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Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang von Goethe: „Rezensent“

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Bild: akg-images

Marcel Reich-Ranicki, der am 2. Juni hundert Jahre alt geworden wäre, war der Begründer dieser Anthologie. Keinen anderen Autor ließ er öfter besprechen als Goethe. Aber Bewunderung machte ihn nicht blind für dessen Schwächen.

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          Alle Dichter schreiben schlechte Gedichte. Die guten Poeten unterscheiden sich von den schlechten nur dadurch, dass sie bisweilen auch gute Gedichte verfassen. Und wie ist es mit Goethe? Er genießt den Ruf, Deutschlands größter Lyriker zu sein. Das stimmt schon, wenn es um die Poesie geht, kann ihm keiner das Wasser reichen. Aber natürlich hat auch er, der unverbesserliche Vielschreiber, zahlreiche mäßige oder schwache Gedichte produziert, gelegentlich sogar törichte. Doch das dümmste, das seiner Feder entstammt, ist wohl das Gedicht „Rezensent“, veröffentlicht im März 1774.

          Über den unmittelbaren Anlass, der zu diesen Versen geführt hat, sind wir nicht informiert. Es mag sein, dass die Sache mit Christian Heinrich Schmid zusammenhing. Von diesem Gießener Professor der Dichtkunst und Beredsamkeit, der sich auch als Rezensent betätigte, hatte der junge Goethe offenbar keine hohe Meinung: Er sei (so in einem Brief vom 25. Dezember 1772 zu lesen) „ein wahrer Esel“ und obendrein ein „Seheiskerl“. Ob nun Schmid oder ein anderer – sicher ist, dass Goethe attackiert wurde und dass er kräftig zurückschlagen wollte. Dagegen brauchte man noch nichts einzuwenden, wenn nur der Racheakt etwas intelligenter geraten wäre.

          Ein Gegner der Meinungsfreiheit

          „Da hatt ich einen Kerl zu Gast...“ Hier stock’ ich schon. Warum hat jener, der hier berichtet – und wir können annehmen, dass es Goethe persönlich ist –, einen Kerl eingeladen, der einer von ihm verabscheuten Zunft angehört? Denn dass es ein Rezensent war, muss er gewusst haben. Die Selbstrechtfertigung lässt denn nicht auf sich warten: „Er war mir eben nicht zur Last...“ Eine auffallend dürftige Rechtfertigung: Seit wann lädt man jemanden, der einem nur „eben nicht zur Last“ fällt, zum Essen ein? Wollte Goethe gar den Rezensenten für sich einnehmen? Es scheint, dass diesen (doch naheliegenden) Verdacht der Hinweis entkräften soll, es habe keineswegs ein besonders üppiges Mahl gegeben, sondern bloß sein „gewöhnlich Essen“.

          Worüber bei Tisch geredet wurde, erfahren wir nicht, statt dessen hören wir, der Gast habe kräftig zugegriffen und sich „pumpsatt gefressen“, was schwerlich als Vorwurf gelten kann. Indes habe er sich wenig später zu einem Nachbarn über das, was ihm vorgesetzt wurde, ungünstig geäußert. Das ist weder schön noch höflich. Wie aber, wenn die Suppe wirklich fad war und der Braten nicht knusprig genug und der Wein ein wenig sauer? Wie also, wenn – was wir nicht ausschließen können – der Unhöflichkeit der Mangel an Gastfreundschaft vorangegangen war? Hat vielleicht der Eingeladene einen Verstoß gegen die gesellschaftliche Konvention in Kauf genommen, um die Wahrheit sagen zu können? Ist es verwerflich, die Ehrlichkeit mehr zu schätzen als die Höflichkeit?

          Die Frage erübrigt sich, weil wir es mit einem Gleichnis zu tun haben, und zwar mit einem solchen, das hinten und vorne nicht stimmt. Denn Goethe hat nichts anderes im Sinn als die Kritik. Aber der Rezensent, der sich der Arbeiten eines Schriftstellers annimmt, ist nicht von diesem hierzu ausgewählt und eingeladen worden und wird nicht von ihm bewirtet. Im Gegenteil: Er ist gehalten, das, was der Autor geleistet hat, zu prüfen und zu beurteilen und seine Meinung möglichst klar darzulegen, und zwar ohne sich darum zu kümmern, ob dies dem Betroffenen gefallen werde oder nicht.

          Indem Goethe seine Leser auffordert, die Rezensenten totzuschlagen, entpuppt er sich als Anhänger der Todesstrafe und als ein Gegner der Meinungsfreiheit; überdies ist auch der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Und warum das alles? Kaum war das Gedicht „Rezensent“ gedruckt, da wurde Goethe öffentlich belehrt. Der Dramatiker Heinrich Leopold Wagner, den vor allem die Tragödie „Die Kindermörderin“ bekannt gemacht hat, publizierte ein Gegengedicht, das mit den Worten endet: „Schmeißt in todt, den Hund! es ist ein Autor der nicht kritisiert will sein.“

          Johann Wolfgang von Goethe: „Rezensent“

          Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
          Er war mir eben nicht zur Last;
          Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
          Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
          Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt.
          Und kaum ist mir der Kerl so satt,
          Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
          Über mein Essen zu räsonieren:
          „Die Supp hätt können gewürzter sein,
          Der Braten brauner, firner der Wein.“
          Der Tausendsackerment!
          Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.

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