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Frankfurter Anthologie : Rolf Bossert: „Reise“

  • -Aktualisiert am

Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Wie begibt man sich auf die erste große Reise im Bewusstsein, dass diese die letzte sein würde? Rolf Bosserts Verse entstanden im Jahr seiner Ausreise aus Rumänien.

          3 Min.

          Fangen wir mit dem Ende dieses Gedichts an, das 1985, im Jahr von Rolf Bosserts Ausreise aus Rumänien, entstanden sein muss: Der Dichter, 1952 im Banater Industriestädtchen Reschitza geboren, lebte schon seit mehreren Jahren mit seiner Familie in Bukarest. Er hatte in Rumänien zwei Gedichtbände und ein Kinderbuch sowie einige Übersetzungen veröffentlicht und war ordentliches Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbands geworden, doch jedes Mal, wenn über den Verband eine Reise nach Ungarn, in die DDR oder in die Tschechoslowakei, also in eines der „sozialistischen Bruderländer“, möglich gewesen wäre, erhielt Rolf Bossert vom Innenministerium (also dem Geheimdienst) keine Reisegenehmigung. Im Gegenteil: Beim Verlassen des verbandseigenen Restaurants wurde er von gedungenen Schlägern krankenhausreif geschlagen, man bestellte ihn ein zu Verhören, veranstaltete Hausdurchsuchungen bei ihm und lud ihn ein zu Spazierfahrten mit dem Auto. Diese führten in den Wald am Rande der Stadt und sollten Todesangst hervorrufen: Hier könnte ein Unfall inszeniert werden oder hinterrücks eine Erschießung beim Waldspaziergang stattfinden.

          Der unbequeme Dichter sollte psychisch zermürbt und zur endgültigen Ausreise aus Rumänien gezwungen werden. In der Akte des rumänischen Geheimdienstes vermerkt der dafür verantwortliche Offizier, man müsse es so hinbekommen, dass der erwartbare Selbstmord nicht mehr in Rumänien, sondern „drüben“ stattfinde. Und Mitte Februar 1986, sieben Wochen nach der Ankunft der Familie Bossert in Frankfurt am Main, lag Rolf Bossert eines Morgens tot auf den Gehwegplatten des Übergangswohnheims. Wenige Tage zuvor hatte er vor zahlreichen deutschen Autoren im Literarischen Colloquium Berlin aus seinen Gedichten gelesen, wofür er sehr viel Lob erfuhr. Unmittelbar nach der Lesung hatte er gleich zwei Verlagsangebote bekommen.

          Eine Silbe Leben

          Das Gespräch über diese Art Ausweg aus den Lebensnöten hatte der Dichter schon einige Zeit früher begonnen, indem er sich von Paul Celan den „Blick auf die braune Seine“ erbat und sich nach der „Welle des Jahres Siebzig“ erkundigte. Im April 1970 hatte Paul Celan in der Seine seinem Leben ein Ende bereitet. Auch ihm waren die Wörter unter der unfassbaren Gewalt der Zeitumstände zersplittert. Aber es hatte lange gedauert, bis man es als deutscher Autor in Rumänien wagte, die eigene Bedrängnis in der nationalchauvinistischen kommunistischen Diktatur mit dem Schicksal jener deutschsprachigen Juden aus der Bukowina zu vergleichen, die im Namen des nationalsozialistischen Deutschlands und seines Verbündeten Rumänien umgebracht worden waren oder diesem Mordkomplott entkommen sind. Schließlich hatten die Väter und Onkel der in den fünfziger Jahren in Rumänien geborenen Deutschen zu den Mörderbanden gehört, die einen Paul Antschel jederzeit in treuer Pflichterfüllung umgebracht hätten. Herta Müller, nur ein Jahr jünger als Rolf Bossert und mit diesem gut befreundet, hat mehrfach darüber geschrieben, dass sie irgendwann in der finsteren rumänischen Diktatur auch den Gedanken ertragen musste, dass ihr Vater, der mit siebzehn Jahren zur Waffen-SS gegangen war, auch der Mörder von Paul Celan hätte werden können.

          Warum, fragte ich mich, spricht Rolf Bossert von der Bukowina als „dem Krankenland / mit den Buchen“? Ich hätte bedenken sollen, wann er davon gesprochen hat. Er schrieb diese Zeilen nieder, als er mittlerweile selbst psychisch so schwer geschädigt war, dass man ihn als krank bezeichnen konnte – was der ihn terrorisierende Securitate-Offizier sehr wohl wusste. Nun ahnte oder wusste auch er selbst, warum diese Überlebenden des Holocausts, die nach Kriegsende aus Czernowitz nach Bukarest gekommen waren, sich so seltsam verhielten – etwa Immanuel Weißglas, der Dichter jenes Gedichts „Er“, das einige markante Verwandtschaften mit der Todesfuge aufweist, Alfred Kittner, Moses Rosenkranz und andere. Sie waren verängstigt, beschädigt und als Überlebende schuldbeladen; lebenskrank wie Paul Celan und nun, 1985, auch der Autor dieses Gedichts.

          Die Verzweiflung muss hier im Gedicht so groß sein, dass umstandslos und wie über den Kneipentisch hinweg geduzt wird. Auch wird nicht gebeten, wie es sich gehörte, sondern aufgefordert: „Flüstere mir ins Aug“. Wir sind Gefährten im Leid, sagt da der Jüngere beinahe frech, aber er spricht auch deshalb so, weil er sich gern mit dem Älteren messen wollte, schließlich hatte auch dieser auf der Flucht von Bukarest nach Paris ein Reise-Gedicht geschrieben und auf einer Postkarte aus Innsbruck an seinen Freund und Mentor Alfred Margul-Sperber nach Bukarest geschickt. Auch jenes wies einen „prophetischen“ Kern auf, war eine Lebensbilanz und so hellsichtig hoffnungsfern wie jeder schonungslose Blick.

          Wie aber begibt man sich auf die erste bedeutendere Reise eines Lebens im sicheren Bewusstsein, dass diese die letzte sein würde? Denn die Vorsilbe, die Rolf Bosserts Reise kosten soll, lautet „aus“. Die erste Reise ist die Aus-Reise aus dem Land, das einem das Leben zerstört hat. Und über diesem auf den Gehwegplatten im Frankfurter Februar geendeten Leben steht die Vorsilbe nun als Schlussakkord: Aus.

          Rolf Bossert: „Reise“

          Flüstere mir ins Aug
          Deinen Blick auf die braune Seine.
          Die Welle des Jahres Siebzig,
          kreist sie noch
          um das splitternde Wort
          aus dem Krankenland
          mit den Buchen?
          Ach, meine Jungfernreise,
          um den Preis einer Vorsilbe

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