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Frankfurter Anthologie : Rafael Alberti: „Der unbekannte Engel“

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Bild: Leemage

Was ist das für ein herabgestiegener Engel in diesem Gedicht? Er erinnert an die Flügelwesen in Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“. Vor allem eines aber unterscheidet ihn: der Selbstzweifel.

          Schon sein Name schien ein Omen: Rafael, der Dritte in der Folge der sieben Erzengel. Ihnen gilt der Klageruf, mit dem das Gedicht anhebt: Heimweh! Beschwörung einer Erinnerung an die himmlische Herkunft, an ein früheres Sein, einen vormaligen „Status“ des Ichs: „Ich war ...“ Stolz hallt darin nach, und in dem Aufruf „Schaut mich an“ schwingt die Frage mit, ob von dieser Abkunft noch etwas erkennbar sei.

          Was die beiden folgenden Strophen beschreiben – der namenlose Jedermann, der statt seiner Engelstunika Jackett und Hosen trägt und unerkannt durch die Straßen zieht – hat Jahrzehnte später Wim Wenders in „Himmel über Berlin“ in einer unvergesslichen Szene dargestellt: wenn Bruno Ganz in einem Secondhand-Laden seine goldene Engelsrüstung gegen einen leicht verjährten Niemandsanzug eintauscht, um mit fremdem, erstauntem Blick das ummauerte Berliner Erdendasein zu erkunden. Hier aber endet auch der Vergleich. Wie geflüstert lautet jetzt, am Ende der dritten Strophe die Bitte des Unbekannten: „Sag mir, wer ich bin“. Nicht mehr an eine Menge ist sie gerichtet, sondern scheuer, intimer an einen Einzelnen. Etwas wie Verzweiflung ist ihr anzuhören, nach all der Erfahrung, nicht erkannt, erinnert zu werden, ein Selbstzweifel dessen, der einmal Flügel besaß. Worauf erneut ein Aufschwung folgt: trotzig in der Wiederholung, doch zugleich verhaltener, demütiger klingt jetzt dieses „ich war“. Und dann noch einmal, jetzt wie mit flehendem Stolz die Aufforderung: „Schaut mich an“.

          Prometheische Kräfte der Empörung

          Man hat ihn den „Ariel“ der Poesie genannt, als heiteren Luftgeist gefeiert, der in seinem ersten Gedichtband „Matrose an Land“ wie schwerelos seine Sehnsucht nach dem Meer besang, nach dem Blau und dem Licht seiner heimatlichen Bucht nahe Cádiz. Da war Alberti gerade zwanzig Jahre alt, eine Lungenkrankheit hatte ihn in die Berge verbannt, aus seiner Sehnsucht erwuchs ihm der frühe Ruhm. Als der Siebenundzwanzigjährige 1929 die Engelsgedichte herausbrachte, war das Echo wieder groß, doch erklang es schon in einem anderen Raum, dessen politische Dimension erst erahnbar war, auch für den Dichter selbst. Eine mehrjährige Krise, eine unglückliche Liebe, die verzweifelte Suche nach sich selbst, seiner Bestimmung als Künstler, Dichter oder auch Maler hatte sich während eines fast vollständigen Rückzugs von Freunden und Kunstgetriebe in immer neuen Engelsbeschwörungen Ausdruck verschafft – in Bannflüchen, Lockungen und Entlarvungen, in Kämpfen mit den Dämonen der Erinnerung, die ihn quälten und folterten, um nur für wenige Augenblicke im dreimaligen Erscheinen eines „guten Engels“ Seelenruhe, ein Aufatmen zu gewähren.

          Der „unbekannte Engel“ ist das dritte Gedicht der in drei Teilen komponierten Sammlung, leitmotivisch wiederholt sich in ihren Titeln jeweils das Zitat des Dichters Gustavo Adolfo Bécquer: „Gast der Nebelschwaden“. Dies sind nicht die in Sprach- und Gedankenglanz prunkenden Engel Rilkes, auch nicht die ein Jahrzehnt später, schon im Schatten von Krankheit und Krieg traumhaft skizzierten von Klee, die, ihrer Flügel zwischen Vogel und Engel ungewiss, noch im Werden sind. Albertis Engel sind Seelenzustände, Energien, prometheische Kräfte der Empörung, des Aufruhrs, der Pein, sie sind die dissonanten Tonlagen des eigenen Selbst, die Myriaden poetischer Funken erzeugen – ein apokalyptischer Bilderrausch, an dessen Ende ein einziger „überlebender“ Engel steht, „verwundet, die Flügel gestutzt“.

          Aber noch einen anderen Gast mag man in den Nebelschwaden erkennen, in dem Albertis Grundthema des Exils Gestalt annahm: seine persönliche Vertreibung aus dem andalusischen Kindheitsparadies wie auch die spätere politische nach dem Bürgerkrieg, die ihn erst nach Paris und dann nach Argentinien führte. In den im Exil entstandenen Erinnerungen „Der verlorene Hain“ hat er die Verluste beschrieben, deren Echo bereits in der „Entrada“ zu seinen Engelsgedichten („Verlorenes Paradies“) erklang. Seine spätere Hinwendung zum Kommunismus deutet sich darin an, weniger ideologisch als im Sinne einer irdisch einzulösenden Humanität, deren Baotschaft der Hebräerbrief mit der Erzählung vom unerkannten Engel und seiner gastfreundlichen Aufnahme bewahrt: Schaut Euch an, erinnert Euch! Der Fremde, der andere, Erdengast wie Ihr, könnte immer auch ein verkleideter Engel sein.

          Rafael Alberti: „Der unbekannte Engel“

          Heimweh nach den Erzengeln!
          Ich war ...
          Schaut mich an.

          Gekleidet bin ich in weltläufigem Stil,
          die Flügel sieht man mir nimmer an.
          Niemand weiß, wie ich gewesen.
          Sie kennen mich nicht.

          In den Straßen – wer erinnert sich noch?
          Feste Schuhe sind nun meine Sandalen.
          Statt der Tunika trage ich Tweedjacke
          und Hosen.
          Sag mir, wer ich bin.

          Und dennoch, ich war ...

          Schaut mich an.

           

          Aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang.

          ***

          El ángel desconocido

          ¡Nostalgia de los arcángeles!
          Yo era …
          Miradme.

          Vestido como en el mundo,
          ya no se me ven las alas.
          Nadie sabe cómo fui.
          No me conocen.

          Por las calles, ¿quién se acuerda?
          Zapatos son mis sandalias.
          Mi túnica, pantalones
          y chaqueta inglesa.
          Dime quién soy.

          Y, sin embargo, yo era …

          Miradme.

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