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Frankfurter Anthologie : Richard Pietraß: „Mistkäfer“

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Bild: F.A.Z.

Sind Insekten poesietauglich? Dieses bestimmt: Es ist der Sisyphos des Mistbeets, kein Fabelwesen, aber ein Geschöpf mit fabelhaften Fähigkeiten. Nur der Mensch wird ihm immer wieder zum Verhängnis.

          2 Min.

          Der gemeine Mistkäfer mag dem normalen Erdenbewohner einer besonderen Beachtung nicht wert sein. Aber für Leser von Jean-Henri Fabre und Ernst Jünger sieht die Sache schon anders aus. Die beiden zählten die Dungabräumer zur ersten Garnitur unter den Lebewesen. Richard Pietraß, in Berlin lebender Sachse, Nachkriegskind von Umsiedlern aus Ostpreußen, von „unstillbarem Drang nach Neuverwurzelung“ beseelt, gehört zu den Lyrikern, denen die Gefährdung des Planeten, die „Wunden im Antlitz der Erde“ (Seamus Heaney), Schmerz bereiten und die deshalb besonders hellhörig sind für das, was noch Freude und Mitfreude auslöst. Auch der Blick, den dieser Dichter, der heute siebzig Jahre alt wird, auf das wundersame Insekt wirft, wird durch die Schule des entomologischen Sehens gegangen sein.

          Die Präsenz des Tieres in den drei Strophen ist eindrucksvoll. Ein Fabelwesen ist es nicht - dies geduldig umherwandernde, für sein Amt als Reiniger der Erde gut gerüstete Geschöpf -, ein fabelhaftes umso mehr. Wer sich seinem Tun nähert, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wie auch der Käfer selbst ins Staunen kommen dürfte, wenn es gilt, mit den eigenen gottgegebenen Werkzeugen aus den Unratshaufen dieser Welt eine nahrhafte Kugel zu formen, sie unterm gepanzerten Bauch größer und größer zu spulen, um sie dann, wenn sie ihn schließlich um ein Mehrfaches überragt, solange die Pfade hinauf und hinunter durchs Gelände zu rollen, bis sich nach viel Mühsal ein sicherer Ort zum Vergraben gefunden hat. Das ist eine Kunst, die dem kleinen geflügelten Gliederfüßer so schnell keiner nachmacht. Denn was er nun hat, ist ein kostbares Mahl, an dem er sich später in seiner Erdhöhle allein und ungestört ergötzen wird.

          Straßenkehrer der Natur

          „In einer Reitwegkuhle / Rollst du das Elend der Welt. / Philosoph nomadischer Schule / Räumst die Spur, nicht das Feld.“ Das Elend der Welt, das sind die Exkremente, der Kot der pflanzenfressenden Säugetiere, der Pferde, Schafe, Rehe und Hasen. Für den Mistkäfer sind sie wie Manna. Die Pillen, die er daraus überirdisch dreht, dienen als Vorrat, die Kugeln, die er daraus unterirdisch formt, dienen als Brutkammer. In einem winzigen Hohlraum in ihrer Mitte lagert das befruchtete Ei, aus dem später die Larve schlüpft. Die ernährt sich von der Innenwand des Dunggewölbes. Hat sie sich schließlich bis nach außen gefressen und die Metamorphose vollzogen, ist ein neuer Käfer in der Welt.

          Dem jedoch ist nicht immer vergönnt, sein vorgezeichnetes Leben zu fristen. Darauf will das Gedicht ja hinaus. „Kreuz ich deine Zirkelschritte / Rädert dich Asphalt.“ Der prometheische Mensch, der alle paar Jahre ein neues Netz der technischen Bemächtigung über die Erde wirft, ist die größte Gefahr für die wildlebenden Tiere. Dennoch fragt man sich, warum der Held dieser wohlgeformten Verse am Ende so ein böses Geschick erfahren soll. Das hat seinen Grund. Die drei Strophen gehören zu einem Totentanz-Zyklus, in dem außer dem Mistkäfer auch noch die Fledermaus, der Gepard, der Gorilla, das Blatthuhn, der Maulwurf und der Blauwal ihren Auftritt haben. Totentänze erfreuten sich in der Bildkunst des Mittelalters einer schaurigen Beliebtheit. Die Vorstellung, dass der Tod, meist in Gestalt eines nur dürftig bekleideten Gerippes, die Menschen, die er heimsucht, vor ihrem Ende zu einem letzten Tanz auffordert, versetzte die Sterblichen jeden Alters und Geschlechts, jeden Standes und Berufs in einen Schrecken des Gewissens, der ihnen wie ein Schauder ins Gebein fuhr. Denn das ist ja das Paradoxe dieser Verkettung: Tanz als höchster Zustand der Beweglichkeit, Tod als höchster Zustand der Erstarrung. Beim Totentanz der Tiere liegen die Dinge anders. Da sie kein sittliches Bewusstsein haben und ohne Sünde sind, müssen sie nicht vor das Jüngste Gericht. Und doch ist es häufig gerade nicht der arteigene Tod, der ihr Schicksal besiegelt, nicht der Kampf mit anderen, in dem sie fallen, nicht Hunger und Krankheit, die sie hinstrecken, sondern ihr Totengräber ist der Mensch. Sind wir, die Herren der Natur, die doch mit ihnen brüderlich die Erde teilen sollten und die es nicht schaffen, Frieden mit den Unzivilisierten zu finden und Räume der Freiheit für sie zu sichern.

          Richard Pietraß: „Mistkäfer“

          In einer Reitwegkuhle

          Rollst du das Elend der Welt.

          Philosoph nomadischer Schule

          Räumst die Spur, nicht das Feld.

           

          Sisyphos des Mistbeets

          Wälzt im Apfel das Ei.

          Solang noch ein Pferd im Stroh steht

          Besteht deine Dynastei.

           

          Lackgepanzerter Ritter

          Von der Bauerngestalt.

          Kreuz ich deine Zirkelschritte

          Rädert dich Asphalt.

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