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Frankfurter Anthologie : Ingeborg Bachmann: „Reigen“

  • -Aktualisiert am

Bild: Dr. Heinz Bachmannn

Als Bachmann diese Verse schrieb war sie 27 Jahre alt und gerade mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet worden. Mit ihrer innovativen Weise poetischen Sprechens möchte sie die Zukunft prägen.

          2 Min.

          Schauerlich wäre wohl eine treffende Bezeichnung für den ersten Lektüre-Eindruck dieses Gedichts. Dem lichten, warmen Eingangsvers folgt unerwartet der Absturz in eine Todeszone („erloschen“, „kalt“, „schreckliche Leere“, „tot“), aus der auch die beiden letzten Verse nicht herausführen. Ein Grusel-Text, der an Stummfilme erinnert, wo bleiche Protagonisten mit schwarz umrahmten Augen in die Kamera starren.

          Titel und erstes Wort legen allerdings andere Assoziationen nahe: Max Ophüls’ „Reigen“, ein französischer Filmklassiker aus dem Jahr 1950, ist noch lebhaft im Gedächtnis, als Ingeborg Bachmanns Gedicht 1953 im „Merkur“ erscheint. Der Film beruht auf Arthur Schnitzlers skandalträchtigem Theaterstück, einer freimütigen Reihe erotischer Szenen nach immer gleichem Bauplan. Zunächst verboten, dann ein Erfolg, demonstrieren sie die fortschreitende Trivialisierung der Liebe von einer Bettbegegnung zur nächsten. Sicher weckte Bachmanns gleichnamiges Gedicht die Erwartung, dass es sich in einem ähnlichen Bedeutungsraum bewege.

          Aber die Dichterin, 27 Jahre alt und gerade mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet, spricht weder von Sünde noch Treue noch Lust noch Sex, sondern vom „Löschen der Augen“. Das klingt radikaler als das Sprichwort von der blindmachenden Liebe. „Löschen“ erinnert an „Auslöschung“ und weckt Bilder der Vernichtung. Dass das Feuer der Liebe irgendwann verglüht, ist eine populäre Überzeugung, dass aber die Liebe wie ein Phantom über die Augen der Liebenden streicht, um sie auszulöschen und den eigenen, erloschenen anzugleichen, wirkt gespenstisch.

          Gespenstischer Tanz

          Die Liebe, obwohl destruktiv, währt dennoch „am längsten“, was in diesem Kontext des Unheils wie eine Drohung klingt. Auch das Bild des Kraters, der „kalten Rauch“ ausstößt, widerspricht üblichen Verknüpfungen. Rauch deutet auf Feuer, also Hitze, aber dieser Vulkan beherbergt nur Leere und Frost. Trostlos das alles und weit entfernt von Schnitzlers präzisem Blick auf gesellschaftliche Zustände und individuelle Misere. Bachmanns Gedicht spricht in allgemeinen, bedeutungsschwangeren Aussagen, aber es klingt auch nach Geisterbahn.

          Das poetische Verfahren, den üblichen Satzbau zu durchbrechen und den Leser durch ein paar hingeworfene Begriffe auf Schwermut einzustimmen, erinnert an einen damals auf der Höhe seines Ruhms stehenden Lyriker: „Astern – schwälende Tage. / alte Beschwörung, Bann ...“. Das ist Gottfried Benn, unverkennbar. Er liebte die schlichte Volksliedstrophe, verwandelte sie aber in ein Konzentrat von Assoziationsreizen: „Liebe – halten die Sterne/über den Küssen Wacht, / Meere – Eros der Ferne –/rauschen, es rauscht die Nacht...“ Einige Zeilen weiter: „Liebe – du gibst die Worte/weiter, die dir gesagt,/Reigen – wie sind die Orte / von Verwehtem durchjagt“. Das Gedicht heißt „Liebe“ und erschien, zusammen mit „Astern“ und anderen, im Januar 1936 in der Zeitschrift „Das Gedicht“, nach dem Krieg finden sie Eingang in die berühmten „Statischen Gedichte“. Auch darin also ein „Reigen“, dem Bachmanns Strophen in Form und Melancholie verwandt sind.

          Für die 1926 geborene Dichterin gehörte Benn zu den Schuldigen der Vätergeneration. Mit ihrem Debüt „Die gestundete Zeit“, in das der „Reigen“ einging, will sie eine andere, innovative Weise poetischen Sprechens beginnen, die die Zukunft prägen soll. Ihre Verse finden ein intensives Echo, die neuen Bilder, der eigenwillige Ton erregen Bewunderung. Manche Formulierungen werden zum geflügelten Wort („Es kommen härtere Tage“).

          „Reigen“ ist eher ein Begleittext, perfekt und eingängig im Spiel mit dem Metrum und den selten benutzten identischen Reimen. Aus seinen dunklen Strophen kommen uns die fünfziger Jahre entgegen, Worte zu einem imaginären Chanson, das eine Diseuse in einer verrauchten Kellerbar hätte vortragen können. Und die Sangbarkeit, die aufgeladenen Schlüsselwörter, die Tristesse ... Nicht nur in „Reigen“ gibt es Anklänge an das Pathos aus der Bozener Straße, und man wüsste gern, was die Dichterin über diese Nicht-und-doch-Beziehung gedacht und gesagt hätte, wäre sie alt genug geworden für Rückblicke.

          Ingeborg Bachmann: „Reigen“

          Reigen – die Liebe hält manchmal
          im Löschen der Augen ein,
          und wir sehen in ihre eignen
          erloschenen Augen hinein.

          Kalter Rauch aus dem Krater
          haucht unsre Wimpern an;
          es hielt die schreckliche Leere
          nur einmal den Atem an.

          Wir haben die toten Augen
          gesehn und vergessen nie.
          Die Liebe währt am längsten
          und sie erkennt uns nie.

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