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Frankfurter Anthologie : Jan Röhnert: „Postkarte aus Hadramaut“

  • -Aktualisiert am

Bild: Alexander Paul Englert

Erinnerung an eine Erinnerung: Dinge gehen verloren, Menschen geraten aus dem Blickfeld, Länder verschwinden von der Landkarte. Das Gedicht beschwört Untergegangenes zuverlässig wieder herauf.

          2 Min.

          Wo in aller Welt liegt die Postkarte aus Hadramaut? In welcher Schublade, in welchem Buch, als Lesezeichen zwischen die Seiten geklemmt, ging sie verloren? Ich bin drauf und dran, erst den Schreibtisch, dann die Regale des Bücherschranks, schließlich die ganze Wohnung auf den Kopf zu stellen. Unruhe, Rastlosigkeit ergreifen mich, ein Gefühl von Wut und Bestürzung, von meinem eigenen Leben abgeschnitten zu sein, solange die Postkarte aus Hadramaut verschollen bleibt. Was hat sie, die ich hatte hervorkramen wollen, um mich der plötzlich aufgekommenen Erinnerung an eine alte Erinnerung zu vergewissern, was haben die weißen Hochhäuser von Hadramaut auf ihr mit mir und meinem Leben zu tun?

          Die Geschichte der Postkarte führt in jene Zeit zurück, als ich noch alle Briefmarken, welche uns unregelmäßig aus aller Welt erreichten, in ein Album steckte. Der Professor lehrte Deutsch und Englisch im, wie es hieß, „befreundeten Ausland“, erst im indischen Hyderabad, als Indien noch mit dem Sozialismus liebäugelte, dann in der „Volksdemokratischen Republik Jemen“.

          Wie sich Verschollenes beschwören lässt

          Auf den kleinen Marken, die uns aus Indien erreichten, war ein beturbanter Teppichweber mit einem Schriftzug in Sanskrit zu sehen, auf den größeren Marken aus dem jemenitischen Bruderstaat ein Wiedehopf mit eigentümlich monumental stilisierten kufischen Lettern darunter abgebildet, der ältesten für heilige Texte verwendeten arabischen Kalligraphie.

          Das Auto des in der Ferne tätigen Professors stand während seiner Abwesenheiten in der zur Garage ausgebauten Scheune, die mein Großvater ihm angeboten hatte, sie waren befreundet, man half sich gegenseitig aus mit dem, was einem jeweils zuhanden war, wir besaßen die Garage, er die ferne Welt, aus welcher er uns von Zeit zu Zeit Postkartengrüße zukommen ließ. Ich bekam den Professor selber nie zu Gesicht, und als die Jemenitische Volksrepublik einen Monat vor dem Ende der DDR in der westlich gelegenen Arabischen Republik Jemen aufging, brauchte man den Professor dort nicht mehr, unsere Garage wurde an andere verpachtet.

          Das jemenitische Hadramaut gilt als die Landschaft der sagenumwobenen antiken Königin von Saba, nach welcher Salomon in der Koransure „An-naml“ (Die Ameisen) einen Wiedehopf ausschickt – daher wird dieser Vogel in muslimischen Ländern noch heute besonders verehrt. Dank des von den auf der Weihrauchstraße durchziehenden Karawanen kommenden Reichtums brachte Hadramaut die einzigartige Hochhausarchitektur von Shibam hervor, die der deutsche Reisende und Fotograf Hans Helfritz 1932 als ein „Chicago der Wüste“ bezeichnete.

          Hadramaut gilt zugleich als Wiege der modernen Kaffeekultur, die von dort aus nach und nach die arabische und die europäische Welt eroberte. Echter Arabica aus Hadramaut ist unter Kennern mindestens so begehrt wie eine blaue Mauritius unter Philatelisten. Als ich mich vor zwei Jahren in den Gewürzläden von Kairo nach jemenitischem Kaffee durchfragte, bot man mir jedoch höchstens Mischungen „nach jemenitischer Art“ an, denn seit dem Krieg komme nichts mehr durch, die Ernten seien ohnehin zerstört und die Bauern vertrieben.

          Carsten Niebuhr, der große Arabien-Reisende, musste im Jahr 1763 auf den Besuch Hadramauts verzichten, weil die Gefährten mit Malaria darniederlagen. Im Internet suche ich vergebens nach aktuellen Fotos von der Stadt. Alles, worauf ist stoße, ist das Bild eines leckgeschlagenen Öltankers vor der Küste, welcher den Rebellen als Schutzschild gegen die saudische Koalition dienen soll.

          Die Postkarte aus Hadramaut bleibt unauffindbar. Ich ziehe meine alte mechanische Schreibmaschine aus dem Schrank und schlage das Gedicht aus den Tasten, als könne ich dadurch das Verschollene heraufbeschwören.

           

          Jan Röhnert: „Postkarte aus Hadramaut“

          Erinnerst du dich, in der Abendsonne,
          das rötliche Gestein, oder Ocker, aus
          dem Geröll der Ebene, hart vor dem Felshang
          steigt die Stadt, weiße Mauern vom Stift der Sonne
          nachgezogen in kufischer Schrift, die Kuppeln
          leuchteten vom Balkon, die Vorsprünge, Balus-
          traden, das Gitterwerk, die sengenden Suren
          im menschenleeren Mittag, Farben, Form, Gestein
          zwischen den Kartons verloren jetzt,
          Postkarte aus Hadramaut,
          meine Sinne kreisen um ein leeres Minarett,
          winzige Briefmarken in kufischer Schrift
          Lebenszeichen für mein Album,
          wenn ich am Globus drehte, mit dem Finger über Länder
          glitt, die es nicht mehr gibt, Golf von Aden, Sana
          bricht zusammen, keine Kaffeebohnen mehr,
          rostende Tanker im Meer geparkt, verloren
          der Ort im Gegenlicht, der ferne Schriftzug
          einer weißen Stadt, verloren
          die Postkarte aus Hadramaut.

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