anderen Seelen. Das persönliche kann so auch als kollektives Trauma verstanden werden, das sich aus den Schreckensbildern einer gemeinsam erlebten Vergangenheit speist. Was bleibt, ist der Eindruck eines Geworfen-Seins in einen Bilderstrudel; ein Blick in die Seele, der schwindelig macht.

          Der erlösende Bruch erfolgt durch den kindlich-naiven Satz „und kann am Morgen meines Lebens wieder froh sein“ und die ironische Zuversicht, dass man niemandem wünschen würde, man selbst zu sein, da man der Einzige sei, der sich selbst ertragen könne. Hier zeigt sich Walsers Humor, denn schließlich wurde bis zum heutigen Tage noch keine Möglichkeit zum Transfer von Persönlichkeiten entdeckt. Die Zerrissenheit entpuppt sich als tiefer Zwiespalt zwischen Welterfahrung und der Unfähigkeit, sich zu äußern. Vermittelst der Feststellung „So vieles zu wissen und so viel gesehen zu haben und / so nichts, so nichts zu sagen“ mündet das Gedicht in einer weiteren sich selbst widersprechenden und ebenfalls ironisch lesbaren Aussage. Zurück bleibt ein Ich, das sich selbst mit Hilfe des dichterischen Mittels der Wiederholung „so nichts, so nichts zu sagen“ in schweigende Resignation hüllt. Dieses Ich, das sich nicht mehr äußern möchte, gleicht so nicht zuletzt Walser selbst, der in den letzten Jahrzehnten seines Lebens ein verstummter Dichter gewesen ist.

          Robert Walser: „In dem Reisekorb oder Wäschekorb“

          In dem Reisekorb oder Wäschekorb,

          der in meinem Schlafgemach steht,

          räuspert es sich nachts,

          als läge dort jemand

          und als säße auf dem Korb

          ein wispernder Sklav’, mein grausamer

          Diener, mein fester Entschluß,

          mir selbst zu gehören. Mein Gedanke,

          der kennt mich. Mir ist oft, was ich denke,

          fürchterlich, und ich steige aus

          der Nachtzeit wie aus granitenem Grab

          und aus gespenstischem Schlaf wie aus vieler

          armer geplagter Seelen bleiche

          Bilder um ihre Schläfen schleudernder

          Vergangenheit

          und kann am Morgen meines Lebens wieder froh sein.

          Niemandem wünschte ich, er wäre ich.

          Nur ich bin imstande, mich zu ertragen:

          So vieles zu wissen und so viel gesehen zu haben und

          so nichts, so nichts zu sagen.

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