https://www.faz.net/-gr0-7w2uo

Frankfurter Anthologie : Rainer Maria Rilke: „Lied vom Meer“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Wäre Rainer Maria Rilke nicht auf Capri gewesen, er hätte die Insel erfinden müssen. In seinem Gedicht „Lied vom Meer“ entdeckt er die betörenden Gesänge der Sirenen wieder.

          Capri hat zwei Gesichter. Alles scheint sich unter jeweils umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen: Dem Fährhafen der Marina Grande im Westen liegt die Bootsanlegestelle der Marina Piccola im Osten gegenüber, das mondäne Capri-Städtchen hat sein Echo im nördlichen, am Monte Solfatara gelegenen Bergdorf Anacapri; die Sirenenfelsen der Faraglioni südlich der Marina Piccola sind doppelt, als hätte der Ursprung hier sogleich sein Echo erzeugt. Wessen Ursprung? Des Sirenenlieds und der orphischen Gesänge, die vor Capri aufeinander stießen? Nicht nur Odysseus maß sich im IX. Gesang der Odyssee, an den Mast gebunden von seinen Kameraden, denen er die Ohren mit Wachs versiegelt hatte, mit den betörenden Sirenen; schon der Argonaut Orpheus hatte ihrem Lied mit seinem eignen so zugesetzt, dass sie Jason mit dem Goldenen Vlies passieren ließen.

          Ein Echo dieser Ursprungsmythen geistert durch Rilkes Gedicht (Gedichttext unten). Wäre er nicht auf Capri gewesen, er hätte die Insel erfinden müssen. Im ihrem Namen konzentriert sich, in vierzehn unscheinbare Verse verpackt, sein OEuvre von den „Neuen Gedichten“, in deren zweiten Teil 1908 auch das „Lied vom Meer“ erschien, bis zu den Sonetten an Orpheus.

          Der Capri-Code

          Es war ein seltsames Halbjahr, das Rilke zwischen Dezember 1906 und Mai 1907 als Gast von Alice Fähndrich, Gräfin zu Nordeck, mit der blutjungen Manon zu Solms-Lauterbach auf Capri verbrachte, während er seiner Frau Clara Westhoff Sonntagsbriefe nach Ägypten schrieb. Rilke bewohnt das sogenannte „Rosenhäuschen“ im Garten der Villa Discopoli und beklagt sich über die eiskalten Stürme, die bis in den März die Insel heimsuchen und der mediterranen Landschaft einen nordischen Anstrich verleihen. Die Touristen, eine Plage seit August Kopischs Wiederentdeckung der Blauen Grotte 1838, meidet er wie die Pest. Die Via Tragara, wo Fähndrichs Villa lag, und die heute nur mit Nerudas, nicht aber Rilkes Anwesenheit kokettiert, macht es leicht, Piccola Marina, Faraglioni und die heute noch menschenleere Einsamkeit der karstweißen, mit Rosmarin- und Ginsterbüschen, Pinien und Korkeichen bewaldeten Südostspitze zu erreichen - sie ist die direkte Verlängerung der Via Tragara, die so gleichsam von der Zivilisation in archaische Kargheit zurückführt; das steckt schon im Namen des Gässchens, der auf Altgriechisch soviel wie „Ziegengemächt“ oder „Bocksbeutel“ heißt und etymologisch an die Tragödie rührt.

          Der doppelte Boden der Insel ist in Rilkes Lied wunderbar gegenwärtig, weil es sich selber auf dem doppelten Boden der Sprache bewegt. Die Dinge sind nur auf den ersten Blick, was ihr Name zu sein vorgibt. Fast alles taucht zweimal auf, ohne in der Wiederholung miteinander identisch zu sein. Einmal ist das „uralte Wehn“ mit „du“ angesprochen, als gäbe es eine gemeinsam geteilte Sprache; das zweite Mal rückt es in Distanz: „nur wie für Ur-Gestein“ - da ist die Elementarmusik nur im Vergleichspartikel abrufbar; das Wie trennt die Sprache der stummen, aber keineswegs lautlosen Dinge vom menschlichen Logos, der sie nur beschwören, nicht aber ,verstehen‘ kann. Der „laute Raum“ will unentwegt gedeutet sein, was mit den rhetorischen Künsten der Sprache gerade nicht oder nur vorläufig gelingen kann.

          Das Bild des „treibenden Feigenbaums“ schließlich enthält schon die Blätter, die sich ohne Blütenstand unmittelbar aus der Knospe in die Sonne hinein entrollen: Hände, die die Welt begreifen wollen. Hier verbirgt sich der Code zu Rilkes später Lyrik, die mit der Beschwörungskraft sprachlicher Tropen an die Elemente reicht und genau dadurch zeigt, dass ihrer gar nicht habhaft zu werden ist. Die Lieder, die so entstanden, sind die betörendsten Gesänge, seit es keine Sirenen mehr gibt.

          Lied vom Meer

          CAPRI. PICCOLA MARINA

          Uraltes Wehn vom Meer,

          Meerwind bei Nacht:

          du kommst zu keinem her;

          wenn einer wacht,

          so muß er sehn, wie er

          dich übersteht:

          uraltes Wehn vom Meer,

          welches weht

          nur wie für Ur-Gestein,

          lauter Raum

          reißend von weit herein ...

          O wie fühlt dich ein

          treibender Feigenbaum

          oben im Mondschein.

          Weitere Themen

          „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab Video-Seite öffnen

          12 Preise für Fantasyserie : „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab

          Game of Thrones stellt dabei den eigenen Rekord ein und konnte nach 2015 und 2016 erneut 12 Auszeichnungen verbuchen, darunter auch der Preis für die beste Dramaserie. Heimliche Gewinnerin des Abends war Phoebe Waller-Bridge, die für „Fleabag“ drei Emmys gewann.

          Alle einmal herhören

          Der neue F.A.Z.-Bücher-Podcast : Alle einmal herhören

          Was kommt mit dem doppelten Literaturnobelpreis auf uns zu? Wie politisch ist Margaret Atwoods neuer Roman? Muss man sich vor einem Lebenshilfe-Bestseller fürchten? Die Antworten gibt’s im neuen Bücher-Podcast.

          Topmeldungen

          Thunberg beim Klimagipfel : „Wie könnt Ihr es wagen!“

          Greta Thunberg kritisiert beim UN-Klimagipfel in New York die zögerliche Haltung der Politik beim Klimaschutz und reicht eine Menschenrechtsbeschwerde ein. Bundeskanzlerin Merkel antwortet: „Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.“

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.